Washington wollte einen Triumphbogen – und bekommt womöglich gleich Drohnenlager, Scharfschützenplätze und Munitionsdepot dazu. Ronald Tramp besichtigt den Arc de Tröömp, bei dem selbst Paris plötzlich erstaunlich bescheiden wirkt.
Von Reporter Ronald Tramp, Washington – dort, wo selbst Architektur inzwischen einen Verteidigungshaushalt braucht.
Meine Damen und Herren, ich habe schon vieles gesehen. Sehr vieles. Unglaublich vieles. Ich habe Regierungsgebäude gesehen, die aussahen wie Sparkassen. Ich habe Denkmäler gesehen, die aussahen wie Regierungsgebäude. Und ich habe Parkhäuser gesehen, bei denen wenigstens von Anfang an klar war, dass darin Fahrzeuge untergebracht werden sollen.
Aber jetzt kommt Washington.
Hier soll ein Triumphbogen entstehen. Nicht irgendeiner. Nein. Ein großer Triumphbogen. Ein sehr großer. Ein Triumphbogen, bei dessen Anblick der Pariser Arc de Triomphe vermutlich diskret seinen Reisepass verbrennt und sich künftig „Gartentor“ nennt.
Rund 76 Meter soll das amerikanische Prachtexemplar nach bisherigen Planungen hoch werden. Paris bringt es ungefähr auf 50 Meter. Damit wäre die wichtigste architektonische Frage offenbar bereits beantwortet:
Ist er größer als der französische?
Ja.
Gut.
Außenpolitik erledigt.
Ursprünglich klang die Sache noch vergleichsweise harmlos: monumentales Bauwerk, Touristenattraktion, Aussichtsplattform, Fotos, Souvenirshop – vielleicht irgendwann ein Kühlschrankmagnet mit der Aufschrift „I survived Washington“.
Doch nun hat das Projekt offenbar die amerikanischste aller Weiterentwicklungen durchlaufen.
Aus „Touristen können oben die Aussicht genießen“ wurde sinngemäß:
„Was wäre, wenn dort zusätzlich Scharfschützen säßen?“
Willkommen beim Arc de Tröömp 2.0 – jetzt mit Drohnenfach und Munitionskeller.
Donald Trump erklärte, der Bogen könne auf Wunsch des Militärs zu einem erstklassigen militärischen Komplex ausgebaut werden. Dort könnten Drohnen gelagert und schnell eingesetzt werden, Scharfschützen könnten auf Dach und Platzbereichen Stellung beziehen, und Munition ließe sich ebenfalls bevorraten.
Das ist praktisch.
Andere Länder bauen Triumphbögen, um Siege vergangener Jahrhunderte zu feiern.
Amerika baut einen, der vorsichtshalber schon für den nächsten geeignet ist.
Ich stelle mir inzwischen die Führung für Touristen vor:
„Links sehen Sie das Lincoln Memorial. Rechts Arlington. Geradeaus befindet sich unser Souvenirshop. Bitte greifen Sie nicht ins obere Regal, dort liegen die Drohnen.“
Und ganz oben die Aussichtsplattform:
„Meine Damen und Herren, genießen Sie den einzigartigen Blick über Washington. Ferngläser erhalten Sie für fünf Dollar. Das andere Zielfernrohr bitte nicht anfassen.“
Natürlich geschieht alles wegen der nationalen Sicherheit.
Dieser Begriff ist architektonisch ausgesprochen praktisch. Früher musste ein Bauherr erklären, warum er Balkone, Tiefgaragen oder Dachterrassen braucht. Heute sagt man einfach „nationale Sicherheit“, und schon klingt selbst ein Geräteschuppen wie das Pentagon.
Trump schrieb außerdem sinngemäß, eine derartige Anlage werde weltweit einzigartig sein.
Das glaube ich sofort.
Denn vermutlich hat bislang kein Stadtplaner morgens eine Skizze eines Triumphbogens betrachtet und gesagt:
„Sehr hübsch. Aber irgendwie fehlen mir Drohnengaragen.“
Paris dürfte jedenfalls nervös sein.
Der Arc de Triomphe steht dort seit dem 19. Jahrhundert herum, völlig unbewaffnet. Keine Drohnen. Keine Scharfschützenstation. Kein Munitionsdepot.
Praktisch wehrlose Architektur.
Peinlich.
Vielleicht beginnt jetzt ein internationales Wettrüsten der Sehenswürdigkeiten. Der Eiffelturm bekommt Flugabwehr. Big Ben erhält Torpedorohre. Das Brandenburger Tor beantragt einen Flugzeugträgerstellplatz.
Und Washington?
Washington bekommt möglicherweise ein Bauwerk, das Denkmal, Aussichtspunkt, Touristenmagnet und militärische Infrastruktur zugleich sein soll.
Das ist nicht mehr „Form follows function“.
Das ist:
„Function follows whatever uns gerade noch einfällt.“
Ich, Ronald Tramp, sehe schon die zukünftigen Reiseführer:
„Der Arc de Tröömp gilt als Meisterwerk moderner Multifunktionsarchitektur. Er erinnert gleichzeitig an Vergangenheit, Gegenwart und daran, dass Sie Ihren Rucksack bitte niemals unbeaufsichtigt lassen.“
Eines muss man dem Projekt lassen: Bescheidenheit spielt offensichtlich keine tragende Rolle.
Aber vielleicht ist genau das die neue Washingtoner Architekturphilosophie:
Wenn schon Denkmal, dann gigantisch.
Wenn schon gigantisch, dann militärisch.
Wenn schon militärisch, dann mit Drohnen.
Und wenn jemand fragt, warum ein Triumphbogen überhaupt ein Munitionslager braucht?
Dann lautet die Antwort vermutlich:
Weil ein normales Denkmal einfach viel zu französisch wäre.

