Berlin hat gewählt, die Linke liegt vorn, die CDU sucht Haltung, die SPD sucht sich selbst und das BSW sucht die Fünf-Prozent-Marke. Ronald Tramp berichtet aus dem politischen Hauptstadtzirkus, in dem am Ende vermutlich wieder drei Parteien erklären müssen, warum sie sich eigentlich schon immer irgendwie mochten.
Von Reporter Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für Hauptstadtchaos, Dreierbeziehungen und demokratisches Möbelrücken
BERLIN – Meine Damen und Herren, willkommen in der Hauptstadt!
Hier wird nicht einfach gewählt.
Hier wird KOMBINIERT.
Andere Länder haben Wahlergebnisse.
Berlin hat ein Gesellschaftsspiel.
Aktuell liegt die Linke bei den Hochrechnungen deutlich vorne, die CDU dahinter, gefolgt von den Grünen. Die AfD rangiert vor der SPD, während das BSW an jener berühmten magischen Linie herumturnt, bei der sich Politik innerhalb weniger Zehntelprozentpunkte entweder in eine Fraktion oder in einen traurigen Presseabend verwandelt. (n-tv.de)
Ich, Ronald Tramp, habe deshalb sofort meinen Koalitionsrechner eingeschaltet.
Er zeigte:
FEHLER 404 – EINFACHE REGIERUNG NICHT GEFUNDEN.
Fantastisch.
Berlin schafft es sogar, Mathematik kompliziert aussehen zu lassen.
Denn reine Zweierbündnisse scheinen nach aktuellem Stand nicht zu reichen. Wer regieren will, braucht vermutlich drei Parteien. (n-tv.de)
Drei!
Das ist keine Koalition mehr.
Das ist eine Wohngemeinschaft mit Geschäftsordnung.
Man stelle sich die erste Sitzung vor.
Partei eins: „Wir wollen bauen.“
Partei zwei: „Aber anders.“
Partei drei: „Wir wollen erst prüfen, wie man anders bauen könnte.“
Berlin: „Perfekt. Projektstart 2037.“
Sehr effizient.
Sehr Hauptstadt.
Sehr Berlin.
Die Linke hat an diesem Abend kräftig zugelegt und ihre Spitzenkandidatin Elif Eralp erklärte ihre Bereitschaft, Regierungsverantwortung zu übernehmen. CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers räumte Verluste ein. SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach sprach sogar von einem „katastrophalen Ergebnis“. (n-tv.de)
Das ist selten.
Politiker benutzen das Wort „katastrophal“ normalerweise nur für Dinge, die die andere Partei gemacht hat.
Wenn jemand es über das eigene Ergebnis sagt, wissen Sie:
Die Schnittchen im Willy-Brandt-Haus werden heute nicht nachbestellt.
Und dann Berlin!
Eine Stadt, in der Sie morgens beim Bürgeramt einen Termin für Februar bekommen und abends binnen sieben Minuten fünf mögliche Regierungsbündnisse präsentiert werden.
Ich frage mich:
Warum organisiert der Koalitionsrechner nicht gleich die Verwaltung?
Vielleicht gäbe es dann für jeden Reisepass drei Parteien, zwei Sondierungsgespräche und eine verbindliche Absichtserklärung bis 2029.
Besonders unterhaltsam ist das politische Ritual nach der Wahl.
Vorher:
„Mit denen? Niemals!“
18:01 Uhr:
„Das Ergebnis müssen wir respektieren.“
18:45 Uhr:
„Wir müssen demokratische Verantwortung übernehmen.“
20:15 Uhr:
„Gespräche sind kein Selbstzweck.“
22:30 Uhr:
„Wir hatten ein konstruktives erstes Telefonat.“
Drei Wochen später:
„Uns verbindet mehr, als uns trennt.“
Meine Damen und Herren, so beginnt entweder eine Koalition oder eine sehr schlechte romantische Komödie.
Auch die SPD erlebt einen historischen Moment, nur vermutlich nicht in der Art, wie man ihn sich auf Wahlplakaten vorgestellt hatte. Sie landete nach den aktuellen Hochrechnungen hinter der AfD auf Platz fünf und steuert damit auf ihr schlechtestes Berliner Ergebnis seit der Wiedervereinigung zu. (n-tv.de)
Das ist bitter.
Über Jahrzehnte war Berlin für die SPD ungefähr das, was Currywurst für den Imbiss war:
Man dachte, sie gehört einfach dazu.
Und plötzlich fragt jemand:
„Haben wir eigentlich noch SPD?“
„Hinten links, neben der Serviette.“
Dann ist da das BSW.
Fünf Prozent.
Diese Zahl ist der politische Türsteher Deutschlands.
4,9?
„Du kommst hier nicht rein.“
5,0?
„Moment, wir prüfen noch.“
5,1?
„Willkommen im Parlament, Garderobe rechts.“
Ich liebe Demokratie.
Sie kann Millionen Stimmen in ein Nervenspiel verwandeln, bei dem ein Zehntelprozent mehr Spannung erzeugt als drei Staffeln Netflix.
Und natürlich gibt es Koalitionsoptionen.
Rot-Grün-Rot wird diskutiert.
Auch andere Dreierbündnisse sind rechnerisch denkbar. Gleichzeitig lehnen die anderen im Parlament vertretenen Parteien eine Regierungszusammenarbeit mit der AfD ab. (n-tv.de)
Damit beginnt nun Berlins Lieblingssport:
WER KANN MIT WEM, OHNE ZU SAGEN, DASS ER MIT WEM KANN?
Ich sehe bereits Sondierungsrunden.
Kaffee.
Wasser.
Dicke Mappen.
Menschen mit ernsten Gesichtern.
Nach sechs Stunden kommt einer heraus und sagt:
„Die Gespräche waren offen.“
Das bedeutet:
Niemand ist gegangen.
Noch.
Ronald Tramp meint:
Berlin hat erneut bewiesen, dass man aus einer einfachen Frage – „Wer soll regieren?“ – problemlos ein mehrwöchiges Escape-Room-Spiel machen kann.
Die Wähler geben zwei Stimmen ab.
Die Parteien benötigen anschließend ungefähr zweitausend Gespräche, dreihundert Positionspapiere und einen Koalitionsrechner, der irgendwann leise zu rauchen beginnt.
Aber keine Sorge.
Am Ende wird Berlin selbstverständlich regiert.
Von wem?
Das erfahren wir, sobald drei Parteien gleichzeitig sagen können:
„Eigentlich wollten wir etwas völlig anderes – aber genau deshalb passt es hervorragend.“
Fantastisch.
Historisch.
Und vor allem:
SEHR BERLIN.

