In Mecklenburg-Vorpommern wird ausgezählt – und plötzlich starren ganze Parteizentralen gebannt auf bunte Balken. Ronald Tramp berichtet vom großen Wahlabend zwischen AfD-Jubel, SPD-Zittern, CDU-Fünf-Prozent-Akrobatik und der Frage, warum Politik nach 18 Uhr aussieht wie Bundesliga mit Taschenrechner.
Von Reporter Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für Wahlbalken, Koalitions-Tetris und demokratische Prozentrechnung
SCHWERIN – Meine Damen und Herren, es ist geschehen.
Die Wahllokale sind geschlossen.
Die Kameras laufen.
Die Schnittchen stehen bereit.
Und ganz Deutschland entdeckt schlagartig seine tiefe wissenschaftliche Leidenschaft für BALKENDIAGRAMME.
Es ist Wahlabend in Mecklenburg-Vorpommern.
Ein Abend, an dem gestandene Politiker innerhalb von drei Sekunden lernen, dass 37 größer als 35,5 ist und fünf gleichzeitig eine Zahl, eine Schicksalsgemeinschaft und ein medizinischer Notfall sein kann.
Nach den ersten Prognosen lag die AfD knapp vor der SPD. Die CDU kämpfte gleichzeitig in jener geheimnisvollen Gegend der deutschen Mathematik herum, in der ein einziger Prozentpunkt darüber entscheidet, ob am nächsten Morgen Fraktionssitzung oder Gruppentherapie angesetzt wird. Das endgültige Ergebnis stand zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest.
Ich, Ronald Tramp, habe mich deshalb sofort vor den Fernseher gesetzt.
Professionelle Wahlbeobachtung.
Sehr professionell.
Neben mir: Salzstangen.
Vor mir: Hochrechnung.
In meinem Kopf: völlige Klarheit.
NIEMAND WEISS NOCH GENAU, WAS PASSIERT, ABER ALLE HABEN BEREITS EIN STATEMENT.
Fantastische Demokratie.
Besonders groß war natürlich die Aufmerksamkeit für die AfD, die ich im Rahmen meiner journalistisch völlig unseriösen Wortspielabteilung heute feierlich zur „Allianz für Dummlaberei“ ernenne.
Bitte beachten:
Satire.
Keine Parteiumbenennung beim Bundeswahlleiter.
Noch nicht einmal ein Antrag.
Die Allianz steht also vor Kameras, während Reporter die wichtigste deutsche Wahlabendfrage stellen:
„Was bedeutet dieses Ergebnis?“
Eine hervorragende Frage.
Die Antwort lautet traditionell bei jeder Partei:
„Die Menschen wollen Veränderung.“
Gewinnt man: Die Menschen wollen Veränderung.
Verliert man: Die Menschen wollen offensichtlich noch mehr Veränderung.
Bleibt alles gleich: Die Menschen wünschen Stabilität beim Veränderungsprozess.
Politikwissenschaft kann sehr einfach sein.
Die AfD konnte nach den ersten Zahlen gegenüber ihrem Ergebnis von 2021 deutlich zulegen; damals hatte sie 16,7 Prozent erreicht. Die SPD, die 2021 mit 39,6 Prozent stärkste Kraft geworden war, lag am frühen Wahlabend diesmal knapp dahinter.
Im Fernsehen entstehen währenddessen sofort die bekannten Grafiken:
Pfeile nach oben.
Pfeile nach unten.
Gesichter ernst.
Moderatoren laufen vor riesigen Touchscreens herum und schieben Parteibalken, als planten sie eine neue Küche.
„Wenn wir jetzt diese Partei mit jener kombinieren …“
Wisch.
„… reicht es möglicherweise.“
Wisch.
„Wenn diese Partei aber nicht hineinkommt …“
Wisch.
„… haben wir eine völlig neue Situation.“
Meine Damen und Herren, deutsche Regierungsbildung ist inzwischen Candy Crush für Politikwissenschaftler.
Man braucht nur keine Süßigkeiten zu kombinieren.
Man kombiniert Parteien, die sich vorher sechs Wochen lang erklärt haben, warum sie einander furchtbar finden.
Besonders spannend wird das berühmte Koalitionsspiel.
Der Wahlabend beginnt mit:
„Mit denen niemals!“
Dann erscheinen Zahlen.
Eine Stunde später:
„Wir respektieren selbstverständlich das Wahlergebnis.“
Noch eine Hochrechnung später:
„Demokratische Verantwortung verlangt Gesprächsbereitschaft.“
Und irgendwann Montagmorgen:
„Wir haben nie ausgeschlossen, gemeinsam über die Einrichtung einer unverbindlichen Arbeitsgruppe zur Prüfung möglicher Sondierungsgespräche zu sprechen.“
Das ist deutsche Leidenschaft.
Andere Länder tanzen.
Wir sondieren.
Die CDU liefert gleichzeitig das vielleicht aufregendste mathematische Drama des Abends.
Fünf Prozent.
Die berühmteste Zahl der Republik.
Keine Zahl kann so harmlos aussehen und gleichzeitig so viele erwachsene Menschen dazu bringen, auf einen Fernseher zu starren, als würde dort gerade ein Herzmonitor laufen.
5,1: JUBEL!
4,9: LICHT AUS!
Das ist keine Sperrklausel.
Das ist politisches Bungee-Jumping mit Taschenrechner.
Und während draußen Mecklenburg-Vorpommern friedlich zwischen Ostsee, Seenplatte und Fischbrötchen liegt, verwandeln Fernsehsender das Land für einige Stunden in das Zentrum des Universums.
Jeder Prozentpunkt wird analysiert.
Jede Wählerwanderung erhält Pfeile.
Irgendwo erklärt ein Experte, 40.000 Menschen seien „gewandert“.
Ich schaue aus dem Fenster.
Keine Menschenschlange zu sehen.
Wahlforscher meinen natürlich etwas anderes.
Trotzdem beeindruckend.
Und dann kommt der große Moment jeder Wahl:
Der Spitzenkandidat tritt vor seine Anhänger.
Applaus.
Musik.
Kameras.
Bei guten Zahlen sagt er:
„Historisch!“
Bei schlechten:
„Schwieriger Abend.“
Bei katastrophalen:
„Wir haben einen klaren Auftrag.“
Ich bewundere diese Branche.
Versuchen Sie das einmal bei Ihrem Chef.
„Ronald, Ihr Projekt ist vollständig gescheitert.“
„Danke. Ich sehe darin einen klaren Auftrag, meine erfolgreiche Arbeit fortzusetzen.“
Beförderung!
Ronald Tramp meint:
Wahlabende zeigen die ganze Schönheit der Demokratie.
Millionen Menschen stimmen ab, anschließend stehen dreißig Experten vor fünfzig Bildschirmen und erklären uns zwei Stunden lang, was die Menschen angeblich damit sagen wollten.
Vielleicht wollten sie tatsächlich etwas sagen.
Vielleicht haben sie einfach gewählt.
Aber eines steht schon jetzt fest:
Die Balken werden größer.
Die Gesichter ernster.
Die Koalitionsrechner heißer.
Und irgendwo in Schwerin wartet bereits der erste Politiker darauf, dass aus einem Prozentwert ein historischer Auftrag wird.
Very historic.
Extremely democratic.
Und garantiert mit PowerPoint.

