44 Prozent für die AfD, 41 Sitze und nur ein Mandat fehlt zur absoluten Mehrheit. Gleichzeitig kommen CDU, Linke, SPD und Grüne gemeinsam auf 42. Ronald Tramp über den Wahlabend, an dem ein einzelner Stuhl plötzlich wichtiger wird als ganze Parteiprogramme.
Meine Damen und Herren, ich melde mich aus Sachsen-Anhalt, wo heute Abend politische Mathematik betrieben wird. Und politische Mathematik ist die gefährlichste Mathematik überhaupt. Sie hat Zahlen, Prozente, Mandate – und am Ende sitzt trotzdem jemand im Fernsehen und sagt: „Das Ergebnis müssen wir jetzt erst einmal analysieren.“
Analysieren?
Meine Freunde, 44 Prozent sind keine verschlüsselte Botschaft aus dem Pentagon.
44 Prozent sind 44 Prozent.
Die erste ZDF-Prognose sieht die AfD bei sagenhaften 44 Prozent. Die CDU kommt auf 18,5 Prozent, die Linke auf 9 Prozent. Und damit steht die von mir seit heute liebevoll umbenannte Allianz für Dummlaberei bei 41 Sitzen.
Absolute Mehrheit?
42 Sitze.
Es fehlt einer.
Ein Sitz!
Das ist politisch ungefähr so, als würde Darth Vader vor dem Todesstern stehen und feststellen:
„Mist. Uns fehlt noch eine Verlängerungsschnur.“
So knapp ist das.
Die AfD könnte also möglicherweise beinahe allein regieren – aber eben nur beinahe. Und plötzlich wird aus einem gigantischen Wahlerfolg eine parlamentarische Schnitzeljagd:
WO IST SITZ NUMMER 42?
Haben Sie ihn gesehen?
Liegt er vielleicht hinter dem BSW?
Hat ihn die CDU versehentlich eingepackt?
Oder steht er irgendwo in Magdeburg und wartet darauf, von einem Wahlhelfer abgeholt zu werden?
Ich bin Ronald Tramp, und ich sage Ihnen: So viel Spannung hatte Sachsen-Anhalt zuletzt vermutlich, als jemand versucht hat, sonntags nach 20 Uhr noch einen geöffneten Baumarkt zu finden.
Besonders köstlich ist die andere Seite der Rechnung.
CDU, Linke, SPD und Grüne kommen zusammen ebenfalls auf:
42 Sitze.
Das bedeutet, wir haben möglicherweise die fantastischste politische Konstruktion seit Erfindung des Klappstuhls.
Auf der einen Seite:
41 Sitze Allianz für Dummlaberei.
Auf der anderen:
42 Sitze von Parteien, die sich teilweise ungefähr so nahe stehen wie veganer Tofu und ein Grillverein in Wernigerode.
CDU und Linke gemeinsam?
Meine Damen und Herren, dafür müsste man in Magdeburg vermutlich erst ein neues physikalisches Gesetz beschließen.
Die CDU sagt:
„Mit denen niemals!“
Die Linke sagt:
„Mit denen eigentlich auch nicht!“
SPD und Grüne stehen daneben und sagen:
„Hat jemand vielleicht einen anderen Taschenrechner?“
Das könnte die erste Regierungsbildung werden, bei der nicht Koalitionsverhandlungen stattfinden, sondern Gruppentherapie.
„Guten Morgen. Mein Name ist CDU.“
„Hallo CDU.“
„Und ich habe heute zum ersten Mal darüber nachgedacht, mit der Linken zusammenzuarbeiten.“
Applaus.
„Danke. Es war sehr schwer.“
Aber wir müssen über die eigentliche Sensation sprechen:
80 Prozent Wahlbeteiligung.
Achtzig!
Die höchste Beteiligung bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.
Das ist gigantisch.
Normalerweise muss man Menschen mit Wahlplakaten, Bratwurst und der Aussicht auf kostenlosen Kaffee daran erinnern, dass Demokratie stattfindet.
Heute offenbar nicht.
Heute sagten die Leute:
„WO IST DER STIFT?!“
80 Prozent Beteiligung heißt: Sachsen-Anhalt hat gesprochen.
Sehr laut.
Vielleicht sogar ein bisschen zu laut.
Und genau deshalb wäre es zu einfach, das Ergebnis nur wegzulachen.
Die AfD bekommt solche Zahlen nicht, weil 44 Prozent der Menschen morgens aufstehen und sagen:
„Heute hätte ich gerne politische Eskalation.“
Solche Ergebnisse entstehen, wenn sehr viele Menschen mit dem politischen Angebot unzufrieden sind, etablierten Parteien nicht mehr vertrauen oder überzeugt sind, dass zentrale Probleme nicht gelöst werden.
Das sollte jede demokratische Partei sehr ernst nehmen.
Denn wer auf 44 Prozent nur mit dem Satz reagiert:
„Die Wähler haben uns offenbar nicht verstanden“,
hat möglicherweise selbst etwas nicht verstanden.
Aber Satire muss dorthin, wo große Versprechen auf kleine Details treffen.
Denn jetzt beginnt der schwierige Teil.
Wahlkampf ist fantastisch.
Wahlkampf bedeutet:
„Wir ändern alles!“
Regieren bedeutet:
„Paragraph 17 Absatz 3 der Landeshaushaltsordnung erlaubt das leider nicht.“
Wahlkampf:
„Wir schaffen Bürokratie ab!“
Regierung:
„Dafür richten wir zunächst eine interministerielle Arbeitsgruppe Bürokratieabbau ein.“
Wahlkampf:
„Wir sparen Milliarden!“
Finanzminister:
„Wo?“
Stille.
Wahlkampf:
„Bei den anderen!“
Finanzminister:
„Welche anderen?“
Noch längere Stille.
Genau deshalb interessiert mich die Allianz für Dummlaberei besonders.
Dummlaberei ist nämlich im Wahlkampf unglaublich effizient.
Ein kompliziertes Problem braucht normalerweise 18 Seiten Gutachten.
Die Dummlaberei braucht drei Wörter:
„DIE SIND SCHULD!“
Fertig.
Migration?
Die anderen.
Wirtschaft?
Die anderen.
Schulen?
Die anderen.
Europa?
Ganz besonders die anderen.
Das Wetter nächste Woche?
Wahrscheinlich Brüssel.
Das ist Politik mit enormer Energieeffizienz.
Leider funktioniert ein Land nicht wie ein Facebook-Kommentar.
Man kann einen Landeshaushalt nicht mit Caps Lock ausgleichen.
Man kann Fachkräftemangel nicht wegempören.
Und man kann ein Krankenhaus nicht dadurch mit Personal versorgen, dass man auf TikTok erklärt, früher sei alles besser gewesen.
Das BSW wiederum muss um den Einzug zittern.
Damit erleben wir vielleicht noch einen weiteren politischen Thriller.
Während ganz Sachsen-Anhalt auf die AfD schaut, sitzt irgendwo das BSW vor dem Fernseher und denkt:
„Hallo? Wir sind auch noch da! Vielleicht.“
Politik kann brutal sein.
Gestern noch Talkshow.
Heute Fünf-Prozent-Hochrechnung.
Morgen womöglich wieder Podcast.
Und so stehen wir vor einem bemerkenswerten Abend:
41 Sitze für die AfD.
42 für alle anderen zusammen.
Ein einziges Mandat zwischen „fast absolute Mehrheit“ und „jetzt müssen vier Parteien miteinander reden, die sich teilweise nicht einmal gemeinsam einen Fahrstuhl teilen möchten“.
Das ist keine Sitzverteilung.
Das ist eine Netflix-Serie.
„Magdeburg – House of Cards mit Baumkuchen.“
Staffel eins beginnt jetzt.
Ich bin Ronald Tramp.
Und irgendwo in Sachsen-Anhalt sitzt heute wahrscheinlich der mächtigste Gegenstand der deutschen Politik:
ein einzelner Stuhl.
Wenn der sprechen könnte, würde er vermutlich sagen:
„Leute, macht euren Quatsch bitte ohne mich.“

