Ulrich Siegmund trifft im ZDF auf seinen gefährlichsten Gegner: Nachfragen. Ich untersuche ausländische Ärzte, das 100-Tage-Programm und akute Faktenallergie.
Meine Damen und Herren, ich dachte wirklich, die Allianz für Dummlaberei hätte ihr rhetorisches Spitzenpersonal bereits vollständig präsentiert.
Weidel. Chrupalla. Große Behauptungen. Kleine Belege. Viel Lautstärke.
Dann kam Ulrich Siegmund.
AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt.
Und das ZDF stellte ihm etwas vollkommen Unverschämtes entgegen:
Nachfragen.
Ich weiß.
Brutal.
Fast schon journalistischer Extremismus.
Im Morgenmagazin wurde Siegmund mit dem AfD-Wahlprogramm konfrontiert. Darin werden ausländische Ärzte wegen Sprachbarrieren, kultureller Unterschiede und angeblich zweifelhafter Qualifikationen kritisch dargestellt.
Der Moderator fragte daraufhin sinngemäß:
Wenn mehr als ein Viertel der Ärzte in Sachsen-Anhalt einen ausländischen Pass haben – warum sollen die eigentlich schlechter behandeln?
Fantastische Frage.
Und plötzlich passierte etwas Seltenes:
Die Dummlaberei bekam Gegenwind.
Siegmund versuchte auszuweichen.
Dann kam der Magdeburger Attentäter ins Spiel.
Ein einzelner Täter als Antwort auf die Qualifikation tausender ausländischer Ärzte.
Meine Damen und Herren, das ist ungefähr so logisch, als würde ich fragen:
„Sind deutsche Bäcker gut ausgebildet?“
Und jemand antwortet:
„Also ich kannte mal einen Deutschen, der bei Rot über die Ampel gefahren ist.“
Überzeugend.
Sehr wissenschaftlich.
Dann kamen auch noch Fakten
Der Moderator wurde geradezu unverschämt.
Er verwies darauf, dass es längst strenge Fachsprachprüfungen gibt und ein erheblicher Teil der Bewerber diese nicht besteht.
Noch schlimmer:
Das ZDF hatte bei der Ärztekammer nachgefragt.
Beschwerden über ausländische Ärzte seien absolute Ausnahmefälle.
Meine Damen und Herren, das ist unfair.
Wie soll man denn politische Behauptungen aufrechterhalten, wenn plötzlich jemand nachrecherchiert?
So war das nicht vereinbart!
Ich stelle mir die interne Alarmmeldung vor:
ACHTUNG! FAKTEN IM STUDIO!
Bitte unverzüglich Empörung hochfahren.
Wirtschaft? Irgendwo im Programm versteckt
Dann wurde es noch schöner.
Siegmund erklärte, Wirtschaft sei natürlich ein zentrales Thema.
Der Moderator schaute ins 100-Tage-Programm.
Und fand dort offenbar erstaunlich wenig konkrete Sofortmaßnahmen für die Wirtschaft.
Siegmund widersprach.
Natürlich.
Er sprach von Mittelstand, Freiheit, Insolvenzen und ideologisierter Wirtschaft.
Große Begriffe.
Sehr groß.
Nur auf die einfache Frage:
„Was machen Sie konkret in den ersten 100 Tagen?“
wurde die Antwort plötzlich dünner als der Kaffee in einer Bahnhofsbäckerei.
Als wirtschaftspolitische Sofortmaßnahme tauchte unter anderem der Wunsch auf, einen Bereich für Geschlechtergerechtigkeit im Wirtschaftsministerium abzuschaffen.
Meine Damen und Herren:
Das Bruttoinlandsprodukt zittert bereits vor Wachstum.
DAX explodiert.
Siemens stellt 80.000 Leute ein.
Grund:
Genderstelle weg.
Wirtschaftswunder 2.0.
Gräben zuschütten – mit Presslufthammer
Dann kam noch Parteikollege Martin Reichardt ins Spiel, der den deutschen Staat einmal sinngemäß als „nach Dope stinkenden faulen Asi“ bezeichnet hatte.
Siegmund fand das offenbar humorvoll.
Kurz darauf erklärte er, man müsse wieder miteinander sprechen und Gräben zuschütten.
Großartig.
Erst fährt man mit dem rhetorischen Bagger durch die Landschaft.
Dann steht man vor dem Krater und sagt:
„Wir brauchen mehr Zusammenhalt.“
Das ist politische Landschaftspflege nach AfD-Art.
Mein Fazit:
Die Allianz für Dummlaberei funktioniert hervorragend, solange niemand nachfragt.
Behauptung rein.
Applaus raus.
Aber sobald jemand sagt:
„Welche Belege haben Sie?“
beginnt das System zu röcheln.
Das ist vielleicht das größte Problem dieser Partei:
Nicht der Gegenwind.
Nicht das Fernsehen.
Nicht die sogenannte Lügenpresse.
Sondern gelegentlich einfach eine zweite Frage.
Ronald Tramp
Reporter und zertifizierter Facharzt für akute Behauptungsinsuffizienz

