Ein Richter verhindert Trumps Namen am Kennedy Center – und kurz darauf soll das Kulturhaus schließen. Ronald Tramp untersucht Amerikas neueste Kunstform: Renovieren durch Namensschildentzug.
Von Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für Kultur, Größenwahn und denkmalgeschützte Egos
Washington hat ein neues Kulturprogramm. Es heißt: geschlossen.
Das Kennedy Center, bislang bekannt für Theater, Musik, Tanz und andere gefährliche Tätigkeiten, bei denen Menschen gelegentlich nachdenken könnten, soll seine Türen schließen. Offiziell wegen Sicherheitsbedenken und dringend nötiger Renovierungsarbeiten. Inoffiziell könnte man den Eindruck gewinnen, dass das Gebäude unter einem bislang völlig unterschätzten Baumangel leidet:
An der Fassade fehlt Donald Trump.
Ich, Ronald Tramp, habe mir die Sache angesehen. Und ich muss sagen: So funktioniert moderne Kulturpolitik. Früher renovierte man ein Gebäude und schrieb anschließend vielleicht eine kleine Messingtafel an die Wand. Heute funktioniert es offenbar andersherum. Erst wird über die Messingtafel gestritten, anschließend wird vorsichtshalber das Gebäude geschlossen.
Das ist Effizienz. Wahrscheinlich sogar die beste Effizienz, die jemals jemand effizientiert hat.
Das Problem begann damit, dass das Kennedy Center tatsächlich nach John F. Kennedy benannt ist. Ein offensichtlicher historischer Verwaltungsfehler, denn Kennedy konnte 1964 unmöglich ahnen, dass Jahrzehnte später Donald Trump erscheinen würde und Gebäude künftig grundsätzlich danach beurteilt werden könnten, ob sein Name in ausreichend großen Buchstaben daran befestigt ist.
Das Trump-nahe Kuratorium hatte deshalb beschlossen, dem Kennedy Center eine zusätzliche Portion Trump zu verpassen. Doch ein Richter machte etwas ausgesprochen Unamerikanisches: Er las das Gesetz.
Und dort stand sinngemäß: Den Namen hat der Kongress festgelegt, also kann ihn auch nur der Kongress ändern.
Für normales menschliches Denken klingt das erstaunlich nachvollziehbar.
Für die Welt der maximalen Markenpflege ist es natürlich eine Katastrophe.
Also entwickelte man Plan B: Wenn das Haus schon nicht Trump heißen darf, könnte wenigstens an der Fassade stehen, dass Donald J. Trump es renoviert und restauriert habe.
Auch das stoppte der Richter.
Damit war juristisch praktisch alles verboten, außer vielleicht ein kleiner Aufkleber auf der Herrentoilette: „Diese Klobürste wurde während der Präsidentschaft von Donald J. Trump nicht entfernt.“
Kurz darauf kam die nächste brillante Idee:
Dann machen wir eben zu.
Das ist ungefähr so, als würde ein Restaurantbesitzer sagen: „Wenn ich meinen Namen nicht auf die Speisekarte drucken darf, bekommt heute niemand Schnitzel.“
Und natürlich gibt es Sicherheitsbedenken. Gebäude müssen sicher sein. Dächer sollten möglichst oben bleiben, Wände überraschenderweise stehen und Opernbesucher sollten den zweiten Akt idealerweise körperlich erleben.
Doch die zeitliche Dramaturgie ist fast zu schön für Theater: Richter sagt Nein zum Trump-Schriftzug – kurz darauf stimmt das Trump-geführte Gremium für die Schließung.
Shakespeare hätte dafür drei Akte gebraucht. Washington schafft es mit einem Truth-Social-Post.
Inzwischen stelle ich mir vor, wie zukünftige Kulturstätten aussehen könnten.
Das Lincoln Memorial? „Renoviert unter Trump.“
Das Washington Monument? „Sehr hoch. Trump hätte höher gebaut.“
Das Weiße Haus? „Donald J. Trump Presidential Residence, Golf Annex and Historic Biden Interruption Center.“
Mount Rushmore dürfte vorsichtshalber schon einmal einen Steinmetz bestellen.
Und irgendwo blickt John F. Kennedy vermutlich aus dem historischen Jenseits auf das nach ihm benannte Zentrum und denkt:
„Moment … ich dachte, hier geht es um Kunst.“
Ach, Jack.
Das war früher.
Heute geht es um die wichtigste amerikanische Kunstform überhaupt:
Namensgebung mit sehr großen Buchstaben.
Und wenn die Justiz diese Kunst nicht würdigt?
Dann fällt eben der Vorhang.
Nicht nach der Vorstellung.
Sondern vor ihr.
Ronald Tramp berichtet weiterhin aus Washington – solange niemand versucht, das Pressezentrum in „Donald J. Trump Center for Extremely Accurate Journalism by Donald J. Trump“ umzubenennen.

