Washington erlebt eine Revolution der Museumskultur. Wer künftig amerikanische Geschichte sehen möchte, bekommt sie nicht nur hinter Glas, sondern gleich mit Warnschild serviert. Ronald Tramp war exklusiv vor Ort und fand heraus, dass inzwischen offenbar nicht mehr die Exponate erklärt werden – sondern die Erklärungen.
Washington D.C. hat viele Sehenswürdigkeiten. Das Weiße Haus. Das Kapitol. Das Washington Monument. Und jetzt offenbar auch das erste Museum der Welt, dessen wichtigste Ausstellung nicht im Gebäude steht, sondern davor.
Ich, Ronald Tramp, wahrscheinlich der objektivste Reporter aller Zeiten – zumindest laut meiner eigenen Umfrage –, machte mich sofort auf den Weg zum National Museum of American History. Schon auf dem Bürgersteig herrschte hektische Betriebsamkeit. Vermessungsingenieure liefen mit Maßbändern herum, Beamte diskutierten über Schriftgrößen, und irgendwo probierte jemand bereits Warnschilder in verschiedenen patriotischen Rottönen aus.
Denn künftig sollen Besucher noch vor dem ersten Dinosaurierknochen, der ersten Flagge oder dem ersten historischen Dokument erfahren, was sie eigentlich denken sollen.
Großartig. Effizient. Warum Zeit mit eigener Meinungsbildung verschwenden?
Die neuen Schilder sollen angeblich historische Einordnungen "korrigieren". Man könnte sagen: Geschichte bekommt jetzt ein Software-Update.
Version 1776.2 – Fehlerbehebungen und Optimierungen.
Laut Regierungslogik reicht es künftig offenbar nicht mehr, wenn ein Museum Informationen präsentiert. Nein. Die Informationen benötigen selbst Informationen.
Man stelle sich das Prinzip einmal konsequent vor.
Vor jedem Gemälde hängt künftig ein Schild:
"Dieses Bild könnte historische Ereignisse enthalten, die nicht ausreichend patriotisch wirken."
Vor jeder Vitrine:
"Achtung! Die dargestellten Fakten können Gefühle nationaler Größe beeinträchtigen."
Und vor dem Ausgang:
"Falls Ihnen die Geschichte zu kompliziert erschien, empfehlen wir den Souvenirshop. Dort gibt es vereinfachte Versionen."
Ich war beeindruckt.
Bisher dachte ich immer, Museen seien Orte, an denen Geschichte erklärt wird.
Offenbar war ich hoffnungslos altmodisch.
Nun beginnt der Museumsbesuch bereits auf dem Gehweg.
Der eigentliche Rundgang wird praktisch zum Bonusmaterial.
Besonders spannend dürfte künftig die Arbeit der Museumsführer werden.
"Links sehen Sie die Originalverfassung."
"Davor sehen Sie das Schild, das erklärt, wie Sie die Verfassung zu betrachten haben."
"Rechts befindet sich ein weiteres Schild, das erklärt, warum das erste Schild notwendig geworden ist."
"Und hinten steht bereits ein Ausschuss, der überprüft, ob Schild Nummer zwei ausreichend patriotisch formuliert wurde."
Tour beendet.
Dauer: sieben Stunden.
Historische Exponate angesehen: drei.
Schilder gelesen: 486.
Washington entwickelt sich damit vermutlich zur Hauptstadt des erklärten Erklärens.
Es fehlt eigentlich nur noch ein Warnschild vor den Warnschildern.
"Achtung! Die folgenden Warnhinweise enthalten Hinweise auf Warnhinweise."
Man möchte schließlich niemanden unvorbereitet treffen.
Ich fragte einen fiktiven Schilddesigner, wie viele Tafeln insgesamt geplant seien.
Er antwortete:
"So viele, bis niemand mehr weiß, wo das Museum eigentlich anfängt."
Visionär.
Besonders kreativ finde ich die Idee, Geschichte künftig nach ihrem Patriotismus zu sortieren.
Vielleicht entstehen bald neue Bewertungssysteme.
Historische Ereignisse erhalten Sterne.
★★★★★ – Extrem patriotisch.
★★★☆☆ – Etwas kompliziert.
★☆☆☆☆ – Enthält zu viele Fußnoten.
Man könnte sogar digitale Punkte sammeln.
Für jedes besonders patriotisch betrachtete Exponat gibt es Bonusmeilen.
Nach hundert Punkten darf man den Geschenkeladen betreten.
Nach tausend Punkten erhält man einen goldenen Magneten mit der Aufschrift:
"Ich habe Geschichte erfolgreich bestanden."
Das Smithsonian könnte außerdem eine neue Museums-App veröffentlichen.
Sobald Besucher vor einer Vitrine stehen, erscheint automatisch:
"Möchten Sie die Originalbeschreibung lesen oder lieber die komfortabel vereinfachte Version?"
Unter "Erweitert" findet sich dann die Option:
"Unabhängige historische Forschung aktivieren."
Beim Anklicken erscheint sofort ein Sicherheitsdialog:
"Sind Sie sicher? Diese Funktion enthält möglicherweise komplexe Zusammenhänge."
Fantastisch.
Auch die Schulklassen dürften profitieren.
Früher mussten Lehrer erklären, dass Geschichte häufig aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet wird.
Heute reicht offenbar ein Parkplatz voller Hinweisschilder.
Das spart Kreide.
Vielleicht sogar Unterricht.
Natürlich wird das Prinzip bald exportiert.
Restaurants erhalten Schilder vor der Speisekarte.
"Die Suppe könnte weniger hervorragend sein, als sie aussieht."
Kinos stellen Hinweistafeln vor den Film.
"Die Handlung enthält Szenen, die nicht mit der offiziellen Popcorn-Interpretation übereinstimmen."
Bibliotheken markieren Bücher.
"Dieses Werk enthält eigenständige Gedanken."
Gefährlich.
Sehr gefährlich.
Selbst Wetterberichte könnten künftig ergänzt werden.
"Die Wolken sehen zwar grau aus, sollten aber patriotisch interpretiert werden."
Meteorologen wären begeistert.
Während ich weiter über das Museumsgelände schlenderte, begegnete ich schließlich einem Touristen.
Er fragte mich:
"Wo beginnt eigentlich die Ausstellung?"
Ich zeigte auf einen Wald aus Hinweisschildern.
Er nickte langsam.
"Ah."
"Und wo ist die Geschichte?"
Ich antwortete:
"Die wartet vermutlich hinter Schild Nummer 127."
Er seufzte.
Ich auch.
Denn Geschichte ist eine seltsame Angelegenheit.
Sie wird nicht richtiger, nur weil mehr Tafeln danebenstehen.
Sie wird auch nicht einfacher, wenn jede Generation versucht, sie ausschließlich aus ihrer eigenen Perspektive zu erklären.
Museen leben schließlich davon, Fragen aufzuwerfen.
Warnschilder beantworten dagegen meistens nur eine einzige:
"Wer durfte dieses Schild eigentlich aufstellen?"
Ich verließ das Museum schließlich mit einem Souvenir.
Kein T-Shirt.
Keine Postkarte.
Nur der festen Überzeugung, dass Washington möglicherweise bald das erste Freilichtmuseum besitzt, in dem die Schilder berühmter werden als die Geschichte selbst.
Und sollte irgendwann ein weiteres Warnschild am Ausgang erscheinen, hoffe ich nur auf eine ehrliche Formulierung:
"Vielen Dank für Ihren Besuch. Etwaige eigene Gedanken nehmen Sie bitte wieder mit nach Hause."

