RT
Ronald Tramp
Macht Meinung wieder Gross!

Minister gesucht – Selbstbewusstsein leider nicht verfügbar

Grafik: Linnemanns Minister-Paradoxon

Carsten Linnemann hat einst erklärt, warum ausgerechnet er niemals Gesundheitsminister werden sollte. Nun ist er genau das geworden. Ronald Tramp untersucht den spektakulären Fall eines Politikers, der sich selbst die schärfste Kritik geliefert hat – und sie anschließend einfach wegbefördert hat.

Dixxu - Banner 003Partnerlink

Meine Damen und Herren, unglaubliche Szenen in Berlin. Wirklich historische Szenen. Ich habe schon vieles erlebt. Politiker, die Wahlversprechen vergessen. Minister, die sich plötzlich an nichts erinnern können. Ausschüsse, die mehr Zeit brauchen als der Bau des Kölner Doms. Aber jetzt erleben wir eine neue politische Disziplin.

Die Selbstwiderlegung in Weltrekordgeschwindigkeit.

Ich, Ronald Tramp, vermutlich Deutschlands erfolgreichster investigativer Reporter mit einer Trefferquote von mindestens 312 Prozent, machte mich sofort auf den Weg ins Berliner Regierungsviertel.

Schon am Eingang hörte ich hektische Rufe.

"Hat jemand das Archiv gelöscht?"

"Nein!"

"Dann versteckt wenigstens die Interviews!"

Denn plötzlich tauchte ein Video auf. Ein altes Interview. Der gefährlichste Gegner eines Politikers: nicht die Opposition, nicht Journalisten und nicht einmal soziale Medien.

Nein.

Der gefährlichste Gegner ist das eigene Ich von vor einem Jahr.

Damals erklärte Carsten Linnemann bemerkenswert offen, warum er als Gesundheitsminister vermutlich keine gute Idee wäre.

Sinngemäß sagte er: Warum sollte ausgerechnet ich Gesundheitsminister werden? Was habe ich damit zu tun? Schuster, bleib bei deinen Leisten.

Eine Aussage von beeindruckender Ehrlichkeit.

Man könnte fast sagen: Die Opposition hätte es kaum besser formulieren können.

Das Problem?

Ein Jahr später klingelt offenbar das Telefon.

Am anderen Ende der Bundeskanzler.

"Carsten..."

"Ja?"

"Du wirst Gesundheitsminister."

"Aber ich habe doch gesagt..."

"Genau deshalb."

"Wie bitte?"

"Wir brauchen jemanden mit frischen Vorurteilen gegen sich selbst."

Großartig.

So beginnt vermutlich jede Kabinettsumbildung.

Ich stelle mir den Bewerbungsprozess inzwischen ganz einfach vor.

Frage 1:

"Wollen Sie dieses Ministerium übernehmen?"

"Nein."

"Perfekt. Eingestellt."

Berlin funktioniert eben anders.

Je überzeugender jemand erklärt, warum er ungeeignet ist, desto interessanter scheint er plötzlich für den Posten zu werden.

Man fragt sich automatisch, welche Interviews derzeit noch in den Archiven schlummern.

Vielleicht findet sich irgendwo ein Politiker, der erklärt:

"Finanzminister? Niemals! Ich kann nicht einmal meine Stromrechnung verstehen."

Zwei Wochen später:

Bundesfinanzminister.

Oder jemand sagt:

"Verteidigung? Ich bekomme schon beim Paintball Herzklopfen."

Herzlichen Glückwunsch.

Sie leiten ab morgen die Bundeswehr.

Ich begann deshalb eine hochwissenschaftliche Untersuchung.

Ich durchforstete fiktive Ministerbewerbungen.

Sie waren sensationell.

"Ich habe Höhenangst."

→ Verkehrsminister.

"Ich esse nur Tiefkühlpizza."

→ Landwirtschaft.

"Ich kann keine Passwörter merken."

→ Digitalministerium.

"Ich verwechsle ständig links und rechts."

→ Verkehrsplanung.

Berlin wäre damit endlich vollständig.

Besonders faszinierend ist jedoch die Erklärung.

Sinngemäß:

"Es kommt manchmal anders als man denkt."

Das stimmt.

Allerdings war selten jemand so präzise in der Vorhersage seiner eigenen Überraschung.

Er hatte praktisch schon angekündigt:

"Wenn ich jemals Gesundheitsminister werde, wundert euch bitte."

Mission erfüllt.

Ich traf anschließend einen fiktiven Archivmitarbeiter.

Er wirkte erschöpft.

"Früher haben wir Interviews archiviert."

"Und heute?"

"Heute durchsuchen wir sie vorsorglich nach zukünftigen Kabinettslisten."

Ein Knochenjob.

Die Server glühen.

Jedes alte Interview könnte morgen zur Stellenbeschreibung werden.

Auch Personalberater müssen sich umstellen.

Früher fragten sie:

"Welche Erfahrungen bringen Sie mit?"

Heute genügt offenbar:

"Welche Ministerien schließen Sie kategorisch aus?"

Das spart Lebensläufe.

Ich stelle mir bereits das nächste Bewerbungsgespräch vor.

"Welche Fähigkeiten besitzen Sie?"

"Eigentlich keine."

"Interessant."

"Ich kenne mich mit Gesundheit kaum aus."

"Ausgezeichnet."

"Ich habe selbst gesagt, ich wäre ungeeignet."

"Perfekt. Genau diese Bescheidenheit suchen wir."

Einstellung sofort.

Die eigentliche Hauptrolle spielt jedoch das Internet.

Es vergisst bekanntlich nichts.

Früher verschwanden Aussagen in staubigen Videokassetten.

Heute genügt ein Klick.

Schon marschiert das eigene Zitat schneller durchs Netz als jede Pressemitteilung.

Algorithmen lieben Ironie.

Noch mehr lieben sie Politiker, die mit ihrem früheren Ich diskutieren.

Man könnte daraus sogar eine neue Fernsehsendung machen.

"Wer wird Minister?"

Die Kandidaten sehen zunächst ausschließlich alte Interviews von sich selbst.

Nach jeder Aussage ertönt ein Summer.

"Falsch."

"Drei Monate später übernehmen Sie genau dieses Ressort."

Publikumsliebling garantiert.

Natürlich zeigte sich Linnemann später respektvoll gegenüber der Aufgabe und erklärte, dass sich die Umstände verändert hätten und er sich intensiv einarbeiten müsse.

Das ist immerhin eine sympathische Portion Ehrlichkeit.

Denn Gesundheitsminister zu sein bedeutet schließlich mehr, als Pflaster richtig herum aufzukleben.

Es geht um Milliardenbudgets, Krankenhäuser, Pflege, Ärzte, Krankenkassen und ein Gesundheitssystem, das ungefähr so übersichtlich ist wie ein IKEA-Schrank ohne Anleitung.

Oder mit Anleitung.

Je nachdem.

Während ich das Regierungsviertel verließ, entdeckte ich schließlich ein neues Schild vor dem Kanzleramt.

Darauf stand:

"Achtung! Alle heute gemachten Aussagen können Grundlage einer morgigen Beförderung sein."

Daneben befand sich ein zweites Schild.

"Bitte sprechen Sie nur noch in Möglichkeiten."

Und direkt darunter das dritte.

"Sollten Sie überzeugt sein, für einen Posten ungeeignet zu sein, halten Sie Ihr Telefon bitte eingeschaltet."

Ich nickte anerkennend.

Denn eines muss man der Politik lassen:

Sie überrascht einen immer dann am meisten, wenn ihre Hauptdarsteller sich bereits selbst erklärt haben.

Oder, um es mit Ronald Tramp zu sagen:

Der schnellste Weg ins Ministeramt führt manchmal nicht über Erfahrung, sondern über ein altes Interview, das eigentlich beweisen sollte, warum man den Job niemals bekommen dürfte.

Und genau deshalb werde ich ab sofort öffentlich erklären, warum ich auf gar keinen Fall Bundeskanzler werden sollte.

Man weiß ja nie.

EoT - Banner 003Partnerlink
Tags: Friedrich Merz CDU Berlin Bundesregierung Carsten Linnemann Gesundheitsminister
a
Das könnte dich auch interessieren
Deutschlands spannendster Umzug – vom Kanzleramt direkt auf den nächsten Chefsessel
„Wir schaffen das“ 2.0 – Die Rückkehr der großen Rechnung
Eierarsch-Alarm in Berlin
Matchball im Blackout
‹ Vorheriger
Das Museum mit Beipackzettel – Amerikas Geschichte jetzt mit…
Nächster ›
Der Salatkrieg – Jetzt bekommen Gurken, Rauch und Eishockeys…
Verpasse keine Enthüllung!
Abonniere meinen Newsletter und erhalte die Wahrheit regelmäßig – direkt und ungefiltert.