Vier Tore Vorsprung. Fast noch verspielt. Zehn Tore insgesamt. Buhrufe, Rekorde und ein Trainer, der zwischendurch selbst nicht mehr wusste, wie viele Tore seine Mannschaft geschossen hatte. Ronald Tramp analysiert das verrückteste Spiel der WM – selbstverständlich mit der einzig wahren Taktik.
Meine Damen und Herren, ich habe schon viele Fußballspiele gesehen. Manche waren spannend. Manche langweilig. Manche hatten mehr Fehlpässe als eine Steuererklärung. Aber England gegen Frankreich um Platz drei? Das war kein Fußballspiel.
Das war eine Naturkatastrophe mit Abseitsregel.
Thomas Tuchel kam bereits vor dem Anpfiff unter Dauerbeschuss.
Die englischen Fans pfiffen.
Die Zeitungen nannten ihn plötzlich "Thomas Boo-Chel".
Ich musste lachen.
In England dauert eine Trainerkarriere mittlerweile ungefähr so lange wie ein geöffnetes Päckchen Chips.
Eine Niederlage – Rücktritt!
Ein Unentschieden – Untersuchungsausschuss!
Ein falscher Einwurf – nationale Krise!
Dabei hatte Tuchel lediglich die verrückte Idee, seine Stars nicht komplett kaputt spielen zu lassen.
Ein revolutionärer Gedanke.
Natürlich verstand das niemand.
Dann begann das Spiel.
Und nach drei Minuten traf Declan Rice.
Die englischen Fans wechselten ihre Meinung schneller als manche Politiker ihre Wahlversprechen.
Plötzlich war Tuchel wieder ein Genie.
Ich liebe Fußballfans.
Sie sind die einzigen Menschen, die innerhalb von fünf Minuten gleichzeitig eine Statue bauen und wieder abreißen können.
England spielte plötzlich wie eine Mischung aus Brasilien 1970 und einer Sonderangebotsschlacht im Supermarkt.
Alles funktionierte.
Frankreich stand daneben und schaute zu.
2:0.
3:0.
4:0.
Didier Deschamps saß auf seiner Trainerbank und entwickelte ungefähr dieselbe Gesichtsfarbe wie eine überreife Tomate.
Ich glaube, in der Halbzeit suchte er kurz auf Google nach dem Begriff:
"Kann man eine Mannschaft komplett austauschen?"
Frankreich wirkte wie ein Smartphone mit drei Prozent Akku.
Alles blinkte.
Nichts funktionierte.
Und Ronald Tramp dachte:
Das war's.
England gewinnt locker.
Wir können nach Hause gehen.
Aber genau da begann das eigentliche Spektakel.
Kylian Mbappé beschloss plötzlich, Fußball allein zu spielen.
Er traf.
Barcola traf.
Mbappé traf noch einmal.
Aus einem gemütlichen 4:0 wurde ein nervöses 4:3.
England begann zu schwitzen.
Nicht wegen der Hitze in Miami.
Sondern weil plötzlich jeder französische Angriff aussah, als würde gleich die Welt untergehen.
Ich habe selten erlebt, dass eine Mannschaft gleichzeitig gewinnen und komplett die Nerven verlieren konnte.
Thomas Tuchel stand an der Seitenlinie vermutlich irgendwo zwischen Herzinfarkt und Yoga.
Dann kam der Elfmeter.
Bukayo Saka trat an.
5:3.
Alle atmeten auf.
Zehn Sekunden später machte Frankreich wieder ein Tor.
5:4.
Natürlich.
Warum sollte dieses Spiel auch logisch enden?
Erst Jude Bellingham setzte schließlich den Schlusspunkt.
6:4.
Zehn Tore.
Ich musste zweimal nachrechnen.
Ich dachte erst, jemand hätte versehentlich das Basketball-Ergebnis eingeblendet.
Überhaupt Basketball.
Tilman Fertitta besitzt die Houston Rockets.
Vielleicht hatte er heimlich den Spielball gewechselt.
Anders kann ich mir dieses Ergebnis kaum erklären.
Thomas Tuchel gab nach dem Spiel zu, dass ihm gar nicht aufgefallen sei, dass Bukayo Saka einen Hattrick erzielt hatte.
Das verstehe ich vollkommen.
Ich hätte vermutlich irgendwann auch gedacht, wir seien inzwischen beim Elfmeterschießen.
Oder bei Verlängerung Nummer zwei.
Oder beim Hallenfußball.
Man verlor komplett den Überblick.
Besonders beeindruckend war natürlich Kylian Mbappé.
Der Mann sammelt WM-Tore inzwischen wie andere Leute Bonuspunkte beim Einkaufen.
22 Tore.
Vorbei an Lionel Messi.
Miroslav Klose schaut wahrscheinlich irgendwo auf eine Statistik und denkt:
"Das war's dann wohl."
Mbappé scheint jede Weltmeisterschaft so zu behandeln wie andere Menschen einen Wochenendausflug.
Er kommt.
Er trifft.
Er fährt wieder nach Hause.
Das Verrückteste ist allerdings England.
Die Mannschaft schafft es regelmäßig, ihre Fans gleichzeitig glücklich, wütend, nervös und sprachlos zu machen.
Vier Tore Vorsprung.
Fast verspielt.
Dann doch gewonnen.
Das ist keine Taktik.
Das ist ein Freizeitpark.
Ich stelle mir die englische Kabinenansprache vor.
Tuchel sagt:
"Männer, wir spielen heute ruhig und kontrolliert."
Die Mannschaft hört:
"Lasst uns ein Hollywood-Drehbuch schreiben."
Selbst die Kommentatoren dürften irgendwann aufgegeben haben.
"Tor!"
"Noch ein Tor!"
"Schon wieder!"
"Moment..."
"Wer führt eigentlich?"
Und irgendwo saß vermutlich ein Statistiker mit einem Taschenrechner, der inzwischen freiwillig den Beruf wechseln wollte.
Die englischen Medien sind übrigens ebenfalls Weltmeister.
Vor dem Spiel:
"Tuchel raus!"
Während der ersten Halbzeit:
"Genialer Taktikfuchs!"
Beim Stand von 4:3:
"Katastrophaler Trainer!"
Nach dem 6:4:
"Historischer Erfolg!"
Diese Geschwindigkeit schafft nicht einmal ein Formel-1-Team beim Reifenwechsel.
Ich persönlich finde, Thomas Tuchel hat den perfekten englischen Fußball erfunden.
Nicht den schönsten.
Nicht den ruhigsten.
Sondern den aufregendsten.
Jedes Spiel fühlt sich an wie eine Achterbahn ohne Sicherheitsbügel.
Man steigt ein.
Man schreit.
Man bereut alles.
Und am Ende kauft man trotzdem wieder ein Ticket.
Frankreich wiederum bewies eindrucksvoll, dass man auch nach einer völlig verschlafenen ersten Halbzeit noch fast Geschichte schreiben kann.
Fast.
Dieses kleine Wort dürfte Didier Deschamps heute noch verfolgen.
Fast aufgeholt.
Fast ausgeglichen.
Fast das größte WM-Comeback aller Zeiten.
Stattdessen bleibt nur die Erkenntnis:
Vier Gegentore in einer Halbzeit sind ungefähr so hilfreich wie ein Regenschirm aus Spaghetti.
Ich, Ronald Tramp, habe aus diesem Spiel jedenfalls gelernt, wie moderne Fußballtaktik funktioniert.
Man schießt zuerst vier Tore.
Dann schenkt man dem Gegner drei zurück.
Dann bekommt jeder Zuschauer noch einmal Herzrasen.
Danach macht man sicherheitshalber das fünfte und sechste Tor.
Das nennt sich vermutlich englisches Spannungsmanagement.
Und falls Thomas Tuchel künftig wieder ausgebuht wird, sollte er einfach das Ergebnis auf einer riesigen Leinwand zeigen.
6:4.
Zehn Tore.
Bronzemedaille.
Größter englischer WM-Erfolg seit 1966.
Manchmal ist Fußball eben wie eine Waschmaschine im Schleudergang.
Laut.
Chaotisch.
Völlig unberechenbar.
Und genau deshalb schauen wir alle trotzdem wieder zu.

