In Russland wird der Sport-Express zur letzten Bastion überprüfbarer Realität. Ronald Tramp über ein Land, in dem ein 1:3 womöglich glaubwürdiger ist als sämtliche politischen Erfolgsmeldungen zusammen.
Von Reporter Ronald Tramp – Sonderkorrespondent für politische Nebelkerzen, staatlich geprüfte Wirklichkeiten und Nachrichtenlagen, bei denen selbst die Wahrheit inzwischen Tarnkleidung trägt
Es gibt Länder, in denen Menschen morgens Zeitung lesen, um herauszufinden, was passiert ist. Und dann gibt es Russland.
Dort liest man Zeitungen offenbar zunehmend, um herauszufinden, was offiziell nicht passiert ist, warum es trotzdem ein historischer Sieg war und weshalb daran selbstverständlich der Westen schuld ist.
Doch nun gibt es Hoffnung. Eine kleine, dünne, nach Druckerschwärze riechende Bastion gegen die umfassende geistige Nebelmaschine: den Sport-Express.
Denn russische Männer, so heißt es, greifen inzwischen bevorzugt zur Sportzeitung. Nicht etwa, weil sie plötzlich alle begeisterte Experten für Eiskunstlauf, Gewichtheben und die russische Zweitliga im Hallenhandball geworden wären.
Nein.
Sie lesen Sport, weil dort gelegentlich noch etwas vorkommt, das in anderen Teilen der Medienlandschaft inzwischen als hochriskantes Spezialprodukt gilt:
ein überprüfbares Ergebnis.
Meine Damen und Herren, das ist riesig. Historisch. Vielleicht die größte journalistische Innovation seit Erfindung des Satzzeichens.
Im Politikteil könnte stehen:
„Russland erzielt gewaltige Fortschritte.“
Im Wirtschaftsteil:
„Die Sanktionen stärken Russland stärker als jemals zuvor.“
Im internationalen Teil:
„Die gesamte Welt blickt voller Bewunderung nach Moskau.“
Und dann schlägt man den Sportteil auf:
Spartak Moskau – Dynamo Moskau: 1:3.
BUMM.
Fakten.
Brutale, ungeschminkte, tabellarisch überprüfbare Fakten.
Ein Ergebnis, das selbst nach drei Pressekonferenzen, zwei Regierungserklärungen und einem Auftritt im Staatsfernsehen immer noch 1:3 lautet.
Das muss für russische Leser mittlerweile geradezu verstörend sein.
Man stelle sich einen Mann in Moskau vor. nennen wir ihn Sergej. Sergej sitzt morgens beim Tee und liest zunächst die allgemeinen Nachrichten.
Dort erfährt er, dass alles hervorragend läuft.
Die Wirtschaft? Hervorragend.
Die internationale Lage? Hervorragend.
Die Armee? Historisch hervorragend.
Die Zukunft? So hervorragend, dass man vorsichtshalber nicht genauer nachfragt.
Dann blättert Sergej weiter.
Zenit hat verloren.
Verloren!
Ein echtes negatives Ereignis!
Nicht „strategisch zurückgezogen“.
Nicht „den Gegner erfolgreich zu einem Sieg provoziert“.
Nicht „im Rahmen einer längerfristigen sportlichen Spezialoperation vorübergehend weniger Tore erzielt“.
Einfach:
verloren.
Sergej starrt auf die Seite.
Eine Träne läuft über seine Wange.
Nicht wegen Zenit.
Wegen der Ehrlichkeit.
Ich sage Ihnen: Sportjournalisten in Russland sind inzwischen möglicherweise die mutigsten Männer des Landes.
Da sitzt ein Reporter und schreibt tatsächlich:
„Die Mannschaft spielte schlecht.“
Unglaublich.
Versuchen Sie das einmal in anderen Ressorts.
„Die Wirtschaft entwickelte sich schlecht.“
Schon wird vermutlich aus der Formulierung „schlecht“ nach drei Redaktionsschleifen „dynamisch herausfordernd mit historischen Wachstumsperspektiven“.
Im Sport aber darf offenbar noch stehen:
„Der Torwart machte einen Fehler.“
Ein Fehler!
Offiziell existieren in vielen politischen Systemen bekanntlich keine Fehler. Es gibt nur „unerwartete Herausforderungen“, „notwendige Anpassungen“ oder besonders beliebt: „Entscheidungen, die sich im historischen Kontext noch als genial herausstellen werden“.
Im Fußball funktioniert das nicht.
Wenn der Torwart am Ball vorbeigreift und der Ball im Netz landet, kann selbst das kreativste Propagandaministerium schlecht melden:
„Tor erfolgreich außerhalb des eigenen Besitzes stabilisiert.“
Obwohl – geben Sie ihnen Zeit.
Vielleicht sieht der russische Sportteil 2027 schon so aus:
ZSKA – Lokomotive 0:4
Offizielle Bewertung:
„ZSKA kontrollierte 93 Prozent der strategisch relevanten Rasenfläche und zwang Lokomotive dazu, viermal unnötig Energie für Torjubel aufzuwenden.“
Der Trainer erklärt anschließend:
„Das Ergebnis entspricht vollständig dem Plan.“
Und Präsidentenberater bestätigen:
„Der Gegner ist durch seine vier Tore langfristig erheblich geschwächt.“
Dann wäre allerdings auch die letzte Informationsbastion gefallen.
Bis dahin bleibt der Sport-Express so etwas wie die Schweizer Nationalbank der russischen Wahrheit: kleiner Bestand, streng bewacht und für die Bevölkerung von enormem psychologischem Wert.
Denn Sport hat einen großen Vorteil:
Die Realität besitzt dort eine Anzeigetafel.
Man kann erzählen, was man möchte – irgendwann steht oben rechts:
2:0.
Und genau deshalb ist Sport für Propaganda gefährlich.
Die Wahrheit ist nämlich manchmal kompliziert.
Aber manchmal trägt sie kurze Hosen, läuft 90 Minuten über einen Rasen und lässt sich anschließend in einer Tabelle nachlesen.
Ich, Ronald Tramp, empfehle deshalb jedem Informationsministerium der Welt dringend:
Finger weg vom Sportteil!
Denn sobald Menschen einmal entdecken, wie angenehm es ist, wenn eine Zahl tatsächlich das bedeutet, was dort steht, könnten sie auf gefährliche Gedanken kommen.
Zum Beispiel:
„Vielleicht möchte ich das auch bei anderen Nachrichten.“
Und meine Damen und Herren – ab diesem Moment wird es für Propaganda wirklich sportlich.

