Alexander Zverev tippt den Ball beim Aufschlag immer wieder auf, Ben Shelton fordert eine Regeländerung. Ronald Tramp über Tennis, Zeitreisen und die längste Vorbereitung seit dem Berliner Flughafen.
Von Reporter Ronald Tramp – Sonderkorrespondent für sportliche Endlosschleifen, nervöse Tennisbälle und Matches, bei denen der Aufschlag länger vorbereitet wird als ein Bundeshaushalt
Meine Damen und Herren, ich habe Tennis gesehen. Viel Tennis. Großartiges Tennis. Schnelles Tennis. Hartes Tennis. Aber was Alexander Zverev beim Aufschlag veranstaltet, ist offenbar kein normaler Bewegungsablauf mehr.
Es ist ein mehrstufiges Verwaltungsverfahren mit Ballkontakt.
Während andere Spieler einen Tennisball nehmen, zweimal auftippen und servieren, scheint Zverev zunächst eine persönliche Beziehung zu seinem Ball aufbauen zu wollen.
Tip.
Tip.
Tip.
Tip.
Noch ein Tip.
Dann vielleicht noch zwölf.
Zwischendurch hat irgendwo ein Zuschauer geheiratet, zwei Kinder bekommen und seine Renteninformation geöffnet.
Und immer noch:
Tip. Tip. Tip.
Sein Gegner Ben Shelton war davon nun offenbar so begeistert wie ein Mensch, der an der Supermarktkasse feststellt, dass vor ihm jemand seinen Wocheneinkauf ausschließlich mit Ein-Cent-Münzen bezahlt.
Sheltons Kernproblem: Vor dem ersten Aufschlag gibt es eine Uhr. Sehr schön. Sehr modern. Sehr übersichtlich.
Beim zweiten Aufschlag dagegen beginnt offenbar die freie Interpretation des Raum-Zeit-Kontinuums.
Da steht Shelton an der Grundlinie, Knie leicht gebeugt, Konzentration hoch, Puls stabil – und gegenüber prellt Zverev den Ball.
Und prellt.
Und prellt.
Irgendwann dürfte Shelton innerlich vermutlich angefangen haben, seine Steuererklärung zu machen.
Ich kann ihn verstehen.
Kein Mensch kann eine halbe Ewigkeit in angespannter Empfangsposition stehen.
Das ist Tennis und keine TÜV-Abnahme für menschliche Wadenmuskulatur.
Shelton sagt sinngemäß: Ich bin bereit, wenn du endlich aufschlägst. Aber ich möchte nicht bereits drei geologische Zeitalter vorher in Startposition stehen.
Völlig vernünftig.
Denn Zverevs Aufschlagroutine erinnert inzwischen an den Start einer Raumfähre.
Phase eins: Ball auswählen.
Phase zwei: Ball betrachten.
Phase drei: Ball zehnmal auftippen.
Phase vier: weiter auftippen.
Phase fünf: Gegner fragt sich, ob er noch im selben Match ist.
Phase sechs: Schiedsrichterin kontrolliert vorsichtshalber den Kalender.
Phase sieben: Aufschlag.
Und selbst Zverev selbst scheint nicht ganz zu wissen, warum er das tut.
Das ist wunderschön.
Ein Spitzensportler mit einer Routine, die offenbar irgendwann von allein gewachsen ist wie Efeu an einem verlassenen Reihenhaus.
Er zählt die Ballkontakte nicht bewusst.
Sehr beruhigend.
Das bedeutet: Niemand weiß genau, wann es aufhört.
Vielleicht bei zwölf.
Vielleicht bei zwanzig.
Vielleicht dann, wenn der Ball selbst sagt:
„Alexander, bitte. Ich habe Familie.“
Natürlich ist das Ganze taktisch hochinteressant.
Denn vielleicht ist das gar kein nervöses Ritual.
Vielleicht ist das psychologische Kriegsführung auf allerhöchstem Niveau.
Der Gegner denkt zunächst:
„Wann schlägt er auf?“
Nach zehn Sekunden:
„Kommt der Aufschlag jetzt?“
Nach zwanzig Sekunden:
„Habe ich den Herd ausgeschaltet?“
Nach dreißig Sekunden:
„Warum bin ich eigentlich Tennisspieler geworden?“
Und genau dann:
BÄMM! Aufschlag.
Genial.
Vielleicht braucht Zverev bald gar keinen ersten Aufschlag mehr. Er prellt einfach so lange, bis der Gegner freiwillig den Punkt abgibt.
„Spiel, Satz und Match Zverev – Gegner wegen altersbedingter Erschöpfung ausgeschieden.“
Auch Karen Khachanov hatte sich bereits über die Routine gewundert.
Wenn sich schon mehrere Gegner melden, könnte man natürlich vermuten, dass hier ein kleines Problem existiert.
Oder man macht es wie im modernen Spitzensport:
Man nennt es einfach individuelle Vorbereitung.
Klingt sofort hochwertiger.
„Herr Zverev benötigt vor jedem zweiten Aufschlag ein kurzes ballbasiertes Achtsamkeitsfenster.“
Wunderbar.
Fast Wellness.
Ich sehe schon die nächste Generation Tennisspieler.
Der eine prellt 30-mal.
Der nächste ordnet vorher seine Socken nach Farbe.
Ein Dritter meditiert.
Und Novak Djokovic setzt sich währenddessen vermutlich in die Kabine und gewinnt trotzdem irgendwie das Turnier.
Am Ende bleibt Zverev bemerkenswert entspannt.
Sieg ist Sieg.
Und da hat er natürlich recht.
Im Tennis steht nicht in der Statistik, wie lange der Ball vor dem Aufschlag auf den Boden geklopft wurde.
Es steht nur:
Gewonnen.
Vielleicht ist das also die eigentliche Lektion.
Solange du siegst, kannst du den Ball vermutlich auch vorher taufen, ihm einen Namen geben und eine kleine Abschiedsrede halten.
Aber ich, Ronald Tramp, hätte dennoch einen Vorschlag für die Regelkommission:
Nach dem zehnten Auftippen erscheint auf dem Platz automatisch eine Anzeige:
„Bitte entscheiden Sie sich: Aufschlag oder Eigentumsübertragung.“
Nach dem fünfzehnten Ballkontakt wird Kaffee serviert.
Und nach dem zwanzigsten bekommt der Gegner einen Klappstuhl.
Denn irgendwann hört Tennis auf, ein schneller Sport zu sein.
Dann ist es nur noch:
Mann mit Ball wartet darauf, dass Mann mit anderem Ball endlich fertig wird.

