JD Vance hält einen wandelnden Antichristen für denkbar und spürt bei KI „dunkle Energie“. Gleichzeitig sollen mehr Rechenzentren entstehen. Willkommen bei Armageddon 4.0.
Es gibt Tage, an denen die Weltpolitik kompliziert erscheint. Handelskonflikte, Kriege, Inflation, künstliche Intelligenz, Energieversorgung. Und dann gibt es Tage, an denen der Vizepräsident der Vereinigten Staaten sinngemäß erklärt: Der Antichrist könnte bereits unter uns sein.
Endlich wieder ein Thema mit überschaubarer Faktenlage.
JD Vance sprach in einem Interview mit dem evangelikalen Podcaster Bryce Crawford darüber, dass er nicht besonders überrascht wäre, wenn der Antichrist bereits unter den Menschen wandelte. Gleichzeitig wolle er sich darauf nicht zu sehr konzentrieren.
Eine bemerkenswerte Haltung.
Das ist ungefähr so, als würde der Feuerwehrchef sagen:
„Im Keller könnte Satan wohnen. Aber ich möchte da jetzt auch kein großes Ding draus machen.“
Vance ist sich außerdem sicher, dass irgendwann die Endzeit kommt. Lediglich der Termin scheint noch nicht abschließend mit Outlook synchronisiert worden zu sein. Vielleicht in einigen Tausend Jahren. Vielleicht in ein paar Monaten.
Amerika plant Weltuntergänge offenbar nach demselben Verfahren wie Infrastrukturprojekte.
Der Termin steht grundsätzlich fest. Nur das Datum ist offen.
Armageddon – jetzt auch mit flexibler Terminoption
Man stelle sich das Weiße Haus vor.
Pressekonferenz, 9 Uhr.
„Mr. Vice President, wann rechnen Sie mit dem Ende der Menschheit?“
Vance blättert im Kalender.
„Dienstag schwierig. Mittwoch habe ich Ohio. Donnerstag KI-Gipfel. Vielleicht Freitag Armageddon?“
Ein Mitarbeiter flüstert:
„Sir, Freitag kommt der Präsident nach Mar-a-Lago.“
„Okay. Dann verschieben wir die Apokalypse.“
Sehr flexibel. Sehr amerikanisch. Wahrscheinlich mit kostenloser Stornierung bis 24 Stunden vorher.
Noch interessanter wird es allerdings bei künstlicher Intelligenz.
Vance erklärte, manche Vorgänge bei KI-Unternehmen hätten eine „wirklich, wirklich seltsame spirituelle dunkle Energie“.
Das ist eine bemerkenswerte Erweiterung klassischer IT-Sicherheitsbegriffe.
Bisher kannten Administratoren Malware, Ransomware, Zero-Day-Lücken und kompromittierte Zugangsdaten.
Jetzt kommt offenbar hinzu:
Dämonenbefall im Rechenzentrum.
Damit dürfte der nächste NIST-Sicherheitskatalog ungefähr so aussehen:
Firewall: aktiviert.
MFA: aktiviert.
Backups: vorhanden.
Exorzist: Rufbereitschaft.
Weihwasser: redundant ausgelegt.
Pentagramme unter den Serverracks: bitte Ticket bei Facility Management eröffnen.
Wenn die KI beerdigt wird
Besonders unheimlich findet Vance offenbar Berichte über ein KI-Unternehmen, das beim Austausch älterer KI-Versionen eine Art Begräbnisritual abgehalten haben soll.
Hier muss man zugeben: Sollte irgendwo tatsächlich ein Serverraum existieren, in dem Entwickler vor einem abgeschalteten Sprachmodell stehen und sagen:
„GPT-Herbert 3.7, du hast uns viele falsche Excel-Formeln gegeben. Ruhe in Frieden“,
dann wäre zumindest eine gewisse Irritation nachvollziehbar.
Allerdings dürfte das Ritual in einem normalen IT-Unternehmen erheblich nüchterner aussehen:
„Altes Modell abgeschaltet?“
„Ja.“
„Daten migriert?“
„Hoffentlich.“
„Dokumentation aktualisiert?“
Stille.
DAS ist die wirklich dunkle Energie.
Denn nichts beschwört übernatürliche Kräfte zuverlässiger als eine produktive IT-Anwendung, deren einziger Entwickler das Unternehmen 2019 verlassen hat.
Dämonische KI – aber bitte mit mehr Rechenzentren
Und hier erreicht die Geschichte ihre wunderbarste amerikanische Flughöhe.
Denn während Vance vor der spirituell dunklen Aura bestimmter KI-Praktiken warnt, unterstützt die US-Regierung gleichzeitig den massiven Ausbau von KI-Infrastruktur und Rechenzentren.
Das ist großartig.
„Diese Technologie könnte möglicherweise finstere spirituelle Energien besitzen. Deshalb brauchen wir dringend mehr davon.“
Das ist ungefähr so, als würde Graf Dracula ein staatliches Förderprogramm für Blutbanken auflegen.
Donald Trump dürfte die Sache vermutlich ohnehin unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachten:
„Wir werden die BESTEN Rechenzentren bauen. Riesige Rechenzentren. Niemand baut Rechenzentren wie wir. Und falls der Antichrist kommt – glauben Sie mir – er wird amerikanische Server benutzen. Keine chinesischen Server. America First!“
Man sieht die Zukunft bereits vor sich.
Auf einer riesigen Fläche entstehen 400 Megawatt KI-Infrastruktur. Zehntausende GPUs rechnen rund um die Uhr. Stromleitungen glühen. Kühlanlagen brummen.
Davor steht JD Vance mit skeptischem Blick:
„Da drin spüre ich dunkle spirituelle Energie.“
Hinter ihm erscheint ein Wirtschaftsberater.
„Das Projekt schafft 8.000 Arbeitsplätze.“
Vance dreht sich um.
„Dann vielleicht doch nur mittel-dunkel.“
Die Apokalypse als Standortfaktor
Und so betreten die Vereinigten Staaten möglicherweise eine völlig neue Epoche der Technologiepolitik: KI-Förderung mit theologischer Gefahrenzulage.
Silicon Valley entwickelt künftig nicht mehr einfach neue Modelle.
Nein.
Vor jedem Release braucht es womöglich eine spirituelle Risikobewertung.
KI 8.0 – 94 Prozent bessere Mathematikleistung, 17 Prozent weniger Halluzinationen, Dämonenrisiko: moderat.
Investoren werden begeistert sein.
„Wie hoch ist der Energieverbrauch?“
„Zwei Gigawatt.“
„Datenschutz?“
„Unklar.“
„Kann das System die Menschheit vernichten?“
„Möglicherweise.“
„Dunkle spirituelle Energie?“
„Sehr wahrscheinlich.“
„Fantastisch. Hier sind 40 Milliarden Dollar.“
Vielleicht liegt darin die größte Satire überhaupt: Die moderne Menschheit baut Maschinen mit Billionen Rechenoperationen pro Sekunde, diskutiert über Superintelligenz, Quantencomputer und autonome Agenten – und landet irgendwann wieder bei einer der ältesten Fragen der Zivilisation:
„Ist da vielleicht der Teufel drin?“
Früher fragte man das beim Radio.
Heute beim Rechenzentrum.
Der Fortschritt ist beeindruckend.
Immerhin besitzt der Antichrist inzwischen vermutlich Glasfaser.

