Ein französischer Bürgermeister verhängt ein Überflugverbot für Tigermücken und droht mit Strafverfolgung. Bislang fehlt nur eines: ein verhafteter Täter mit sechs Beinen.
Es gibt diesen Moment in der Geschichte jeder großen Nation, an dem sie sich entscheiden muss: Kapitulieren wir – oder schicken wir die Polizei?
Frankreich hat sich entschieden.
Der Gegner ist klein, gestreift, bewaffnet, extrem beweglich und bislang offenbar völlig unbeeindruckt vom französischen Verwaltungsrecht: die Asiatische Tigermücke.
Im französischen Saint-Just Saint-Rambert hat Bürgermeister Olivier Joly Anfang September ein offizielles Überflugverbot für Tigermücken erlassen. Ihre wiederholten niedrigen und kreisförmigen Flüge sowie ihre Stiche seien geeignet, „Verärgerung und Verzweiflung“ hervorzurufen.
Damit ist erstmals juristisch festgestellt worden, was Millionen Menschen seit Jahrzehnten nachts um 2:47 Uhr wissen:
Mücken nerven.
Aber Frankreich wäre nicht Frankreich, wenn man dieses Problem einfach mit Fliegengittern lösen würde.
Nein.
Es braucht eine Verfügung.
Luftraum geschlossen! Mademoiselle Moustique, landen Sie sofort!
Die Lage ist ernst.
Tigermücken dürfen den kommunalen Luftraum künftig offenbar nur noch betrachten, nicht benutzen. Wer trotzdem einfliegt, muss laut Verfügung mit „strafrechtlicher Verfolgung“ rechnen.
Das wirft faszinierende praktische Fragen auf.
Wie führt man eine Mückenkontrolle durch?
„Ihre Flugpapiere bitte.“
SSSSSSSSSSS.
„Haben Sie Alkohol konsumiert?“
SSSSSSSSSSS.
„Wissen Sie, warum wir Sie angehalten haben?“
SSSSSSSSSSS.
„Sie sind mehrfach ohne Genehmigung über einen Blumentopfuntersetzer geflogen.“
Die Beschuldigte verweigert die Aussage und versucht anschließend, durch ein geöffnetes Badezimmerfenster zu fliehen.
Großfahndung.
Zwei Polizeiwagen, ein Hubschrauber und ein Beamter mit zusammengerollter Zeitung nehmen die Verfolgung auf.
Bislang musste Bürgermeister Joly allerdings einräumen, dass noch keine Mücke festgenommen wurde.
Eine ernüchternde Bilanz.
Offenbar verfügt die internationale Mückenkriminalität bereits über hervorragende Fluchtrouten.
Die Mücken-Mafia schlägt zurück
Man muss sich ohnehin fragen, wie ein Gerichtsverfahren aussehen würde.
„Angeklagte, erheben Sie sich!“
Nichts.
„Ihnen werden unerlaubter Tiefflug, gefährliche Körperverletzung durch Stechrüssel und wiederholtes nächtliches Summen vorgeworfen.“
Die Mücke landet auf dem Richter.
Zusätzlicher Anklagepunkt: Missachtung des Gerichts.
Ihr Verteidiger beantragt Freispruch wegen mangelnder Schuldfähigkeit und erklärt, seine Mandantin habe lediglich „instinktbedingt gehandelt“.
Die Staatsanwaltschaft präsentiert daraufhin Beweisstück A:
einen roten Fleck am linken Unterarm.
Frankreich hält den Atem an.
Paris beobachtet die Lage
Sollte das Experiment erfolgreich sein, könnte Frankreich seine Verwaltungsmethode auf andere Naturphänomene ausweiten.
Regen ohne Genehmigung?
Bußgeld.
Wespen auf Caféterrassen?
Platzverweis.
Tauben auf Denkmälern?
Bewährungsstrafe.
Hitzewelle?
„Monsieur Soleil, Ihnen wird vorgeworfen, am 17. Juli ohne vorherige Anmeldung Temperaturen von 38 Grad erzeugt zu haben.“
Man kann Naturkatastrophen möglicherweise nicht verhindern.
Aber man kann ihnen zumindest einen rechtsmittelfähigen Bescheid zustellen.
Doch hinter dem Spaß steckt ein echtes Problem
Die Aktion des Bürgermeisters ist natürlich bewusst humorvoll. Der Hintergrund hingegen ist ernst: Die Asiatische Tigermücke breitet sich infolge veränderter klimatischer Bedingungen weiter aus und kann Krankheitserreger wie Dengue-, Chikungunya- oder Zikaviren übertragen.
Deshalb bleibt es in Saint-Just Saint-Rambert auch nicht bei juristischer Mückenabschreckung.
Die Kommune stellt 45.000 Euro für den Kampf gegen die kleinen Luftstreitkräfte bereit. Dazu gehören Mückenfallen sowie Nistmöglichkeiten für Fledermäuse, Meisen und Schwalben.
Das ist ausgesprochen clever.
Denn offenbar lautet die neue französische Sicherheitsstrategie:
Wenn das Strafrecht versagt, schicken wir Fledermäuse.
Damit verfügt Saint-Just Saint-Rambert praktisch über ein mehrstufiges Luftverteidigungssystem.
Erste Verteidigungslinie: Bürger beseitigen stehendes Wasser.
Zweite Linie: Mückenfallen.
Dritte Linie: Meisen.
Vierte Linie: Schwalben.
Fünfte Linie:
BATMAN.
Macron muss jetzt Stärke zeigen
Die internationale Gemeinschaft sollte Frankreich in dieser schwierigen Stunde nicht alleinlassen.
Donald Trump könnte bereits über ein Hilfspaket nachdenken.
„These mosquitoes are coming into France ILLEGALLY. Very bad mosquitoes. Probably the worst mosquitoes anyone has ever seen. I know mosquitoes. Tremendous mosquitoes.“
Anschließend würde vermutlich eine 14 Meter hohe Mauer um Saint-Just Saint-Rambert gebaut.
Die Tigermücken fliegen darüber.
Trump:
„MAKE IT HIGHER!“
Europa könnte parallel Sanktionen beschließen. Sämtliche Konten der Tigermücke werden eingefroren. Die EU-Kommission verhängt ein Einreiseverbot und fordert alle Mitgliedstaaten auf, keine Ersatzteile für Stechrüssel mehr zu exportieren.
Die Mücken reagieren mit einem weiteren Tiefflug über einen Gartenteich.
Die entscheidende Frage bleibt
Am Ende könnte Frankreich mit seiner Mischung aus Humor und ernsthaften Maßnahmen sogar etwas erreicht haben, woran viele Behörden regelmäßig scheitern:
Die Menschen reden über Prävention.
Denn stehendes Wasser in Eimern, Untersetzern oder Altreifen zu beseitigen, ist tatsächlich sinnvoller als der Versuch, einer Tigermücke einen Strafbefehl zuzustellen.
Trotzdem sollte Saint-Just Saint-Rambert vorbereitet sein.
Denn sobald die erste Mücke verhaftet wird, beginnt der schwierige Teil.
Personalien feststellen.
Beweismittel sichern.
Dolmetscher organisieren.
Und vor allem:
Wer legt ihr die Handschellen an?

