Nach Tino Chrupalla wagt Ronald Tramp auch Alice Weidels ZDF-Sommerinterview. Was folgt: Flachzangen, Euro-Untergang, geschlossene Grenzen, Klimawandel ohne Klimaschutz und eine CDU, die angeblich nie wieder gewinnt. Ronalds Gehirn beantragt Notabschaltung.
Meine Damen und Herren, ich habe es wieder getan.
Ich habe ferngesehen.
Nach Tino Chrupallas ARD-Sommerinterview hätte jeder vernünftige Mensch gesagt:
„Ronald, genug. Du hast deinem Gehirn bereits ausreichend zugemutet.“
Aber ich bin Journalist.
Ein fantastischer Journalist.
Vielleicht der belastbarste Journalist Europas.
Andere gehen nach einem Sommerinterview zur Erholung in den Urlaub.
Ronald Tramp schaut direkt das nächste.
Also setzte ich mich vor das ZDF, öffnete vorsichtshalber das Fenster, stellte einen Eimer neben den Fernseher und begann das Sommerinterview mit Alice Weidel.
Nach fünf Minuten wusste ich:
Der Eimer war zu klein.
Sehr klein.
Wir reden hier von industriellen Mengen politischen Abwassers.
Das Technische Hilfswerk hätte anrücken müssen.
Denn Frau Weidel war in fantastischer Form.
Nicht sachlich fantastisch.
Aber rhetorisch in jener besonderen Form, bei der jeder Satz ungefähr klingt wie:
„Deutschland steht kurz vor dem Untergang, aber keine Sorge – ich persönlich habe schon den Generalschlüssel.“
Die CDU gewinnt nie wieder. Nie. Niemals. Vielleicht Dienstag.
Beginnen wir mit den Prognosen.
Alice Weidel erklärte, die CDU werde keine einzige Bundestagswahl mehr gewinnen.
Keine.
Nie wieder.
Das war’s.
Ende der Geschichte.
Friedrich Merz kann offenbar bereits den Sitzungskalender vernichten.
Konrad Adenauer dreht sich im Grab.
Das Konrad-Adenauer-Haus wird vermutlich nächste Woche in ein Escape-Room-Center umgebaut.
Ronald Tramp liebt solche Prognosen.
Denn Prognosen sind großartig.
Vor allem wenn sie so präzise sind, dass man sie erst in Jahrzehnten endgültig widerlegen kann.
Ich mache deshalb auch eine:
Der FC Schalke 04 wird ab 2047 jede Champions League gewinnen.
Was?
Keine Beweise?
Das ist doch kleinliches Denken.
Ich fühle es einfach.
Frau Weidel fühlte ebenfalls einiges.
Die AfD werde regieren.
In einzelnen Bundesländern.
Und im Bund.
Und wahrscheinlich, wenn man das Interview noch zehn Minuten länger geführt hätte, auch im Fürstentum Liechtenstein.
Denn Bescheidenheit war an diesem Abend nicht im Studio.
Sie hatte offenbar Sendeverbot.
Die Flachzangenrepublik Deutschland
Dann kam das Wort des Abends:
Flachzangen.
Alice Weidel erklärte, sie wolle nicht mehr „angelogen werden von irgendwelchen Flachzangen, die da oben sitzen“.
Meine Damen und Herren, das ist politische Sprache 2026.
Früher sagte man:
„Ich widerspreche der Bundesregierung.“
Dann:
„Die Regierung verfolgt eine falsche Politik.“
Heute:
FLACHZANGEN!
Fantastisch.
Politische Debatte jetzt im Werkzeugkasten.
Ronald erwartet beim nächsten Bundestagswahlkampf:
„Der Kanzler ist ein Inbusschlüssel!“
„Der Finanzminister ist eine Rohrzange!“
„Die Grünen sind eine Wasserpumpenzange mit Gendersternchen!“
Und irgendwo sitzt ein echter Handwerker vor dem Fernseher und sagt:
„Könnt ihr bitte aufhören, mein Werkzeug zu beleidigen?“
Frau Weidel erklärte weiter, Deutschland werde kaputt gemacht.
Entweder könnten die Regierenden es nicht.
Oder es sei Vorsatz.
Das ist natürlich ein herrlicher politischer Doppelwumms.
Denn wenn etwas schlecht läuft, gibt es nach dieser Logik nur zwei Möglichkeiten:
Inkompetenz oder Verschwörung.
Dritte Möglichkeit?
Fehlanzeige.
Komplexe politische Entscheidungen?
Nein.
Internationale Krisen?
Quatsch.
Interessenkonflikte?
Langweilig.
Wirtschaftliche Wechselwirkungen?
Viel zu kompliziert.
Ronalds Lieblingsdiagnose lautet deshalb künftig:
Wenn mein Drucker nicht funktioniert, ist entweder HP unfähig oder es handelt sich um einen internationalen Sabotageakt.
Klimawandel? Gab es schon immer!
Dann Klima.
Wunderbares Thema.
Einfaches Thema.
Jeder Wissenschaftler kann Ihnen sagen, dass Klima ein hochkomplexes Zusammenspiel aus Treibhausgasen, Energiebilanzen, Ozeanen, Atmosphäre, Landnutzung und Rückkopplungseffekten ist.
Alice Weidel fasste das Problem wesentlich effizienter zusammen:
Klimawandel gab es schon immer.
Bumm.
Fertig.
Forscher können nach Hause.
Satelliten abschalten.
Messstationen verkaufen.
Universitäten schließen.
Denn Ronald hat gelernt:
Wenn etwas schon früher existierte, kann der Mensch heute unmöglich Einfluss darauf haben.
Waldbrände gab es schon immer.
Also kann niemand jemals einen Waldbrand verursachen.
Überschwemmungen gab es schon immer.
Also ist Kanalisation vermutlich linke Ideologie.
Krankheiten gab es schon immer.
Also brauchen wir keine Medizin.
Und Hunger gab es auch schon immer.
Bitte sämtliche Kühlschränke abschaffen.
Geniale Logik.
Maßnahmen gegen den Klimawandel brauche es nach Weidels Darstellung nicht.
Ich sehe schon das neue Umweltministerium:
Eine Sekretärin.
Ein Faxgerät.
Ein Schild:
„Klima war schon vorher da.“
Budgeteinsparung gigantisch.
E-Autos: Der Markt wird es richten
Beim Thema Elektromobilität erklärte Weidel sinngemäß:
Man solle niemandem vorschreiben, welches Auto er fahren darf.
Markt- und Technologieoffenheit!
Ronald liebt Markt- und Technologieoffenheit.
Das klingt nach Freiheit.
Nach Innovation.
Nach einem Konferenzzentrum mit kostenlosen Kugelschreibern.
Nur hat der Markt ein kleines Problem:
Andere Länder betreiben ebenfalls Industriepolitik.
China fördert Elektromobilität massiv.
Die USA fördern Schlüsselindustrien.
Europa setzt Regulierung.
Und Deutschland?
Ronalds neues Konzept:
Wir machen einfach alles offen und schauen mal, wer gewinnt.
So funktioniert Wirtschaft selbstverständlich.
Formel 1 ebenfalls.
Man stellt alle Autos hin.
Keine Regeln.
Keine technischen Vorgaben.
Keine Sicherheitsstandards.
Dann ruft jemand:
„MARKTOFFENHEIT!“
Und los geht’s.
Der eine fährt elektrisch.
Der andere Diesel.
Der dritte Dampflok.
Der vierte bringt einen Esel.
Sehr technologieoffen.
Grenzen zu. Schengen raus. Europa bitte anhalten.
Dann Migration.
Hier wurde das Interview richtig sportlich.
Die Grenzen sollen geschlossen werden.
Deutschland soll aus Schengen austreten.
Menschen aus Afghanistan sollen nicht mehr kommen.
Syrer sollen zurückgeführt werden.
Alle.
Meine Damen und Herren:
Alle.
Ronald liebt Wörter wie „alle“.
Politisch wunderschön.
Denn „alle“ erspart Details.
Rechtsstatus?
Alle.
Familiäre Bindungen?
Alle.
Gefährdungslage?
Alle.
Deutsche Staatsangehörigkeit?
Moment.
Plötzlich wird „alle“ ein bisschen kompliziert.
Aber Details ruinieren großartige Slogans.
Besonders interessant wurde es, als der Moderator fragte, wie Rückführungen praktisch funktionieren sollen, wenn Staaten wie Syrien oder Afghanistan Menschen nicht einfach zurücknehmen.
Eine berechtigte Frage.
Man braucht diplomatische Vereinbarungen.
Reisedokumente.
Identitätsfeststellungen.
Kooperation der Herkunftsstaaten.
Logistik.
Rechtsverfahren.
Die Antwort?
Sinngemäß:
Grenzen schließen. Prävention. Schengen verlassen.
Das ist, als frage ich:
„Wie reparieren wir das Dach?“
Und jemand antwortet:
„Wir schließen die Haustür.“
Ja.
Die Haustür ist jetzt zu.
Das Dach ist weiterhin kaputt.
Aber immerhin herrscht Entschlossenheit.
Der Euro ist schuld. Früher war alles besser.
Dann kam der Euro.
Alice Weidel bezeichnete ihn als instabile Währung und erklärte, Deutschland sei es vor Einführung des Euro deutlich besser gegangen.
Ronald bekommt bei solchen Sätzen immer nostalgische Gefühle.
Früher war alles besser.
Die D-Mark.
Telefonzellen.
VHS-Kassetten.
Rauchen im Flugzeug.
Internetzugang über Modem:
KRRRRR-PIIIIIEP-KRRRRR-TÖÖÖÖÖT.
Das waren Zeiten.
Damals kostete ein Liter Benzin auch weniger.
Und Ronald war jünger.
Folgerichtig muss die D-Mark mein Haarwachstum gefördert haben.
Wissenschaftlich unangreifbar.
Natürlich kann man den Euro kritisieren.
Man kann über Geldpolitik, Zinsregime, Transfermechanismen oder Wettbewerbsfähigkeit diskutieren.
Aber zu sagen:
„Vor dem Euro ging es Deutschland besser“
ist ungefähr so präzise wie:
„Vor Smartphones waren Menschen glücklicher.“
Vielleicht.
Vielleicht auch nicht.
Vielleicht war 1998 einfach das Wetter schön.
Die undemokratische Brandmauer
Dann die Brandmauer.
Weidel nannte sie „das Undemokratischste, was es gibt“.
Ronald Tramp ist begeistert.
Denn jetzt lernen wir:
Demokratie bedeutet offenbar nicht nur, dass Parteien gewählt werden.
Sondern dass andere Parteien anschließend verpflichtet sind, mit ihnen zusammenzuarbeiten.
Großartig.
Ronald gründet morgen die Partei:
„Ronalds fantastische Partei Deutschlands“ – RFPD.
Wenn ich dann 8 Prozent bekomme und niemand eine Koalition mit mir will, erkläre ich:
Undemokratisch!
Bei 3 Prozent:
Diktatur!
Bei 0,8 Prozent:
Staatsstreich!
Denn Koalitionsfreiheit ist natürlich nur demokratisch, wenn jemand mit mir koaliert.
Ganz einfach.
Ronalds Gehirn reicht offiziell Überlastungsanzeige ein
Nach ungefähr einer Stunde war das Interview vorbei.
Mein Fernseher funktionierte noch.
Mein Gehirn weniger.
Ich saß da und blickte auf den Bildschirm.
Alice Weidel hatte innerhalb eines Sommerinterviews erklärt:
Die AfD werde regieren.
Die CDU werde nie wieder eine Bundestagswahl gewinnen.
Regierungspolitiker seien Flachzangen.
Klimaschutzmaßnahmen brauche es nicht.
Schengen könne weg.
Der Euro könne weg.
Grenzen könnten zu.
Syrer könnten zurück.
Die Brandmauer sei undemokratisch.
Und Markt- und Technologieoffenheit löse den Rest.
Meine Damen und Herren:
Das ist kein Parteiprogramm.
Das ist ein politischer Entrümpelungsdienst.
Euro? Raus.
Schengen? Raus.
Klimapolitik? Raus.
CDU? Bald raus.
Migration? Raus.
Differenzierung? Schon lange raus.
Am Ende des Interviews erwartete Ronald nur noch:
„Und die Mehrwertsteuer schaffen wir ab, indem wir den Taschenrechner wegwerfen.“
Ich gebe zu:
Nach Tino Chrupalla dachte ich, die Messlatte für geistigen Dünnschiss liege bereits am Boden.
Alice Weidel hat bewiesen:
Man kann darunter noch einen Keller bauen.
Mit Tiefgarage.
Vier Untergeschossen.
Und einem direkten Tunnel zum ZDF-Sommerinterview.
Aber Ronald bleibt stark.
Ich werde auch das nächste politische Interview schauen.
Für Sie.
Für Deutschland.
Für die Wissenschaft.
Und weil ich wissen möchte, wie viel politischer Unsinn ein einzelner Fernseher aushält, bevor automatisch der Kinderschutz aktiviert wird.
Bis dahin gilt:
Wer einfache Antworten auf komplizierte Fragen präsentiert, verkauft häufig keine Lösung.
Er verkauft nur einen besonders hübschen Karton, auf dem groß steht:
„Problem erledigt.“
Und wenn man ihn öffnet?
Nichts drin.
Außer sehr viel heiße Luft.
Aber davon haben wir diesen Sommer ohnehin schon genug.
Ronald Tramp
Reporter, Sommerinterview-Überlebender und Leiter der mobilen politischen Kläranlage

