Zwei Prozessparteien lassen KI ihre juristischen Argumente liefern – und plötzlich kämpfen erfundene Urteile gegeneinander. Ronald Tramp berichtet über den Moment, in dem künstliche Intelligenz vor Gericht erschien und ausgerechnet die Anwälte aus dem Verfahren flogen.
Von Reporter Ronald Tramp – Sonderkorrespondent für politische Absurditäten, digitale Katastrophen und Fälle, bei denen selbst die Realität kurz Akteneinsicht beantragen möchte.
Meine Damen und Herren, ich habe schon viele Gerichtsverfahren gesehen. Große Verfahren. Sehr große Verfahren. Verfahren, bei denen Anwälte mit Aktenordnern auftauchten, die so dick waren, dass man damit mittelgroße Brücken stabilisieren konnte.
Aber Mississippi hat jetzt eine völlig neue Stufe der modernen Rechtspflege erreicht:
Zwei Parteien gingen vor Gericht – und offenbar ließen beide ihre künstliche Intelligenz vorher ordentlich halluzinieren.
Das Ergebnis war vermutlich das erste Gerichtsverfahren der Geschichte, bei dem sich zwei Anwaltsteams gegenseitig mit Urteilen bewarfen, die ungefähr so real waren wie ein Einhorn mit amerikanischer Sozialversicherungsnummer.
Es ging eigentlich um einen vergleichsweise klassischen Streit: Anwalt Tom Withers verlangte offenbar unbezahlte Honorare von der Stadt Aberdeen. Früher hätte man dazu Rechnungen, Verträge und juristische Kommentare gewälzt.
2026 geht das schneller.
Man fragt eine KI:
„Hallo, Computer. Hast du irgendein Urteil, das beweist, dass wir recht haben?“
Und die KI antwortet sinngemäß:
„Selbstverständlich! McFluffington gegen Bundesstaat Mississippi, 1873, Oberstes Gericht von Atlantis. Sehr wichtiger Fall.“
Normalerweise folgt jetzt ein winziger, geradezu revolutionärer Arbeitsschritt:
Man überprüft, ob dieses Urteil tatsächlich existiert.
Aber offenbar waren beide Seiten der Ansicht, Recherche sei eine veraltete Technologie aus der Epoche unmittelbar vor dem WLAN.
Also landeten KI-generierte Präzedenzfälle in den Schriftsätzen.
Und das Schönste:
Beide Seiten machten es.
Das ist juristische Chancengleichheit in ihrer reinsten Form.
Normalerweise behauptet vor Gericht Partei A: „Partei B erzählt Unsinn.“
Hier konnten vermutlich beide Parteien gleichzeitig erklären:
„Euer Ehren, die Gegenseite zitiert erfundene Urteile!“
Worauf die Gegenseite hätte antworten können:
„Frechheit! Unsere erfundenen Urteile widersprechen diesen erfundenen Urteilen ausdrücklich!“
Damit war der amerikanische Rechtsstaat nur noch ungefähr drei ChatGPT-Prompts davon entfernt, dass Darth Vader als Sachverständiger geladen wird.
Richterin Sharion Aycock fand die Angelegenheit allerdings deutlich weniger unterhaltsam.
Sie stoppte das Verfahren, entzog den beteiligten Anwälten das Mandat und verhängte Geldstrafen von bis zu mehreren Tausend Dollar. Teilweise gab es zusätzlich Auftrittsverbote für den Gerichtsbezirk.
Mit anderen Worten:
Die KI durfte bleiben.
Die Anwälte mussten gehen.
Das ist möglicherweise der Moment, in dem sich irgendwo ein Laptop leise aufgeklappt und gedacht hat:
„Interessante Karriereentwicklung.“
Ich stelle mir ohnehin vor, wie das Ganze abgelaufen sein könnte.
Anwalt 1:
„Wir brauchen dringend einen Präzedenzfall.“
KI:
„Kein Problem. Hier sind zwölf.“
Anwalt:
„Sind die echt?“
KI:
„Ich bin eine künstliche Intelligenz und kann Fehler machen.“
Anwalt:
„Perfekt. Ab damit ans Gericht.“
Und auf der anderen Seite:
Anwalt 2:
„Wir brauchen Gegenargumente.“
Andere KI:
„Hier sind sieben Urteile.“
Anwalt:
„Existieren die?“
KI:
„Interessante Frage.“
Anwalt:
„Ausgezeichnet. Einreichen!“
So entstand vermutlich das erste vollständig digitale juristische Schattenboxen: Chatbot gegen Chatbot, erfundener Präzedenzfall gegen erfundenen Präzedenzfall – während echte Menschen dafür echte Honorare berechneten.
Das Revolutionäre daran ist nicht einmal, dass künstliche Intelligenz Unsinn produziert.
Menschen können das seit Jahrtausenden hervorragend selbst.
Die eigentliche Innovation besteht darin, dass hochqualifizierte Fachleute offenbar beschlossen haben, den Unsinn nicht mehr selbst zu verfassen.
Das ist Effizienz!
Früher benötigte ein Anwalt mehrere Stunden, um einen falschen Schluss zu ziehen.
Heute schafft eine KI zwölf falsche Schlüsse, drei nichtexistente Gerichtsentscheidungen und einen erfundenen Bundesrichter, bevor der Kaffee durchgelaufen ist.
Produktivitätssteigerung!
Natürlich ist KI ein fantastisches Werkzeug. Sie kann recherchieren helfen, Texte strukturieren, Argumentationen prüfen und komplizierte Sachverhalte zusammenfassen.
Aber es gibt eine winzige Zusatzfunktion, die bislang offenbar noch nicht überall installiert wurde:
den Menschen.
Man muss nämlich weiterhin überprüfen, was die Maschine ausspuckt.
Sonst entwickelt sich die Rechtsprechung irgendwann ungefähr so:
„Im wegweisenden Urteil Batman gegen Finanzamt Gotham City stellte der Supreme Court 1964 fest, dass Steuerpflichtige mit Umhang Anspruch auf erhöhte Werbungskosten haben.“
Und irgendwo sitzt ein Anwalt, liest das und denkt:
„Klingt plausibel.“
Vielleicht brauchen wir deshalb künftig eine neue Warnmeldung über jedem KI-Chat:
ACHTUNG: Dieses System kann halluzinieren. Der Benutzer übrigens auch.
Mississippi hat jedenfalls eindrucksvoll gezeigt, wohin die Reise gehen könnte.
Früher sagte man:
„Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand.“
Heute heißt es:
„Vor Gericht und im KI-Chat ist man in der Hand dessen, der wenigstens einmal auf Google klickt.“
Und ich, Ronald Tramp, gebe Ihnen deshalb einen kostenlosen juristischen Ratschlag:
Wenn Ihr Computer Ihnen ein sensationelles Gerichtsurteil präsentiert, das exakt Ihre Meinung bestätigt, überprüfen Sie es.
Besonders dann, wenn der zuständige Richter angeblich Justice Bigly McPrecedent vom Supreme Court of Tremendous Law heißt.

