AfD-Mitarbeiter sollen sich im Bundestag geprügelt haben. Ronald Tramp untersucht eine Streitkultur, bei der die Polizei offenbar das letzte Wort übernehmen musste.
Von Ronald Tramp, dem einzigen Reporter, der bei politischen Flügelkämpfen inzwischen nachfragt, ob damit Parteiströmungen oder die Flugbahnen von Büroinventar gemeint sind.
Leute, ich kenne Streitkultur. Die beste Streitkultur. Eine fantastische Erfindung: Menschen tauschen Argumente aus, bis einer überzeugt ist oder zumindest der Kaffee leer. Im Jakob-Kaiser-Haus soll nun eine erheblich handfestere Diskussionsmethode ausprobiert worden sein.
Nach einem „Spiegel“-Bericht sollen sich Mitarbeiter von AfD-Abgeordneten in einem Bundestagsgebäude geprügelt haben. Die Bundestagspolizei habe eingegriffen, bei den Beteiligten Alkoholeinfluss festgestellt und Ermittlungsverfahren eingeleitet. Was genau geschah und wer welche Verantwortung trägt, müssen die Ermittlungen klären.
Für meine satirische Vorstellung reicht allerdings schon dieses Bild: Eine Partei spricht ständig davon, im Land endlich Ordnung zu schaffen, während im eigenen beruflichen Umfeld möglicherweise erst einmal jemand dazwischengehen muss.
Ordnung beginnt zu Hause. Hausordnung offenbar auch.
Ich stelle mir eine vollständig erfundene Fortbildung vor.
„Willkommen zum Seminar: Argumentativ überzeugen.“
„Gibt es einen praktischen Teil?“
„Ja. Sie lassen den anderen ausreden.“
Entsetzte Gesichter.
„Und wann gewinnen wir?“
„Wenn Ihr Argument überzeugt.“
„Das klingt nach unnötigen Einschränkungen.“
Leute, parlamentarische Arbeit ist anspruchsvoll. Man muss Anträge schreiben, Termine koordinieren und den Unterschied zwischen einer Gegenrede und einem Gegenstand beherrschen. Nicht alles, was sich erheben lässt, gehört in eine Debatte. Die Stimme zum Beispiel schon. Die Faust eher weniger.
Besonders schön ist die Reaktion der AfD-Fraktion. Ein Sprecher erklärte gegenüber dem Magazin: „Davon ist der Fraktion nichts bekannt.“
Ein großartiger Satz. Elegant. Pflegeleicht. Passt zu fast jeder unangenehmen Gelegenheit und braucht praktisch keinen Speicherplatz.
In meiner imaginären Kommunikationsabteilung steht er bereits fertig gerahmt zwischen Drucker und Kaffeemaschine.
„Was ist passiert?“
„Uns ist nichts bekannt.“
„Was sagen die Berichte?“
„Dass anderen etwas bekannt ist.“
„Und unsere Position?“
„Wir bleiben unserer Informationslage treu.“
Das ist politische Beständigkeit. Andere müssen ihre Aussagen ständig neuen Erkenntnissen anpassen. Hier hält man erst einmal entschlossen am Nichtwissen fest.
Natürlich kann ein Sprecher tatsächlich noch keine Informationen haben. Aber als öffentliche Antwort besitzt der Satz einen gewissen Unterhaltungswert: Draußen wird über einen möglichen Polizeieinsatz gesprochen, drinnen klingt es, als habe jemand nach einem verschwundenen Locher gefragt.
„Prügelei? Nein. Aber falls Sie den Tacker sehen, der gehört ins Sekretariat.“
Ich, Ronald Tramp, empfehle deshalb für meine erfundene Parteizentrale ein neues internes Meldesystem. Sobald ein Konflikt die Lautstärke einer sachlichen Meinungsverschiedenheit überschreitet, erscheint auf dem Bildschirm ein freundlicher Hinweis:
„Möchten Sie diese Auseinandersetzung wirklich körperlich fortsetzen?“
Darunter nur eine Schaltfläche: „Nein, ich arbeite hier.“
Eine revolutionäre Software. Würde vermutlich sofort als Bevormundung empfunden.
Auch der berichtete Alkoholeinfluss verdient Aufmerksamkeit. Alkohol ist schließlich kein parlamentarischer Berater. Er erweitert selten den Sachverstand, dafür gelegentlich das Vertrauen in Argumente, die nüchtern nicht einmal die eigene Zimmerpflanze beeindrucken würden.
In meinem satirischen Büro hängt deshalb eine einfache Regel: Wer glaubt, nach mehreren Getränken endlich die deutsche Politik erklären zu können, bekommt Wasser und darf zunächst den Kopierer erklären.
Beidseitig.
Ohne Handgreiflichkeiten.
Die eigentliche Pointe liegt im Gegensatz zwischen großem politischen Anspruch und kleinem menschlichem Beherrschungsvermögen. Wer öffentliche Sicherheit fordert, sollte wenigstens in der Lage sein, einen Büroflur ohne Schlichtungsgespräch zu benutzen. Wer ständig Respekt verlangt, könnte probehalber beim Kollegen anfangen.
Und wer meint, Deutschland brauche eine starke Hand, sollte präzisieren, dass diese bitte am eigenen Körper bleibt.
Ich sehe schon die nächste imaginäre Stellenanzeige: „Gesucht wird Unterstützung für die parlamentarische Arbeit. Erwartet werden Organisationstalent, Belastbarkeit und die Fähigkeit, Meinungsverschiedenheiten ohne polizeiliche Moderation abzuschließen.“
Falls sich der Bericht bestätigt, wäre das ein bemerkenswerter Beitrag zur inneren Sicherheit: Die Polizei wäre bereits da. Nur die innere Selbstbeherrschung hätte noch gefehlt.

