Ein gekapertes CDU-Postfach verschickt falsche Einladungen bis ins Kanzleramt. Ronald Tramp besucht eine Prominentenpredigt, bei der offenbar Zugangsdaten gesammelt werden sollen.
Von Ronald Tramp, dem einzigen Reporter, der bei politischen Einladungen inzwischen zuerst prüft, ob das versprochene Netzwerk aus Menschen oder Schadsoftware besteht.
Leute, ich kenne Kontakte. Die besten Kontakte. Andere brauchen jahrelange Parteiarbeit, unzählige Stehempfänge und die Fähigkeit, Kartoffelsalat im Stehen zu essen, um bis ins Kanzleramt vorzudringen. Unbekannte Täter haben offenbar eine Abkürzung gefunden: das E-Mail-Postfach der Heilbronner CDU.
Nach bisherigen Erkenntnissen verschickten sie über ein gekapertes Konto Tausende betrügerische Nachrichten. Zu den Empfängern gehörten Ministerien, politische Kontakte und auch Bundeskanzler Friedrich Merz. Die Ermittlungen laufen. Ob Empfänger auf die Masche hereinfielen, steht damit keineswegs fest.
Aber die Reichweite! Gewaltige Reichweite!
Manche Kreisverbände träumen davon, dass ihre Nachrichten in Berlin überhaupt geöffnet werden. Hier muss man plötzlich dringend darum bitten, genau das zu unterlassen.
Eine Kommunikationsstrategie mit eingebautem Rückwärtsgang.
Besonders bemerkenswert finde ich die Tarnung. Die betrügerischen Nachrichten verwendeten unter anderem den Betreff einer Einladung zur Böckinger Prominentenpredigt. Dahinter steckte laut Bericht ein Link, über den angeblich ein Dokument geöffnet werden konnte.
Eine Prominentenpredigt! Natürlich!
Wenn irgendwo „prominent“ steht, bekommt der politische Terminkalender sofort warme Hände. Gibt es einen Empfang? Steht mein Name auf einer Liste? Kommt jemand, neben dem man zufällig fotografiert werden könnte?
Der Köder war jedenfalls deutlich raffinierter als die klassische Nachricht vom unbekannten Prinzen mit eingefrorenem Vermögen. In meinem satirischen Vergleich würde ein deutscher Funktionär darauf nur antworten: „Bitte zunächst über den zuständigen Kreisverband.“
Aber eine Einladung aus dem eigenen politischen Umfeld? Mit einem Dokument?
Das hat Verwaltungsduft. Da riecht der Link förmlich nach Tagesordnung, Filterkaffee und einem Grußwort, das angeblich nur kurz ausfällt.
Ich stelle mir die erfundene Predigt bereits vor:
„Liebe Gemeinde, wir sind heute zusammengekommen, um unsere Zugangsdaten loszulassen.“
„Alle?“
„Auch jene, an denen ihr besonders hängt.“
Dann geht kein Klingelbeutel herum, sondern eine gefälschte Anmeldemaske.
Ein beeindruckender theologischer Ansatz: Der Mensch denkt, der Link lenkt.
Auch eine vermeintliche Ummeldung zwischen CDU-Verbänden gehörte zu den verwendeten Betreffzeilen. Das ist die andere große Verführung der deutschen Politik: ein Verwaltungsvorgang, den man vielleicht endlich abschließen könnte.
Niemand erwartet hinter einer Ummeldung das große Abenteuer. Genau das macht sie so tückisch. Der Betreff trägt gedanklich eine beige Übergangsjacke und sagt: „Ich müsste hier nur noch kurz abgezeichnet werden.“
Selbst die Polizei erhielt verdächtige Nachrichten. Eine kühne Vertriebsstrategie. Ungefähr so, als würde ein Einbrecher seine Visitenkarte vorsorglich auch beim zuständigen Ermittler einwerfen.
In meiner imaginären Polizeidienststelle schaut ein Beamter auf den Bildschirm.
„Wir haben eine verdächtige Mail bekommen.“
„Von wem?“
„Von einem bekannten Absender.“
„Das sagen die anderen Empfänger vermutlich auch.“
Und genau da steckt das Problem: Ein vertrauter Absender macht einen Inhalt noch nicht vertrauenswürdig. Ein gestohlenes Postfach trägt schließlich weiterhin den guten Anzug seines Besitzers.
Das ist digitaler Identitätsdiebstahl mit Gästeliste.
Ich, Ronald Tramp, würde deshalb vor jedem politischen Link eine kleine Kontrollfrage einbauen: „Erwarten Sie dieses Dokument wirklich, oder schmeichelt Ihnen gerade nur der Verteiler?“
Ein hervorragender Filter. Würde allerdings auch manchen harmlosen Empfang aus dem Kalender entfernen.
Nach Bekanntwerden des Vorfalls ließ der Kreisverband seine Kontakte warnen. Für Betroffene heißt es nun, verdächtige Nachrichten ernst zu nehmen und bei einem Klick die eigene IT einzuschalten. In der satirischen Parteizentrale meiner Vorstellung wird währenddessen bereits eine Arbeitsgruppe gegründet.
„Wie nennen wir sie?“
„Digitale Resilienz und sichere Kommunikation.“
„Was macht sie?“
„Zunächst verschicken wir eine Einladung.“
„Mit Link?“
Betretenes Schweigen.
Natürlich ist ein gekapertes Konto kein Beweis dafür, dass eine ganze Partei nichts von IT versteht. Es zeigt aber wunderbar, wie wenig ein seriöser Absender allein garantiert. Selbst die feierlichste Betreffzeile kann einen Haken haben.
Die Prominentenpredigt bekam so eine unfreiwillige Botschaft: Du sollst keine fremden Passwörter begehren. Und schon gar nicht gleich den ganzen Verteiler missionieren.

