Stefan Evers hört an Berliner Haustüren immer wieder einen Namen: Friedrich Merz. Ronald Tramp untersucht, wie aus roten Linien Drehtüren und aus Wahlniederlagen „klare Aufträge“ werden.
Von Ronald Tramp, dem einzigen Reporter, der politische Glaubwürdigkeit noch mit einem Geigerzähler misst
Meine Damen und Herren, liebe Bürger, liebe Haustüren und besonders liebe CDU-Wahlkämpfer, die inzwischen beim Klingeln vorsichtshalber einen Helm tragen: Deutschland erlebt gerade etwas Historisches. Vielleicht sogar das Historischste seit Erfindung des Wahlversprechens mit eingebautem Verfallsdatum.
Stefan Evers war nämlich unterwegs. Im Wahlkampf. An Haustüren. Bei echten Menschen!
Mutiger Mann.
Andere Politiker schicken für so etwas inzwischen Umfrageinstitute, Praktikanten oder eine Push-Nachricht. Evers dagegen ging persönlich dorthin, wo Demokratie noch richtig gefährlich werden kann: vor die Haustür eines Wählers, der gerade Zeit hat.
Und offenbar hörte er dort erstaunlich häufig einen Namen:
Friedrich Merz.
Nicht immer verbunden mit Blumen, Fanfaren und spontanen Dankesprozessionen.
Viele Bürger seien frustriert. Besonders wegen der Schuldenbremse. Denn vor der Wahl hatte Merz sinngemäß eine rote Linie gezogen. Eine fantastische rote Linie! Stabil! Unüberwindbar! Politischer Stahlbeton!
Nach der Wahl stellte sich heraus: Die rote Linie war offenbar mit einem Textmarker auf eine Drehtür gemalt worden.
Ronald Tramp kennt dieses Verfahren selbstverständlich. Man nennt es in der internationalen Spitzenpolitik die strategische Rückwärtsbestätigung eines vorwärtsgerichteten Gegenteils.
Der Laie sagt dazu: „Moment mal, war das nicht gestern noch anders?“
Aber genau hier zeigt sich die enorme Flexibilität moderner Politik. Früher brach man Wahlversprechen. Heute werden sie lediglich nachträglich an veränderte Realitäten angepasst, bis sie von ihrer ursprünglichen Bedeutung vollständig befreit sind.
Sehr elegant.
Empathie? War die nicht im Koalitionsvertrag?
Evers diagnostiziert außerdem fehlende Nahbarkeit und Empathie.
Das ist natürlich harter Tobak.
Denn Friedrich Merz wirkt durchaus nahbar – vorausgesetzt, man befindet sich zufällig im selben Konferenzraum.
Das Problem ist womöglich die politische Wärmeabstrahlung. Manche Politiker betreten einen Raum und die Menschen denken: „Schön, dass er da ist.“
Bei anderen denkt der Bewegungsmelder: „Keine menschliche Aktivität festgestellt.“
Und gerade in schwierigen Zeiten, so Evers, müsse politische Führung ein positives Zukunftsversprechen vermitteln.
Absolut richtig!
Zum Beispiel:
„Morgen wird alles besser.“
Das ist ein Klassiker.
Oder:
„Wir haben verstanden.“
Sehr beliebt nach Wahlen.
Oder mein persönlicher Favorit:
„Das Ergebnis ist ein klarer Auftrag.“
Dieser Satz funktioniert übrigens bei jedem Wahlergebnis. Sieg? Klarer Auftrag. Niederlage? Klarer Auftrag. Halbierung? Besonders klarer Auftrag. Aus dem Parlament geflogen? Historischer Auftrag zur außerparlamentarischen Erneuerung!
Die deutsche Demokratie besitzt für Wahlniederlagen mehr Euphemismen als ein Immobilienmakler für feuchte Keller.
Und ist Merz noch der Richtige?
Dann kam die große Frage.
Ist Friedrich Merz noch der richtige Kanzler?
Und Stefan Evers antwortete ungefähr so, wie Politiker antworten, wenn sie gleichzeitig etwas sagen, nichts sagen und später bestreiten möchten, überhaupt etwas gesagt zu haben.
Jeder Spitzenpolitiker müsse irgendwann prüfen, ob er seinen eigenen Überzeugungen womöglich mehr im Wege stehe, als ihnen zu nutzen.
WOW!
Das ist politisches Deutsch der Champions League.
Übersetzt von Ronald Tramp lautet der Satz:
„Ich fordere überhaupt nichts – aber falls jemand zurücktritt, möchte ich später behaupten können, dass ich es irgendwie schon angedeutet hatte.“
Dann wurde Evers gefragt, ob dieser Zeitpunkt bei Merz bereits gekommen sei.
Antwort: Der Kanzler brauche dazu keine Ratschläge von ihm.
Natürlich nicht!
Das ist ungefähr so, als würde ein Beifahrer sagen:
„Ich sage ausdrücklich nicht, dass du gegen einen Baum fährst. Du bist ein erwachsener Mensch und kannst selbst entscheiden, wann du bremsen möchtest.“
Während draußen bereits die Rinde durchs Seitenfenster kommt.
Die CDU entdeckt die Schwerkraft
Nach mehreren schmerzhaften Wahlergebnissen herrscht in Teilen der Union inzwischen jene traditionelle Stimmung, die Parteien immer dann entwickeln, wenn vorher niemand verantwortlich war und anschließend plötzlich sehr viele Verantwortliche gefunden werden müssen.
Die CDU sucht nach Ursachen.
Die Koalition ringt.
Die SPD fordert.
Die Union widerspricht.
Dann fordert die Union.
Die SPD widerspricht.
Danach treffen sich alle im Koalitionsausschuss und erklären gegen Mitternacht, man habe in einer „konstruktiven Atmosphäre“ gesprochen.
„Konstruktive Atmosphäre“ ist Berliner Regierungssprache für:
Der Kaffee ist leer, aber keiner hat den Raum verlassen.
Pflege, Rente, Steuern – überall warten Reformen. Deutschland besitzt inzwischen so viele angekündigte Reformen, dass man sie vermutlich als eigenes Sondervermögen bilanzieren könnte.
Und mitten darin steht Friedrich Merz.
Ein Kanzler zwischen Koalitionspartner, Parteifreunden, Umfragen und Bürgern, die an der Haustür offenbar zunehmend fragen, ob die Bundesregierung ihre Wahlversprechen eigentlich als politische Zusage oder als saisonale Dekoration betrachtet.
Stefan Evers jedenfalls hat die Stimmung gehört.
Direkt beim Bürger.
Und vielleicht liegt genau darin die größte Gefahr für die moderne Politik:
Irgendwann geht jemand tatsächlich raus und fragt die Leute.
Das kann ganze Strategiepapiere ruinieren.
Ronald Tramp empfiehlt deshalb dringend ein neues Regierungsprogramm: „Mehr Nähe wagen!“
Jeder Spitzenpolitiker bekommt eine Klingel.
Jeden Montag muss er irgendwo unangekündigt an einer Haustür klingeln und erklären, was aus seinen letzten Wahlversprechen geworden ist.
Ohne Pressesprecher.
Ohne vorbereitete Fragen.
Ohne Fluchtfahrzeug.
Nach drei Wochen hätten wir entweder eine vollkommen neue politische Kultur – oder Deutschland wäre das erste Land Europas, in dem sämtliche Regierungsmitglieder freiwillig Homeoffice beantragen.
Und Friedrich Merz?
Der braucht laut Stefan Evers keine Ratschläge.
Das ist beruhigend.
Denn wenn ein Politiker öffentlich erklärt, ein anderer Politiker brauche keinen Ratschlag, ist das in Berlin ungefähr dasselbe wie die Durchsage im Flugzeug:
„Es besteht keinerlei Grund zur Beunruhigung.“
Spätestens dann schaut jeder aus dem Fenster.
Und sucht den Fallschirm.

