Der Wehrdienst soll freiwillig sein, die Rückmeldung für junge Männer nicht: Wer den Fragebogen ignoriert, muss mit einem Bußgeldverfahren rechnen. Ronald Tramp erklärt die deutsche Kunst, sogar das Zögern fristgerecht zu erfassen.
Von Ronald Tramp, Sonderreporter für amtliche Fragen mit Nachdruck
Deutschland hat eine neue Form der Kontaktaufnahme entdeckt: Erst kommt ein Brief, dann eine Erinnerung – und wenn der Fragebogen weiterhin unbeantwortet bleibt, winkt möglicherweise ein Bußgeld. Die Bundeswehr fragt junge Männer, ob sie sich einen freiwilligen Wehrdienst vorstellen können. Wer den Bogen nicht fristgerecht zurückschickt, kann ein Ordnungswidrigkeitsverfahren bekommen. So wird aus einer Frage, die angeblich freiwilligen Dienst betrifft, eine Antwort, die für Männer erst einmal verpflichtend ist. Sehr elegant. Fast so elegant wie eine Einladung zum Grillen, bei der im Kleingedruckten steht, dass man bei Nichtzusage die Kohle bezahlen muss.
Das Verteidigungsministerium unter SPD-Politiker Boris Pistorius macht ernst: Männer sollen den Fragebogen innerhalb der vorgesehenen Frist ausfüllen. Bleibt die Antwort aus, folgt ein Erinnerungsschreiben mit weiterer Frist. Wer auch diese verstreichen lässt, muss mit einem Bußgeldverfahren rechnen. Die mögliche Höhe: bis zu 250 Euro. Und selbst wenn das Verfahren läuft, bleibt die Pflicht zur Antwort bestehen. Der Staat fragt also nicht nur höflich nach – er fragt so lange, bis der Briefkasten eine Meinung hat.
Seit Januar werden junge Menschen ab 18 Jahren angeschrieben. Männer müssen den Bogen beantworten, Frauen können freiwillig teilnehmen. Das ist eine bemerkenswerte Aufgabenteilung: Bei den einen heißt es „Bitte Rückmeldung“, bei den anderen „Bitte Rückmeldung, sonst wird es amtlich“. Der Fragebogen selbst mag noch keine Uniform enthalten, aber sein Auftritt hat bereits etwas von einem sehr kleinen Rekrutierungsbüro mit Umschlag und Fristenkalender.
Die Bundeswehr versandte nach Angaben des Ministeriums bis Ende September insgesamt 492.800 Briefe. Rund 96 Prozent der Männer hätten innerhalb der Frist oder Nachfrist geantwortet. Das ist eine beeindruckende Rücklaufquote. Offenbar funktioniert die Mischung aus Brief, Erinnerung und möglichem Bußgeld besser als jede Werbekampagne mit martialischer Musik und dramatisch wehender Fahne. Man muss den jungen Leuten nur deutlich genug erklären, dass Nichtantworten ebenfalls eine Antwort ist – und zwar eine, die möglicherweise einen Gebührenbescheid nach sich zieht.
Man stelle sich die Szene im Wohnzimmer vor: Ein junger Mann öffnet den Brief, liest „freiwilliger Wehrdienst“ und denkt: „Darüber muss ich erst einmal nachdenken.“ Dann kommt die Erinnerung. Er denkt weiter. Dann kommt die Frist. Plötzlich denkt der Briefkasten mit. Und am Ende sitzt die ganze Familie über dem Formular, als wäre es ein Escape Room: Wo ist das Kreuz? Welche Antwort führt hinaus? Und warum liegt hier ein Bußgeldschlüssel?
Die politische Pointe ist natürlich, dass Freiwilligkeit und Pflicht im selben Umschlag wohnen. Der Wehrdienst soll freiwillig sein; die Auskunft darüber ist für Männer verpflichtend. Das ist kein Widerspruch, sagt die Verwaltung vermutlich. Es ist eine sorgfältig beschriftete Zuständigkeitsfrage. Freiwillig ist das mögliche Ja. Verpflichtend ist die Antwort auf die Frage, ob man vielleicht Ja sagen könnte. Bürokratie kann eben sogar das Zögern in ein Formularfeld verwandeln.
Wer sich nicht meldet, entkommt der Frage also nicht einfach. Die Frage bleibt im System, die Frist bleibt im Kalender, und irgendwann könnte das Bußgeld anklopfen. In Deutschland muss man nicht unbedingt sofort wissen, ob man dienen möchte. Aber man sollte es offenbar rechtzeitig mitteilen. Denn selbst die Unentschlossenheit braucht inzwischen eine fristgerechte Rückmeldung.

