Zwei Kunstwerke sind verschwunden, doch niemand weiß mehr genau, in welchem Frankfurter Geschäft sie zum Einrahmen abgegeben wurden. Ronald Tramp startet „Aktenzeichen Rahmenlos“ und erklärt vorsorglich jeden Bilderrahmen zum Beweismittel.
Von Ronald Tramp, Sonderermittler für Rahmenhandlungen, analoge Erinnerungslücken und Kunstwerke, die offenbar erfolgreicher untertauchen als so mancher Geheimagent.
Meine Damen und Herren, Deutschland hat einen neuen Kriminalfall. Einen gewaltigen Fall. Vielleicht den größten Fall seit jemand im Museum gefragt hat: „Ist das Kunst oder kann das weg?“
Zwei Zeichnungen, die Wilhelm von Schadow zugeschrieben werden und aus dem Jahr 1920 stammen sollen, sind verschwunden. Die Besitzerin hatte sie zum Einrahmen in ein Geschäft in der Frankfurter Altstadt gebracht. Das Problem: Sie weiß nicht mehr, in welches.
Das ist schlecht.
Sehr schlecht.
Denn die Polizei verfügt damit über eine Fahndungslage, die sich ungefähr so zusammenfassen lässt:
Wir suchen zwei Bilder.
Sie waren in einem Laden.
Irgendwo.
Vermutlich mit Rahmen.
Willkommen bei AKTENZEICHEN RAHMENLOS.
Ich, Ronald Tramp, habe sofort die Ermittlungen übernommen. Niemand hat mich darum gebeten. Das zeichnet Spitzenjournalismus aus.
OPERATION GOLDENE LEISTE
Der erste Schritt war klar: Sämtliche Bilderrahmenläden Deutschlands müssen überprüft werden.
Vielleicht sogar Europas.
Denn was wissen wir über Bilderrahmenläden?
Sie haben Rahmen.
Die gesuchten Bilder sollten eingerahmt werden.
BINGO!
Andere Ermittler benötigen Fingerabdrücke, Videoaufnahmen oder Namen. Ich brauche lediglich eine logische Verbindung, die bei ausreichender Lautstärke praktisch zum Beweis wird.
Ich betrat deshalb das erste Geschäft.
„Haben Sie hier Bilder?“
„Natürlich.“
„Interessant.“
„Wir sind ein Bilderrahmengeschäft.“
„NOCH INTERESSANTER!“
Ich verlangte sofort die Herausgabe sämtlicher rechteckiger Gegenstände.
JEDER RAHMEN IST VERDÄCHTIG
Die Schwierigkeit dieses Falles liegt darin, dass praktisch alles eine Spur sein könnte.
Holzleisten? Verdächtig.
Glasplatten? Hochverdächtig.
Passepartouts? Französisch klingend. Extrem verdächtig.
Ein Mitarbeiter mit Maßband? Was misst er da?
Ich entwickelte deshalb das Ronald-Tramp-Rahmenprofiling.
Ein unschuldiger Rahmen hängt an der Wand.
Ein verdächtiger Rahmen hängt ebenfalls an der Wand.
Der Unterschied ist für Laien kaum zu erkennen.
Deshalb braucht man mich.
Besonders kritisch sind leere Bilderrahmen. Warum sind sie leer? Was war vorher darin? Wo ist es jetzt? Und warum schweigt der Rahmen?
Folgen Sie dem Holz!
DIE ANALOGE CLOUD
Das wirklich Faszinierende an diesem Fall ist aber etwas anderes: Er erinnert uns daran, wie Alltagsgeschäfte früher funktionierten.
Man ging irgendwo hin.
Man gab jemandem etwas.
Vielleicht bekam man einen Zettel.
Dann ging man wieder.
Keine App. Kein GPS-Tracking. Keine Push-Nachricht. Kein Kundenportal mit Zwei-Faktor-Authentifizierung und der Information: „Ihr Schadow befindet sich jetzt in Bearbeitung.“
Das war die analoge Cloud.
Man lud seine Daten hoch, indem man persönlich einen Gegenstand auf einen Tresen legte.
Und wenn man später vergessen hatte, welcher Tresen das war, begann das Disaster-Recovery-Verfahren:
Nachdenken.
Brutal.
FRANKFURT WIRD ZUR RAHMENZONE
Ich empfehle deshalb eine komplette Abriegelung der Frankfurter Altstadt.
Niemand verlässt das Gebiet mit einem rechteckigen Gegenstand.
Touristen mit Stadtplänen: Kontrolle.
Menschen mit Fenstern: Kontrolle.
Pizzakartons: stichprobenartig.
Ein Mann trägt eine Tür?
SOFORT BEFRAGEN!
Außerdem müssen sämtliche Einrahmer nachweisen, dass sie nicht zufällig zwei Kunstwerke besitzen, von denen niemand mehr genau weiß, wo sie abgegeben wurden.
„Wir haben die Bilder nicht.“
Aha.
GENAU DAS WÜRDE EIN LADEN SAGEN, DER DIE BILDER NICHT HAT.
Oder einer, der sie hat!
Sie sehen: Die Schlinge zieht sich zu.
DIE GROSSE RAHMENHANDLUNG
Natürlich sollte man sich nicht über die Besitzerin lustig machen. Wer erinnert sich Jahre später noch an jedes Geschäft, jede Quittung und jede Adresse?
Der wahre Star dieses Falles ist deshalb die Ermittlungsaufgabe selbst.
Normalerweise sucht die Polizei einen Verdächtigen.
Hier sucht man zunächst den Tatort.
Wobei es möglicherweise gar keinen Tatort gibt.
Vielleicht gibt es nur einen Laden.
Und möglicherweise weiß der Laden nicht einmal, dass er gesucht wird.
Das ist Kriminalistik auf höchstem Schwierigkeitsgrad.
Sherlock Holmes hatte Fußspuren.
Columbo hatte Widersprüche.
CSI hatte DNA.
Ronald Tramp hat Bilderrahmenläden in Frankfurt.
Ich werde deshalb weitermachen.
Geschäft für Geschäft.
Rahmen für Rahmen.
Passepartout für Passepartout.
Und sollte ich die beiden Zeichnungen finden, werde ich persönlich dafür sorgen, dass sie niemals wieder verloren gehen.
Ich werde sie an einem absolut sicheren Ort hinterlegen.
Ich muss mir nur noch merken, wo.

