Trump geht vorzeitig wählen, präsentiert seinen Aufkleber und erklärt die Demokraten zum Korruptionsoriginal. Ronald Tramp berichtet vom Wahlkampf, in dem jede Stimme zählt – solange das Ergebnis gefällt.
Von Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für vorsorgliche Wahlsiege, nachträgliche Ergebnisverbesserungen und Aufkleber mit staatstragender Wirkung.
Leute, Donald Trump hat gewählt. Persönlich. Vorzeitig. In Florida. Ein historischer Moment: Der Präsident hat einen Wahlzettel abgegeben, ohne vorher zu verlangen, dass dieser seine Loyalität schriftlich bestätigt.
Anschließend trug er einen Aufkleber mit der Aufschrift „I voted“. Ich finde das bescheiden. Erstaunlich bescheiden. Bei diesem Präsidenten hätte ich mindestens erwartet: „Ich habe gewählt. Niemand hat jemals schöner gewählt. Die Wahlkabine hat geweint.“
Ein kleiner Aufkleber am Revers – praktisch die zivile Variante einer selbst verliehenen Tapferkeitsmedaille. Ausgezeichnet für besonderen Mut beim Betreten eines Raumes, in dem das Ergebnis ausnahmsweise andere bestimmen.
Melania war ebenfalls dabei. Über ihre Gedanken ist damit nichts gesagt. In meiner satirischen Vorstellung überprüft sie allerdings bereits, ob der Aufkleber rückstandslos entfernt werden kann. Bei politischen Erinnerungsstücken weiß man schließlich nie, wie lange man damit fotografiert werden möchte.
Vor der Tür fragten Journalisten nach Korruption. Trump erklärte, die echte Korruption gebe es bei den Demokraten. Fantastische Qualitätskontrolle! Offenbar existieren inzwischen Originalkorruption und republikanische Nachbildungen. Die einen werden angeprangert, die anderen vermutlich als patriotische Sonderedition vertrieben.
Ich stelle mir einen politischen Verbraucherschutz vor: „Achten Sie beim Erwerb Ihrer Korruption auf das demokratische Echtheitssiegel. Alles andere ist möglicherweise nur eine sehr persönliche Interpretation von Amtsführung.“
Dann kam selbstverständlich die Wahl von damals zur Sprache, die Trump entgegen dem tatsächlichen Ergebnis weiterhin als seinen Sieg verkauft.
Ich bewundere diese Ausdauer auf rein sportlicher Ebene. Andere Menschen verlieren ihre Autoschlüssel und akzeptieren nach einiger Zeit die Realität. Trump verliert eine Wahl und erklärt jahrelang, das Auto müsse sich entschuldigen.
In seinem politischen Fitnessstudio wird Niederlage konsequent umtrainiert. Erst etwas Empörung, dann mehrere Wiederholungen „manipuliert“, anschließend kräftiges Schulterzucken gegenüber dem Ergebnis. Irgendwann steht die Niederlage selbst auf und geht, weil sie die Diskussion nicht mehr erträgt.
Nun drohen den Republikanern bei den Zwischenwahlen Verluste. Die Wähler beschäftigen steigende Lebenshaltungskosten. Ein unangenehmes Thema: An der Supermarktkasse lässt sich ein enttäuschender Kontostand nur schwer durch einen Hinweis auf die Größe der eigenen Menschenmengen ausgleichen.
„Der Einkauf ist teuer geworden.“
„Aber haben Sie gesehen, wie voll meine Veranstaltung war?“
„Kann ich davon die Butter bezahlen?“
„Die größte Butter aller Zeiten.“
Während Trump also seinen Wahlaufkleber präsentiert, zieht Barack Obama durch umkämpfte Bundesstaaten und kritisiert dessen Entscheidungen. In meiner Vorstellung treffen dabei zwei völlig unterschiedliche Kundendienstmodelle aufeinander: Obama erklärt, warum das Gerät nicht funktioniert. Trump beschuldigt die Steckdose, Demokratin zu sein.
Obama wirbt dafür, frühzeitig abzustimmen. Trump hat persönlich ebenfalls früh gewählt. Das ist kein Widerspruch zu seiner Kritik an der Briefwahl – eine Wahlkabine ist schließlich kein Briefkasten. Für seine politische Erzählung bleibt die entscheidende Komfortfunktion aber dieselbe: Das Ergebnis soll bitte zu seiner Erwartung passen.
Ich empfehle deshalb einen neuen Wahlabend-Service. Neben jeder Auszählung steht ein kleines Buffet mit vorbereiteten Erklärungen. Bei Sieg gibt es „überwältigendes Mandat“. Bei Niederlage „ungeheuerliche Unregelmäßigkeiten“. Die Beilagen bleiben gleich: Empörung, Ausrufezeichen und ein Anwalt mit Reisetasche.
Besonders lästig wäre für Trump eine demokratische Kongressmehrheit. Plötzlich könnten andere mitreden, nachfragen und Unterlagen sehen wollen. Also genau jene Zumutungen, die man sich einhandelt, wenn man versehentlich eine Demokratie regiert.
Dabei ist das Prinzip erstaunlich einfach: Bürger geben ihre Stimmen ab, Stimmen werden gezählt, und anschließend müssen Politiker mit dem Ergebnis leben.
Nur der Aufkleber enthält leider keine Bedienungsanleitung.
Vielleicht sollte man Trump deshalb noch einen zweiten ans Revers kleben: „Ich habe gewählt – die anderen durften auch.“

