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Ronald Tramp
★ Macht Meinung wieder Gross! ★

Digitale Selbstbenotung: Sehr gut, bis jemand den Beamer einschaltet

Grafik: Sehr gut, bis der Beamer streikt

Lehrkräfte geben ihrer Digitalkompetenz bessere Noten, die Schüler bleiben skeptisch. Ronald Tramp besucht eine Schule, in der jeder technische Ausfall als pädagogisches Konzept durchgeht.

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Von Ronald Tramp, dem einzigen Reporter, dessen Digitalkompetenz so groß ist, dass das WLAN ihn um Empfang bittet.

Leute, wir müssen über einen gewaltigen Bildungserfolg sprechen. Gewaltig! Deutschlands Lehrkräfte haben ihre digitalen Fähigkeiten bewertet – und sich bessere Noten gegeben als früher. So einfach geht Fortschritt. Andere Länder entwickeln Lernplattformen. Wir entwickeln ein freundlicheres Verhältnis zum eigenen Leistungsstand. Ich liebe diese Methode. Wenn ich meine Fitness selbst benoten dürfte, müsste das olympische Komitee einen Fahrstuhl aufs Siegertreppchen bauen.

Laut der vorgelegten Bitkom-Umfrage steigt das digitale Selbstvertrauen im Lehrerzimmer. Die Schülerinnen und Schüler beurteilen die Fähigkeiten ihrer Lehrkräfte allerdings weniger begeistert. Unverschämte Kinder! Benutzen täglich Technik und glauben deshalb, sie könnten beurteilen, ob jemand Technik benutzen kann. Früher reichte es für pädagogische Autorität, den Overheadprojektor anzuschalten, ohne dass die Sicherung die Schule verließ.

Ich besuche für meine Reportage die vollständig erfundene Zukunftsschule „Zum kreisenden Ladebalken“. Eine hervorragende Schule. Die modernste Schule, die jemals ein Faxgerät als kritische Infrastruktur eingestuft hat.

Schon am Eingang begrüßt mich ein digitales Willkommensdisplay. Es zeigt: „Kein Signal.“ Sehr ehrlich. Andere Schulen verstecken ihr pädagogisches Konzept in langen Broschüren.

Im Lehrerzimmer präsentiert mir ein Kollege stolz seine digitale Unterrichtsplanung. Er hat ein Arbeitsblatt eingescannt, ausgedruckt, handschriftlich ergänzt und erneut eingescannt. Eine beeindruckende Kreislaufwirtschaft. Das Papier wird so oft digitalisiert, bis der Scanner Anspruch auf eine Klassenleitung erhebt.

„Wir arbeiten inzwischen komplett in der Cloud“, erklärt er.

Die Cloud steht im Kopierraum und hat einen gelben Ordner­rücken.

Dann beginnt der Unterricht. Die Lehrerin öffnet ihre Präsentation. Der Beamer öffnet seinerseits eine philosophische Debatte darüber, ob er heute existieren möchte. Nach mehreren Kabelwechseln übernimmt ein Schüler aus der hintersten Reihe die technische Leitung.

Er drückt einen Knopf.

Das Bild erscheint.

Die Lehrerin nickt zufrieden: „Genau. Ich wollte überprüfen, ob ihr selbstständig Lösungsstrategien entwickelt.“

Fantastisch! Pädagogisches Judo. Die Technik wirft dich zu Boden, und du erklärst den Sturz zur Unterrichtsmethode. Ich hätte diesem Kind sofort einen Beratervertrag gegeben. Die Schule gibt ihm eine Ermahnung, weil sein Handy auf dem Tisch liegt.

Dabei wünschen sich viele Lehrkräfte ausdrücklich regelmäßige, verpflichtende Fortbildungen. Das ist vernünftig. Wer täglich unterrichten, Konflikte lösen und nebenbei herausfinden soll, weshalb die Lernplattform plötzlich Finnisch spricht, braucht Unterstützung.

Die Verwaltung hat deshalb schon reagiert: mit einem Fortbildungskonzept zur Erstellung eines Fortbildungsbedarfs­erfassungskonzepts. Die Anmeldung erfolgt online. Das Passwort kommt per Hauspost. Wer den Zugang nicht findet, kann einen Einführungskurs besuchen. Die Anmeldung erfolgt über denselben Zugang.

Ich nenne das geschlossene Bildungswirtschaft.

Besonders gefragt sind Themen wie Jugendschutz, digitale Lernangebote und der sinnvolle Einsatz neuer Werkzeuge. Völlig nachvollziehbar. Das Internet ist schließlich kein gemütlicher Lesesaal, sondern ein Einkaufszentrum, in dem jeder zweite Verkäufer deine Identität kaufen möchte.

Natürlich steht auch künstliche Intelligenz auf dem Stundenplan. Im erfundenen Lehrerzimmer herrscht darüber lebhafte Diskussion. Ein Kollege erklärt, KI könne niemals pädagogisches Fingerspitzengefühl ersetzen. Anschließend lässt er sich von ihr eine individuelle Rückmeldung für sämtliche Klassen erstellen: „Du musst dich mehr beteiligen.“

Sehr individuell. Jede Datei trägt einen anderen Namen.

Eine Kollegin fragt dagegen völlig zu Recht, wie man KI sinnvoll einsetzen könne, ohne das Denken gleich mit auszulagern. Großartige Frage! Im Ministerium wird sie vorsichtshalber an eine Arbeitsgruppe weitergeleitet. Die Arbeitsgruppe lässt zunächst eine KI zusammenfassen, warum Denken wichtig ist.

Auch das Etikett „Digital Native“ begeistert mich. Wer jung ist, soll angeblich automatisch digital kompetent sein. Natürlich! Wer neben einer Autobahn aufwächst, kann schließlich einen Lkw rückwärts an eine Laderampe setzen. Manche bedienen jede App mit geschlossenen Augen und behandeln Datenschutz wie die Petersilie auf dem Schnitzel: kurz ansehen, dann beiseiteschieben.

Mein Besuch endet mit einer Erfolgsmeldung der Schulleitung. Die Digitalisierung sei auf einem hervorragenden Weg. Alle hätten dazugelernt, die Selbsteinschätzung sei gestiegen, und künftig werde man konsequent weiterqualifizieren.

Dann fällt das WLAN aus.

Der Schüler von vorhin soll helfen. Er fragt, ob seine technische Betreuung wenigstens bei der mündlichen Note berücksichtigt werde.

„Nein“, erklärt die Schulleitung. „Deine Mitarbeit war fachfremd.“

Da habe ich die Zukunft des deutschen Bildungssystems verstanden: Die Lehrkräfte benoten ihre Digitalkompetenz selbst – die Schüler halten sie am Laufen und bekommen dafür einen Eintrag wegen unerlaubter Gerätenutzung.

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Tags: KI Digitalisierung Schule Bitkom Digitalkompetenz Lehrkräfte Lehrerfortbildung
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