Friedrich Merz will zum Deutschland-Gipfel und landet im Berliner Fachkräftemangel. Ronald Tramp entdeckt den perfekten deutschen Tunnel: vorhanden, aber geschlossen.
Von Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für deutsche Hochgeschwindigkeit, strategische Tunnelsperrungen und Termine, die bereits Geschichte sind, bevor man ankommt
Ladies and Gentlemen, heute sprechen wir über Deutschland. Germany! Ein unglaubliches Land. Ingenieure, Autobahnen, Maschinenbau, Präzision. Die Deutschen bauen Autos, die theoretisch schneller fahren können, als ein amerikanischer Adler fällt.
Es gibt nur ein kleines Problem:
Man kommt nicht mehr durch den Tunnel.
Bundeskanzler Friedrich Merz wollte in Berlin zu einem Deutschland-Gipfel. Schon der Name klingt fantastisch. „Deutschland-Gipfel“! Da erwartet man große Dinge. Wachstum! Innovation! Digitalisierung! Vielleicht einen PowerPoint-Pfeil, der endlich wieder nach oben zeigt!
Doch bevor Merz erklären konnte, wie Deutschland wieder schneller werden soll, demonstrierte Deutschland ihm persönlich, warum das schwierig werden könnte.
Der Kanzler kam zu spät.
Nicht wegen eines Staatsstreichs.
Nicht wegen eines Schneesturms.
Nicht einmal wegen eines Traktors auf der Autobahn.
Nein.
Der Tiergartentunnel war gesperrt.
Und warum?
Personalmangel.
Beautiful.
Deutschland erklärt sich selbst in einem Tunnel
Ich, Ronald Tramp, sage: Diese Geschichte ist keine Verkehrsmeldung.
Diese Geschichte ist ein nationales Gleichnis mit Fahrbahnmarkierung.
Der Regierungschef eines der größten Industrieländer Europas fährt zum Wirtschaftsgipfel, um vermutlich über Wettbewerbsfähigkeit, Fachkräfte und Modernisierung zu sprechen – und kommt nicht rechtzeitig an, weil für einen Tunnel Personal fehlt.
Mehr Deutschland kann man nicht in einen einzelnen Termin pressen.
Das ist, als würde der Feuerwehrminister zu einer Brandschutzkonferenz zu spät kommen, weil die Feuerwache brennt.
Oder der Digitalminister erscheint nicht zum Digitalisierungsgipfel, weil sein Faxgerät Papierstau hat.
Wobei – Deutschland.
Streichen wir das letzte Beispiel. Zu realistisch.
Der Tunnel braucht Betreuung
Besonders faszinierend ist: Der Tunnel ist offenbar nicht kaputt.
Er liegt da.
Er hat Fahrbahnen.
Lampen.
Beton.
Wände.
Alles vorhanden.
Aber er braucht vorgeschriebene Überwachung.
Und dafür fehlt Personal.
Also wird aus einer milliardenschweren Verkehrsinfrastruktur plötzlich Deutschlands größtes betreutes Bauwerk.
Der Tiergartentunnel sitzt praktisch morgens auf seinem Betonbett und fragt:
„Kommt heute jemand auf mich aufpassen?“
Berlin schaut in den Dienstplan.
„Leider nein, Günther hat Urlaub und Sabine ist krank.“
Tunnel:
„Dann mache ich heute zu.“
KLACK.
Berlin dicht.
Großartig!
Vielleicht brauchen deutsche Tunnel künftig Tagesmütter.
„Wir suchen ab sofort eine liebevolle Tunnelbetreuung in Vollzeit. Aufgaben: beobachten, aufpassen, gelegentlich beruhigend über die Fahrbahn streichen.“
Der Kanzler sagt: „Na ja.“
Und dann kommt der vielleicht deutscheste Moment der gesamten Geschichte.
Merz schildert die Situation und beendet sie sinngemäß mit:
„Na ja.“
NA JA!
Das ist keine Formulierung.
Das ist der Soundtrack der Bundesrepublik.
Zug ausgefallen?
Na ja.
Brücke gesperrt?
Na ja.
Behörde telefonisch nur dienstags zwischen Frühstück und Frühstückspause erreichbar?
Na ja.
Der Bundeskanzler steckt wegen Personalmangels auf dem Weg zum Deutschland-Gipfel im Verkehr?
Na ja.
Andere Länder hätten dafür eine Regierungskrise.
Deutschland besitzt zwei Silben.
Ronald Tramps große Berliner Lösung
Natürlich habe ich eine Lösung.
Wir brauchen den TUNNEL FORCE ONE.
Ein exklusiver Kanzlertunnel.
Goldene Fahrbahn.
Eigene Überwachung.
Keine Ampeln.
Keine Fahrräder.
Keine Berliner Verkehrspolitik.
Vorne fährt ein Fahrzeug des Bundeskanzleramts und ruft über Lautsprecher:
„Achtung! Wirtschaftswachstum möchte passieren! Bitte Fahrbahn räumen!“
Alternativ könnte Merz künftig mit der U-Bahn fahren.
Moment.
Nein.
Wir wollen die Satire nicht völlig unrealistisch machen.
Vielleicht Hubschrauber?
Zu teuer.
Fahrrad?
Dann erreicht der Kanzler womöglich den Gipfel vor den Teilnehmern und niemand weiß, was zu tun ist.
Am besten wäre wahrscheinlich eine Sänfte mit vier Verwaltungsbeamten.
Allerdings fehlen dafür vermutlich Fachkräfte.
Berlin erfindet Infrastruktur nach Öffnungszeiten
Die eigentliche Revolution ist ohnehin das Konzept eines Verkehrstunnels mit Öffnungszeiten.
Warum sollten wir dabei stehen bleiben?
Autobahnen könnten künftig montags geschlossen bleiben.
Brücken machen Mittagspause.
Ampeln nur nach Terminvereinbarung.
Der Hauptbahnhof schließt mittwochs wegen Teamsitzung.
Und Verkehrsschilder sind nur noch nach vorheriger Online-Registrierung gültig.
Berlin könnte an jeder Tunneleinfahrt ein Schild aufstellen:
Bitte vereinbaren Sie für Ihre Durchfahrt einen Termin.
Bearbeitungszeit mehrere Wochen.
Für dringende Tunnelfahrten wenden Sie sich bitte an Tunnel 2.
Tunnel 2 ist geschlossen.
Wegen Personalmangels.
Der perfekte Deutschland-Gipfel
Eigentlich hätte Merz nach seiner verspäteten Ankunft gar keine Rede mehr halten müssen.
Er hätte einfach auf die Uhr zeigen können.
„Meine Damen und Herren, Sie möchten wissen, wie es um den Standort Deutschland steht?“
Pause.
„Ich bin gerade angekommen.“
Standing Ovations.
Wirtschaftsforscher beginnen hektisch mitzuschreiben.
Der gesamte Zustand des Landes wurde ohne eine einzige PowerPoint-Folie erklärt.
Fachkräftemangel?
Check.
Infrastrukturproblem?
Check.
Bürokratische Sicherheitsvorgabe?
Check.
Hauptstadtverkehr?
Check.
Kanzler verspätet?
Check.
Resigniertes „Na ja“?
Deutschland komplett installiert.
Ronald Tramps Schlussanalyse
Und deshalb ist dieser Tiergartentunnel vielleicht gar kein Problem.
Vielleicht ist er Deutschlands ehrlichstes Infrastrukturprojekt.
Er verspricht nichts.
Er beschönigt nichts.
Er sagt einfach:
„Kein Personal. Kein Tunnel.“
Brutal transparent.
Andere Regierungsprojekte benötigen dafür Gutachten, Ausschüsse, Berater und dreihundert Seiten Abschlussbericht.
Der Tunnel braucht nur eine Schranke.
Vielleicht sollte der nächste Deutschland-Gipfel deshalb direkt dort stattfinden.
Mitten auf der Fahrbahn.
Dann sparen alle die Anreise.
Merz hält seine Rede unter einer Notbeleuchtung, Wirtschaftsvertreter sitzen auf Warnbaken, und im Hintergrund steht ein einsamer Mitarbeiter mit Klemmbrett.
Thema des Gipfels:
„Deutschland beschleunigen.“
Beginn: mittags.
Ende: unbekannt.
Denn sobald der letzte Tunnelaufseher Feierabend macht, wird der gesamte Gipfel aus Sicherheitsgründen geschlossen.
Und Ronald Tramp kann endlich die wichtigste Erkenntnis des deutschen Wirtschaftsstandorts verkünden:
Deutschland hat keinen Stillstand.
Deutschland hat lediglich gerade niemanden im Dienst, der die Weiterfahrt überwachen darf.

