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Ronald Tramp
★ Macht Meinung wieder Gross! ★

Die deutsche Rentenlotterie: Arbeiten, bis der Betriebsarzt aufgibt

Grafik: Ronald Tramp spielt die deutsche Rentenlotterie

45 Jahre gearbeitet und jetzt ab in die Rente? Nicht so schnell! Ronald Tramp besucht Deutschlands Rentenzukunft zwischen Stechuhr, Rollator, Defibrillator und Bewerbungstraining für Hundertjährige.

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Von Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für Altersvorsorge, Bandscheiben und Bewerbungsgespräche Ü90

Deutschland hat eine großartige neue Idee entdeckt: Rente. Aber später.

Vielleicht sogar sehr viel später.

So spät, dass „Ruhestand“ künftig weniger eine Lebensphase als eine überraschende Bonusmission nach erfolgreichem Abschluss des Hauptspiels sein könnte.

Ich bin Ronald Tramp, und ich habe mir die deutsche Rentendebatte angesehen. Believe me: Das ist komplizierter als amerikanisches Steuerrecht, nur mit mehr Orthopäden.

Aktuell wird unter anderem darüber gestritten, ob die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren in ihrer bisherigen Form bestehen bleiben soll. Eine Reformkommission schlägt vor, den Vorteil des früheren abschlagsfreien Renteneintritts abzuschaffen; für Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen ihren Beruf nicht mehr ausüben können, ist eine Härtefallregelung vorgesehen.

45 Beitragsjahre!

Das ist beeindruckend.

Wer mit 20 anfängt zu arbeiten, hat mit 65 ungefähr genug Berufserfahrung gesammelt, um endlich zu erfahren, dass Berufserfahrung allein leider kein Kündigungsgrund für die Berufstätigkeit ist.

Willkommen bei der Deutschen Rentenlotterie GmbH.

Hauptgewinn: Ruhestand.

Gewinnwahrscheinlichkeit: Fragen Sie Ihren Betriebsarzt.

Ich habe deshalb exklusiv das neue Rentenberatungszentrum besucht. Früher standen dort Broschüren über Altersvorsorge. Heute gibt es Laufbänder.

Am Eingang sitzt ein freundlicher Berater:

„Guten Morgen, Herr Tramp. Wie alt sind Sie?“

„67.“

„Sehr schön. Aufwärmen!“

Daneben stehen eine Stechuhr, ein Defibrillator und ein Flipchart mit der Aufschrift: Berufliche Neuorientierung für dynamische Berufseinsteiger zwischen 85 und 104.

Der DGB sieht die Reformpläne deutlich kritischer. Bei einem bundesweiten Aktionstag demonstrierten nach Gewerkschaftsangaben rund 175.000 Menschen gegen geplante Veränderungen bei Rente, Gesundheit und Arbeitsrechten. Der DGB wendet sich unter anderem gegen ein höheres Renteneintrittsalter und gegen das Ende der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren. Die Arbeitgeberseite hält dagegen, demografischer Wandel und Fachkräftemangel machten Reformen notwendig; die Bundesregierung argumentiert, ihr Reformkurs solle den Sozialstaat langfristig erhalten.

Das ist die perfekte deutsche Debatte.

Die Gewerkschaften sagen:

„Die Menschen können nicht ewig arbeiten!“

Die Wirtschaft sagt:

„Aber irgendjemand muss arbeiten!“

Die Politik sagt:

„Wir setzen eine Kommission ein.“

Und die Kommission sagt:

„Habt ihr schon darüber nachgedacht, dass die Menschen einfach länger arbeiten?“

GROßARTIG.

Damit eröffnet sich ein völlig neuer Arbeitsmarkt.

Mit 72: Umschulung zum Dachdecker.

Mit 78: Karrierewechsel in die Logistik.

Mit 83: berufsbegleitendes Studium.

Mit 91: erstes Assessment-Center.

Mit 97: „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“

„Idealerweise sitzend.“

„Mangelnde Karriereambition. Absage!“

Besonders faszinierend finde ich die Vorstellung des lebenslangen Lernens. Früher bedeutete das, sich mit 50 noch einmal fortzubilden. Künftig sitzt möglicherweise Herbert, 96, im Seminar „Microsoft Excel für Berufseinsteiger“, während sein 101-jähriger Kollege Günther überlegt, ob sich die Weiterbildung zum Scrum Master vor der Rente noch amortisiert.

Und selbstverständlich wird auch das Gesundheitsmanagement modernisiert.

„Herr Müller, Ihr Rücken macht Probleme.“

„Ja.“

„Ihre Knie?“

„Kaputt.“

„Schulter?“

„Auch.“

„Herz?“

„Der Defibrillator kennt mich inzwischen persönlich.“

„Ausgezeichnet! Dann empfehlen wir einen höhenverstellbaren Schreibtisch.“

Problem gelöst.

Deutschland wäre damit hervorragend auf den demografischen Wandel vorbereitet. Seniorenheime werden zu Coworking-Spaces. Der Rollator bekommt einen Laptophalter. Das Hörgerät verbindet sich automatisch mit Microsoft Teams.

Und der klassische Rentenbescheid wird ersetzt durch:

„Herzlichen Glückwunsch! Sie haben erfolgreich 50 Jahre gearbeitet. Um Ihre Rentenansprüche freizuschalten, absolvieren Sie bitte noch die folgenden drei Level.“

Level 1: Bandscheibenvorfall.

Level 2: Pflege der Eltern.

Level 3: Vorstellungsgespräch bei einem Start-up, dessen Geschäftsführer 64 Jahre jünger ist und Sie mit „Hey Herbert“ begrüßt.

Bossfight: Personalabteilung.

Natürlich steckt hinter all dem ein reales Problem. Die Bevölkerung wird älter, Renten werden länger bezogen und die Finanzierung muss langfristig funktionieren. Genau deshalb wird über Beiträge, Bundeszuschüsse, Renteneintritt und Leistungsversprechen gestritten.

Aber Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn daraus nicht irgendwann ein Formular entstünde.

Ich sehe es bereits vor mir:

Antrag R-2097 – Vorzeitige Beendigung der Erwerbstätigkeit wegen fortgeschrittenen Alters.

Bitte ankreuzen:

☐ Ich bin müde.

☐ Ich bin sehr müde.

☐ Mein Betriebsarzt ist müde.

☐ Mein Betriebsarzt ist inzwischen selbst in Rente.

☐ Mein Betriebsarzt darf ebenfalls noch nicht in Rente.

Letzteres führt automatisch zur Ablehnung.

Denn das neue Rentensystem könnte einem einfachen Grundsatz folgen:

Wer noch in der Lage ist, den Rentenantrag selbst auszufüllen, verfügt offensichtlich über ausreichende Restarbeitskraft.

Genial!

Ich bin Ronald Tramp, und ich kann deshalb alle Beschäftigten beruhigen:

Die deutsche Rente bleibt selbstverständlich sicher.

Absolut sicher.

Bombensicher.

Niemand nimmt sie Ihnen weg.

Sie wird lediglich so weit nach hinten verschoben, dass niemand auf die unnötige Idee kommt, sie tatsächlich zu beanspruchen.

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Tags: Deutschland Arbeitszeit Rentenreform Renteneintrittsalter Sozialstaat DGB Rente Renteneintritt
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