Blumen, Blickkontakt, Betriebsgeheimnisse: Ronald Tramp untersucht die neue Romantik im KI-Zeitalter. Beim Candle-Light-Dinner wird plötzlich nach Grafikprozessoren gefragt.
Von Ronald Tramp, dem einzigen Reporter, der beim ersten Date grundsätzlich klärt, ob „Chemie zwischen uns“ eine Liebeserklärung oder eine Abteilung des Geheimdienstes ist.
Leute, ich kenne Verführung. Fantastische Verführung. Manche Menschen erobert man mit Blumen, andere mit Humor. Im Silicon Valley reicht offenbar inzwischen der Satz: „Du, ich interessiere mich wirklich für deine Arbeit“ – und schon sollte vorsorglich die Sicherheitsabteilung unter dem Restauranttisch nachsehen.
Laut dem vorliegenden Zeitungsbericht warnt OpenAI seine Beschäftigten vor Wirtschaftsspionage. Dazu gehören mögliche sexuelle Annäherungsversuche, Geldangebote für Geschäftsgeheimnisse und belauschte Unterhaltungen im Café.
Andere Unternehmen schulen ihre Mitarbeiter im Umgang mit Excel. Hier muss man offenbar zusätzlich erklären, dass ein Schlafzimmer keine Außenstelle des Rechenzentrums ist.
Ich, Ronald Tramp, sehe bereits die imaginäre Dating-App für KI-Beschäftigte vor mir. Man wischt nach rechts, findet sich sympathisch und bekommt die erste Nachricht:
„Hey, was trägst du gerade?“
„Ein Firmen-T-Shirt.“
„Anfängerfehler.“
Denn auch vom öffentlichen Herumtragen des Firmenlogos werde Beschäftigten dem Bericht zufolge abgeraten. Verständlich. Wer mit einem weithin sichtbaren Arbeitgeberlogo durch die Stadt läuft, spart einem interessierten Spion immerhin die aufwendige Einstiegsfrage: „Und was machst du beruflich?“
Der Hoodie wird zur Visitenkarte mit Kapuze.
Früher signalisierte Firmenkleidung: Ich arbeite in der Zukunft. Heute möglicherweise: Ich könnte Zugang zu etwas haben, für das jemand ein außergewöhnlich großzügiges Abendessen bezahlt.
Dabei ist die Honigfalle schon sprachlich eine Frechheit. Honig klingt nach Frühstück, Geborgenheit und einem netten Imker. Tatsächlich steckt dahinter womöglich jemand, der beim romantischen Kennenlernen hauptsächlich wissen möchte, wann das nächste Modell veröffentlicht wird.
In meiner satirischen Barszene läuft das ungefähr so:
„Ich liebe Männer mit Geheimnissen.“
„Ich arbeite an einem unveröffentlichten KI-System.“
„Erzähl mir von deinen Gefühlen.“
„Ich fühle mich beruflich gerade sehr gefordert.“
„Interessant. Wie viele Grafikprozessoren sind beteiligt?“
Leute, spätestens wenn das Gegenüber beim Candle-Light-Dinner nach der Netzwerkarchitektur fragt, sollte man überlegen, ob hier wirklich dieselbe Art von Verbindung gesucht wird.
Auch Gespräche im Café können offenbar interessant sein. Natürlich können sie das. Manche Menschen sprechen über vertrauliche Projekte in einer Lautstärke, bei der der Geheimdienst keinen Richtmikrofon-Einsatz braucht, sondern nur Hafermilch bestellen muss.
„Ich darf darüber absolut nichts erzählen“, sagt jemand und erzählt anschließend alles.
Der Barista schreibt irgendwann keinen Namen mehr auf den Becher, sondern „Bitte leiser“.
Ich kenne solche Vertraulichkeit. Sie beginnt mit „Das bleibt unter uns“ und endet damit, dass ein Fremder am Nachbartisch die technischen Rückfragen besser stellt als der eigene Projektleiter.
Besonders schön ist die Warnung vor Informationen auf Whiteboards. Die sollten laut Bericht selbst im Büro nicht offen zurückbleiben – unter anderem wegen der Möglichkeit, dass Personen mit Zugang angeworben werden.
Das ist kein Verdacht gegen Reinigungskräfte. Entscheidend ist, wer sensible Informationen sehen kann. Der größte Sicherheitsvorfall kann schließlich auch ein hoch bezahlter Mensch sein, der vor Feierabend noch schnell ein Foto vom „coolen Büro“ veröffentlicht.
Im Hintergrund: die Produktstrategie.
Im Vordergrund: ein Smoothie.
Bildunterschrift in meiner imaginären Katastrophengalerie: „So stolz auf dieses Team!“
Ich empfehle deshalb ein revolutionäres Sicherheitskonzept: Geheimnisse nicht öffentlich besprechen, sensible Notizen wegräumen und bei ungewöhnlich großzügigen Angeboten kurz nachdenken.
Das klingt weniger aufregend als „Agentin im Whirlpool“, hat aber den Vorteil, auch montags im Büro zu funktionieren.
Und bitte nicht bei jedem freundlichen Blick sofort Gegenspionage betreiben. Manchmal findet einen tatsächlich jemand attraktiv. Selbst mit Firmenrucksack. Selbst nach einer ausführlichen Erklärung über Modellarchitekturen.
Vielleicht.
Die eigentliche Ironie bleibt allerdings gewaltig: Eine Branche baut Systeme, die menschliche Sprache verstehen, Absichten erkennen und irgendwann ganze Arbeitsabläufe übernehmen sollen.
Den Beschäftigten muss man währenddessen erklären: Wenn dein Date beim Abschied statt deiner Handynummer einen Modell-Checkpoint möchte, war der Abend vermutlich geschäftlich.

