Trump warnt in staatlich bezahlten Videos vor politischen Gegnern, während ein Chor um Liebe bittet. Ronald Tramp prüft, ob Bürgeraufklärung neuerdings Fanpost ist.
Meine Damen und Herren, Ronald Tramp meldet sich aus den Vereinigten Staaten, wo eine neue Form der Bürgeraufklärung erfunden wurde: Der Staat bezahlt einen Fernsehspot, in dem der Präsident vor seinen politischen Feinden warnt, während im Hintergrund ein Chor „Love me“ singt. Ich bin erschüttert. Warum hat noch niemand daran gedacht, die Steuererklärung als Liebesbrief zu vertonen?
Mehrere von der Regierung finanzierte Videos mit Donald Trump laufen wenige Wochen vor den Zwischenwahlen. Eines greift Motive seines früheren Wahlkampfs auf; ein anderes verbindet seine Anti-Kommunismus-Botschaft mit dem Lied „Love Me“. Kritiker halten die Spots für Wahlwerbung auf Staatskosten. Das Weiße Haus bezeichnet sie als öffentliche Aufklärung. Selbst republikanische Senatoren haben Bedenken gegen die Finanzierung geäußert. Ob Regeln verletzt wurden, ist Gegenstand der Kritik und der eingereichten Beschwerden, keine festgestellte Gerichtsentscheidung.
Ich finde „Aufklärung“ ein wundervolles Wort. In einem gewöhnlichen Aufklärungsvideo lernt man, wie man sich vor einem Hurrikan schützt oder wo man Hilfe bekommt. In diesem lernt man offenbar, dass Donald Trump sehr wichtig ist. Eine Information, die Donald Trump seit Jahren geduldig zu verbreiten versucht, bislang aber leider nur auf Pressekonferenzen, Plakaten, in Interviews und überall sonst.
Besonders beeindruckt mich das Schwarz-Weiß-Video mit der „letzten Schlacht“. Schwarz-Weiß ist eine kluge Wahl. Es sagt dem Publikum sofort: Hier geht es um Geschichte. Oder um einen Fernseher, dessen Farbe aus Protest gegen den Inhalt ausgefallen ist.
Und dann der Chor: „Love me.“ Ein bewegender Moment. Der Präsident spricht über den Kommunismus, die Musik bittet um Zuneigung, und unten steht sinngemäß, wer die Rechnung übernimmt: die Regierung. So klingt Romantik, wenn sie durch die Haushaltsabteilung geht. Beim nächsten Spot könnte ein Orchester „Du bist mein Sonnenschein“ spielen, während das Finanzamt den Bürgern erklärt, wie man diesen Sonnenschein finanziert.
Sogar John Thune, der republikanische Mehrheitsführer im Senat, fand die Bezahlung aus Steuergeldern problematisch. Auch Mike Rounds regte laut Berichten an, die Strategie zu überdenken. Wenn Republikaner kurz vor einer Wahl bei einem Trump-Video sagen „Vielleicht nicht mit öffentlichem Geld“, dann hat in Washington jemand die seltene rote Warnlampe gefunden, die nicht bloß zur Dekoration leuchtet.
Das Weiße Haus sieht natürlich keine Wahlwerbung. Ich verstehe das. Ein Video wird schließlich nicht automatisch zum Wahlspot, nur weil es kurz vor einer Wahl läuft, wie ein Wahlspot aussieht und Wahlkampfbotschaften enthält. Ein Zebra wird ja auch nicht zum Zebra, bloß weil es Streifen hat, wiehert und im Zoo beim Zebra steht. Vielleicht handelt es sich um ein besonders überzeugendes Pferd zur öffentlichen Aufklärung.
Meine Idee für die nächste Kampagne ist deshalb ein nüchternes Informationsvideo. Eine Kamera zeigt einen leeren Schreibtisch. Eine Stimme sagt: „Hier könnten sachliche Informationen stehen.“ Danach erscheint ein Taschenrechner und ermittelt, wie viele echte Bürgerservice-Hinweise man für das Geld ausstrahlen könnte.
Ich würde den Spot sofort ansehen. Vermutlich sogar zweimal. Einmal aus Interesse – und einmal, weil ich wissen möchte, wer den Taschenrechner bezahlt hat.

