Südkoreas Geheimdienst beobachtet Kim Jong Uns Gesundheitszustand – und plötzlich wird selbst Treppensteigen zur geopolitischen Kennzahl. Ronald Tramp übernimmt die Lageanalyse.
Meine Damen und Herren, hier spricht Ronald Tramp, wahrscheinlich der einzige internationale Spitzenreporter, der noch weiß, dass man einen Staatschef früher anhand seiner Raketen, Panzer und Reden beurteilt hat. Heute dagegen haben wir etwas viel Moderneres: geopolitische Treppendiagnostik.
Der südkoreanische Geheimdienst hat sich nach Angaben von Abgeordneten intensiv mit Kim Jong Un beschäftigt. Sehr intensiv. Offenbar so intensiv, dass vermutlich irgendwo in Seoul ein streng geheimer Raum existiert, in dem zwanzig Analysten vor riesigen Monitoren sitzen und einer plötzlich ruft:
„HALT! VIDEO ZURÜCK! ER NIMMT DIE DRITTE STUFE MIT LINKS!“
Sofort allgemeine Betriebsamkeit.
„Zoom auf das Knie!“
„Herzfrequenz haben wir nicht!“
„Dann schätzen! Wir sind schließlich Geheimdienst!“
Nach der veröffentlichten Einschätzung soll Kim mehr als 140 Kilogramm wiegen und wegen verschiedener Risikofaktoren gesundheitlich besonders beobachtet werden. Gleichzeitig lautet die bemerkenswerte Zusatzinformation: Beim Treppensteigen seien keine Probleme erkennbar.
Fantastisch.
Damit haben wir endlich eine neue Maßeinheit für internationale Stabilität.
Vergessen Sie Bruttoinlandsprodukt, Raketenreichweite und Truppenstärke. Die entscheidende Frage lautet künftig:
Wie viele Stockwerke schafft der Machthaber ohne Geländer?
Ich sehe bereits den nächsten NATO-Gipfel vor mir.
„Frankreich? Zweiter Stock, leichte Pause.“
„Großbritannien? Fahrstuhl.“
„Nordkorea? Treppe zügig genommen.“
Und irgendwo klappt ein General seinen Aktenordner zu und sagt ehrfürchtig: „Meine Herren, die Lage ist ernst.“
Besonders faszinierend ist natürlich, dass sich die Welt überhaupt derart intensiv mit Kims Gesundheit beschäftigt. In einem abgeschotteten Staat wird aus jedem verschwundenen Auftritt sofort ein internationales Gesellschaftsspiel namens „Wo ist Kim?“
Kim erscheint eine Woche nicht?
Geheimdienste analysieren Satellitenbilder.
Zwei Wochen?
Experten zeichnen Nachfolgestammbäume.
Drei Wochen?
Irgendein Fernsehsender hat bereits eine animierte Grafik mit drei roten Pfeilen, fünf Fragezeichen und einem pensionierten Oberst vor einer Landkarte.
Dann taucht Kim wieder auf, schneidet irgendwo ein rotes Band durch, lächelt in die Kamera – und weltweit müssen zwanzig bereits fertig produzierte Nachfolge-Dokumentationen zurück ins Archiv.
Das ist Diktatoren-Beobachtung im Zeitalter der Daueranalyse.
Früher spionierte man geheime Bunker aus.
Heute offenbar auch Bewegungsabläufe.
Man wartet eigentlich nur noch auf den nächsten Bericht:
„Kim Jong Un öffnete am Dienstag eigenständig eine schwere Tür. Nationale Sicherheitsbehörden prüfen derzeit, ob daraus Rückschlüsse auf die politische Stabilität Nordkoreas gezogen werden können.“
Natürlich möchte ich Ronald Tramp an dieser Stelle klarstellen: Ich stelle keine Ferndiagnosen. Das überlasse ich Menschen, die offenbar Zugang zu geheimen Treppenvideos besitzen.
Aber die Vorstellung ist großartig.
Vielleicht existiert beim südkoreanischen Nachrichtendienst längst eine streng geheime Abteilung:
Referat 7B – Strategische Staatschefbewegungen und Geländernutzung.
Dort hängt vermutlich eine riesige Tafel:
KIM
Treppen: unauffällig.
Gangbild: Analyse läuft.
Zigarette: beobachtet.
Nachfolge: kompliziert.
Aufzugnutzung: geheim.
Und wenn morgens ein Analyst mit Kaffee hereinkommt, fragt der Chef nicht mehr: „Was machen die Raketen?“
Nein.
„Was macht die Treppe?“
Das wirklich Bemerkenswerte an dieser Geschichte ist deshalb nicht irgendeine Zahl auf einer Waage. Es ist die Tatsache, dass Nordkorea politisch derart abgeschottet ist, dass selbst banale Beobachtungen plötzlich den Stellenwert strategischer Geheimdienstinformationen bekommen.
Ein Staatschef steigt eine Treppe hinauf – und irgendwo schreiben Menschen mit Sicherheitsfreigabe einen Bericht darüber.
Das muss man erst einmal schaffen.
Andere Politiker brauchen Haushaltsreden, Gipfeltreffen und Regierungserklärungen, um internationale Schlagzeilen zu produzieren.
Kim Jong Un braucht offenbar nur:
eine Treppe.
Ronald Tramp berichtet weiter.
Sollte Kim demnächst zwei Stufen auf einmal nehmen, informieren Sie bitte unverzüglich den Sicherheitsrat.

