Nordkorea plant atomar bewaffnete Kriegsschiffe und eine größere Marine. Ronald Tramp analysiert die wohl ungewöhnlichste Flottenstrategie der Gegenwart.
Ronald Tramp berichtet exklusiv vom Wettrüsten auf hoher See.
Freunde, Seefahrer, Kreuzfahrtliebhaber und Menschen, die beim Wort "Yacht" normalerweise nicht sofort an Interkontinentalraketen denken:
Nordkorea hat wieder zugeschlagen.
Nicht militärisch.
Nicht diplomatisch.
Nicht wirtschaftlich.
Nein.
Nordkorea hat etwas viel Spektakuläreres getan.
Es hat eine Pressemitteilung veröffentlicht.
Und wie immer bei Pressemitteilungen aus Pjöngjang gilt:
Wenn die Hälfte davon stimmt, wird es interessant.
Wenn alles stimmt, wird es sehr interessant.
Und wenn nichts stimmt, ist es meistens trotzdem unterhaltsam.
Kim Jong Un hat nun angekündigt, die nordkoreanische Marine mit Atomwaffen auszurüsten.
Ja.
Die Marine.
Nachdem bereits Raketen, Raketenwerfer, Raketenabschussrampen, Raketenfabriken und vermutlich auch einige besonders motivierte Briefkästen atomar relevant erscheinen, soll nun auch die Flotte in das große nukleare Familienprogramm aufgenommen werden.
Das Motto lautet offenbar:
"Warum nur Land und Luft bedrohen, wenn man auch Wasser haben kann?"
Kim präsentierte die Pläne bei einer feierlichen Zeremonie in der Hafenstadt Nampo.
Dort wurde ein Kriegsschiff der 5000-Tonnen-Klasse vorgestellt.
5000 Tonnen!
Das klingt beeindruckend.
Und offenbar war das für Kim nur die Aufwärmphase.
Denn unmittelbar danach kündigte er bereits die nächste Größenordnung an:
10.000-Tonnen-Kriegsschiffe.
Doppelt so groß.
Doppelt so schwer.
Doppelt so beeindruckend.
Und vermutlich doppelt so oft Gegenstand internationaler Krisensitzungen.
Die staatliche Nachrichtenagentur KCNA berichtete begeistert über die Zukunftspläne.
Und wenn KCNA begeistert berichtet, klingt selbst ein neuer Parkplatz wie die Mondlandung.
Man stelle sich die Schlagzeilen vor:
"Größter Parkplatz der Menschheitsgeschichte eröffnet."
"Imperialistische Kräfte neidisch auf Parkplatz."
"Parkplatzführer Kim weist Weg in glorreiche Zukunft."
Doch zurück zur Marine.
Internationale Militäranalysten versuchen nun herauszufinden, was genau diese Ankündigungen bedeuten.
Dabei stoßen sie auf ein grundsätzliches Problem:
Nordkoreanische Verlautbarungen sind oft eine Mischung aus Militärstrategie, politischer Symbolik und dem Selbstvertrauen eines Menschen, der bei Monopoly gleichzeitig Bank, Bürgermeister und Schiedsrichter ist.
Kim scheint jedenfalls fest entschlossen zu sein, die Marine in eine Art schwimmendes Atomkraftwerk mit Kanonen umzuwandeln.
Ein Konzept, das selbst erfahrene Admiräle kurz innehalten lässt.
Andere Staaten investieren in Tarnkappentechnik.
Nordkorea investiert offenbar in die Philosophie:
"Wenn das Schiff groß genug ist, sieht es sowieso jeder."
Besonders faszinierend ist die Vorstellung der geplanten 10.000-Tonnen-Schiffe.
Denn die bisherigen Bilder nordkoreanischer Marineeinheiten erinnern gelegentlich eher an eine Mischung aus Kaltem Krieg, Museumsausstellung und sehr ehrgeizigem Modellbauverein.
Doch Kim denkt größer.
Immer größer.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass in Nordkorea jede Besprechung ungefähr so abläuft:
Ingenieur:
"Wie groß soll das Schiff werden?"
Kim:
"Ja."
Ingenieur:
"Nein, ich meine die Größe."
Kim:
"Größer."
Ingenieur:
"Wie viel größer?"
Kim:
"Bis die Satelliten Fotos machen."
Natürlich sorgt die Ankündigung weltweit für Aufmerksamkeit.
In Südkorea werden Experten aktiv.
In Japan werden Experten aktiv.
In Washington werden Experten aktiv.
Und in Brüssel wird vermutlich zunächst geprüft, ob es bereits einen Arbeitskreis zur Bewertung atomar bewaffneter 10.000-Tonnen-Schiffe gibt.
Falls nicht, werden wahrscheinlich drei gegründet.
Kim selbst scheint von all dem unbeeindruckt.
Der nordkoreanische Machthaber verfolgt seit Jahren eine einfache Strategie:
Wenn die Welt glaubt, er könne nicht noch eine militärische Überraschung ankündigen, kündigt er genau das an.
Es ist eine Art geopolitisches Überraschungsei.
Nur mit weniger Schokolade und deutlich mehr Sicherheitsratssitzungen.
Die eigentliche Frage lautet allerdings:
Was kommt als Nächstes?
Wenn die Marine atomar wird, welche Bereiche fehlen noch?
Die Küstenwache?
Atomare Fischerboote?
Nuklear betriebene Tretboote?
Interkontinentale Schlauchboote?
Niemand weiß es.
Und genau deshalb bleibt Nordkorea eines der faszinierendsten politischen Rätsel der Welt.
Während andere Länder über Infrastruktur, Bildung oder Steuersätze diskutieren, spricht Kim über atomar bewaffnete Kriegsschiffe.
Das ist ungefähr so, als würde man auf einer Eigentümerversammlung plötzlich den Bau eines Raumhafens beantragen.
Die Nachbarn wären überrascht.
Am Ende bleibt festzuhalten:
Nordkorea will seine Marine modernisieren.
Nordkorea will größere Schiffe bauen.
Nordkorea will die atomare Abschreckung weiter ausbauen.
Und Kim Jong Un bleibt seiner bewährten Philosophie treu:
Wenn man schon Schlagzeilen produziert, dann bitte keine kleinen.
Denn irgendwo zwischen Hafenzeremonien, Kriegsschiffen und Atomwaffen entsteht erneut die vielleicht spektakulärste Militärstrategie des Planeten.
Und Ronald Tramp wird selbstverständlich weiter berichten.
Aus sicherer Entfernung.
Sehr sicherer Entfernung.

