Steffen Bilger will wissen, wie es um die Deutsche Bahn steht – und steigt tatsächlich in einen ICE. Verspätung, kaputte Klimaanlage, gesperrter Wagen: Die Bahn liefert dem neuen Verkehrsminister prompt eine kostenlose Praxisschulung. Ronald Tramp berichtet aus Deutschlands größtem Escape Room auf Schienen.
Es gibt Termine, auf die bereitet man sich vor. Staatsbesuche. Haushaltsverhandlungen. NATO-Gipfel. Zahnarzttermine ohne Betäubung.
Und dann gibt es Termine, auf die kann man sich nicht vorbereiten.
Zum Beispiel eine Fahrt mit der Deutschen Bahn.
Meine lieben Freunde, hier spricht wieder Ronald Tramp, der vielleicht beste investigative Reporter der Welt. Viele sagen das. Vor allem ich. Und heute haben wir eine Geschichte, die so perfekt ist, dass selbst Hollywood gesagt hätte: „Nein, Leute, das ist zu konstruiert.“
Der neue Bundesverkehrsminister Steffen Bilger wollte Bahn fahren.
Großer Fehler.
Bilger wollte nämlich von Berlin nach Hamburg reisen und sich anschließend unter anderem mit Sicherheit in Zügen und Sauberkeit an Bahnhöfen beschäftigen. Ein ambitioniertes Programm. Andere Minister besuchen für solche Themen normalerweise Konferenzräume, sehen PowerPoint-Präsentationen und bekommen anschließend ein belegtes Brötchen.
Bilger hingegen entschied sich für die brutalstmögliche Form deutscher Realitätspolitik:
Er stieg in einen ICE.
Willkommen im mobilen Erlebniszentrum Deutschland
Die Strecke zwischen Berlin und Hamburg war fast ein Jahr lang generalsaniert worden. General! Ein sehr großes Wort. Generalsanierung klingt nach einer Operation, nach der alles glänzt, funktioniert und möglicherweise sogar salutiert.
Deutschland generalsaniert allerdings anders.
Wir sperren eine Strecke monatelang, investieren Geld, Nerven, Schienen, Kabel, Arbeitsstunden und wahrscheinlich 74.000 Seiten Planungsunterlagen – und feiern anschließend die sensationelle technische Innovation, dass der Zug weiterhin verspätet sein kann.
Das ist deutsche Ingenieurskunst 2.0.
Früher hieß es: „Made in Germany.“
Heute heißt es: „Delayed in Germany.“
Auch Bilgers ICE fuhr verspätet los. Das war vermutlich die Begrüßungszeremonie.
Andere Länder rollen für Minister einen roten Teppich aus. Die Deutsche Bahn rollt die Abfahrtszeit nach hinten.
Sehr exklusiv.
Doch dann kam der Höhepunkt: In einem Wagen der zweiten Klasse fiel die Klimaanlage aus.
Fantastisch!
Mitten im Sommer.
Natürlich.
Denn eine Klimaanlage in einem deutschen ICE ist kein technisches Gerät. Sie ist ein philosophisches Konzept. Man glaubt an ihre Existenz, bis die Außentemperatur 27 Grad überschreitet.
Dann beginnt das große Bahnroulette.
Funktioniert sie?
Funktioniert sie nicht?
Kommt nur warme Luft?
Kommt gar keine Luft?
Oder erscheint irgendwann ein Zugbegleiter und sagt den bedeutungsschweren Satz: „Meine Damen und Herren, aufgrund einer technischen Störung bitten wir Sie…“
Wenn dieser Satz fällt, weiß jeder erfahrene Bahnreisende:
Jetzt wird es sportlich.
Der Minister muss umziehen
Der Wagen wurde schließlich geräumt und gesperrt. Und Verkehrsminister Bilger musste den Wagen wechseln.
Was für ein wunderschöner Moment demokratischer Gleichheit!
Kein Chauffeur.
Keine Ministerlimousine.
Keine Sonderbehandlung.
Einfach: „Raus hier, Klima kaputt.“
Ich stelle mir diesen Moment großartig vor.
Bilger steht im Gang, möglicherweise mit Tasche, Jackett und Ministerwürde, während 70 andere Reisende gleichzeitig versuchen, ihre Koffer durch einen ICE zu drücken.
„Entschuldigung, darf ich mal durch?“
„Nein.“
„Ich bin der Verkehrsminister.“
„Dann reparieren Sie die Klimaanlage.“
Das ist Bürgerdialog!
Direkter geht Demokratie nicht.
Ich sage seit Jahren: Wenn Politiker wissen wollen, wie Deutschland funktioniert, brauchen wir keine Untersuchungsausschüsse.
Gebt ihnen einfach ein Deutschlandticket und einen wichtigen Termin.
Nach spätestens drei Wochen haben wir Reformen.
Die Bahn als Escape Room auf Schienen
Ein deutscher ICE ist inzwischen weniger Verkehrsmittel als interaktives Gesellschaftsspiel.
Die Aufgabe lautet:
Erreichen Sie Hamburg.
Schwierigkeitsgrad: Expert.
Sie starten in Berlin. Die Abfahrtszeit ist ein unverbindlicher Orientierungsvorschlag. Unterwegs erwarten Sie Bonuslevel:
Klimaanlagenausfall.
Wagenreihung geändert.
Bordrestaurant geschlossen.
Reservierungsanzeige defekt.
Signalstörung.
Personen im Gleis.
Verspätung aus vorheriger Fahrt.
Und mein persönlicher Favorit: „Verzögerungen im Betriebsablauf.“
Das ist sprachliche Perfektion.
„Verzögerungen im Betriebsablauf“ bedeutet ungefähr so viel wie: „Irgendetwas ist passiert, aber wir möchten jetzt auch nicht darüber reden.“
Und jetzt kommen die Manager-Boni
Besonders köstlich wird die Geschichte, weil Bilger angekündigt hatte, die Bonuszahlungen der Bahnmanager stärker an vom Bund vorgegebene Ziele zu koppeln – beispielsweise an die Pünktlichkeit.
Ich sage: großartige Idee!
Wirklich großartig.
Aber wir sollten weitergehen.
Warum nur Pünktlichkeit?
Ich, Ronald Tramp, präsentiere deshalb den Great German Railway Bonus Plan.
Für jeden pünktlichen ICE bekommt der Vorstand einen Kaffee.
Wenn auch die Klimaanlage funktioniert: ein Keks dazu.
Sind alle Toiletten benutzbar: zwei Kekse.
Stimmt sogar die Wagenreihung, darf jemand kurz an einem Mineralwasser riechen.
Und wenn ein ICE pünktlich, sauber, klimatisiert und mit funktionierendem Bordrestaurant am Ziel ankommt, wird der verantwortliche Manager sofort nach Stockholm geflogen und für den Nobelpreis für Physik vorgeschlagen.
Denn offensichtlich wurden dann mehrere Naturgesetze gleichzeitig überwunden.
Saubere Bahnhöfe? Bilger geht dahin, wo es weh tut
Bilger will sich auf seiner Reise außerdem über Sauberkeit an Bahnhöfen informieren.
Mutiger Mann.
Sehr mutig.
Bahnhofssauberkeit ist eines dieser Themen, bei denen deutsche Politik seit Jahrzehnten ein hochkomplexes Messverfahren verwendet:
Man schaut hin.
Und sagt anschließend: „Da besteht Handlungsbedarf.“
Natürlich besteht Handlungsbedarf!
An manchen Bahnhöfen besteht so viel Handlungsbedarf, dass der Handlungsbedarf inzwischen selbst einen Handlungsbedarf hat.
Doch vielleicht ist genau das der richtige Ansatz. Der Verkehrsminister muss raus. Rein in die Züge. Auf die Bahnsteige. In die Unterführungen. Nicht nur mit Vorstandsvorsitzenden reden, sondern mit Menschen, deren Anschlusszug vor sieben Minuten abgefahren ist, obwohl ihr eigener Zug 23 Minuten Verspätung hatte.
Diese Menschen verstehen Verkehrspolitik.
Sie haben sie erlebt.
Die Generalsanierung des Optimismus
Besonders faszinierend bleibt allerdings die Strecke Berlin–Hamburg.
Fast ein Jahr Generalsanierung – und danach hakt es weiterhin.
Das erinnert mich an jemanden, der sein Haus zwölf Monate renoviert, anschließend stolz die Tür öffnet und sagt:
„Willkommen! Die Heizung funktioniert noch nicht, die Treppe wackelt und das Badezimmer ist gesperrt – aber sehen Sie sich diese neue Fußleiste an!“
Vielleicht braucht Deutschland deshalb eine neue Kategorie.
Nicht mehr „generalsaniert“.
Sondern:
„Generalsaniert, aber bitte Erwartungen vermeiden.“
Das wäre ehrlich.
Ronalds Fazit
Ich finde, Steffen Bilgers erste intensive ICE-Erfahrung könnte politisch wertvoller gewesen sein als hundert Sitzungen im Ministerium.
Der Zug war verspätet.
Die Klimaanlage fiel aus.
Ein Wagen wurde geräumt.
Der Minister musste umziehen.
Und gleichzeitig diskutiert Deutschland darüber, Bahnmanager künftig stärker nach Pünktlichkeit zu bezahlen.
Mehr Symbolik passt in keinen ICE – selbst dann nicht, wenn alle Wagen geöffnet wären.
Vielleicht sollte künftig jeder Verkehrsminister verpflichtet werden, einmal pro Monat unangekündigt Bahn zu fahren. Zweite Klasse. Ohne Sonderzug. Ohne vorbereitete Delegation. Mit Anschlussverbindung.
Und das Wichtigste:
Mit einem Termin, bei dem er wirklich pünktlich sein muss.
Ich garantiere Ihnen: Deutschland hätte innerhalb von sechs Monaten das beste Schienennetz der Welt.
Oder zumindest sehr viele extrem nervöse Verkehrsminister.
Beides wäre ein Fortschritt.
Ihr Ronald Tramp
Reporter, Bahnexperte und stolzer Besitzer einer revolutionären Verkehrstechnologie namens „Ich fahre lieber einen Tag früher los“.

