Der Fehmarnbelt-Tunnel soll Europa verbinden. Während Dänemark baut, kämpft Deutschland mit Planungen, Kosten und Verzögerungen. Ronald Tramp deckt auf.
Ronald Tramp berichtet exklusiv vom größten Wettrennen Europas: Tunnelbau gegen deutsche Bürokratie.
Freunde, Pendler, Autofahrer und Menschen, die schon einmal versucht haben, ein deutsches Infrastrukturprojekt bis zum Ende zu verfolgen:
Heute sprechen wir über ein Wunder der modernen Ingenieurskunst.
Ein gigantisches Bauwerk.
Ein Jahrhundertprojekt.
Ein Tunnel unter der Ostsee.
Ein Tunnel, der Deutschland und Dänemark verbinden soll.
Ein Tunnel, der schneller fertig sein könnte als die deutsche Anbindung dazu.
Und genau da beginnt die Geschichte.
Denn während die Dänen bereits mit schwerem Gerät durch die Landschaft pflügen, Beton versenken, Tunnelteile produzieren und vermutlich schon überlegen, welche Farbe die Eröffnungsfeier haben soll, befindet sich Deutschland in einer deutlich fortgeschritteneren Projektphase:
Man wartet.
Und zwar professionell.
Niemand wartet so effizient wie Deutschland.
Der Fehmarnbelt-Tunnel soll Hamburg und Kopenhagen enger zusammenbringen.
Autos sollen schneller fahren.
Züge sollen schneller fahren.
Pendler sollen schneller reisen.
Die Reisezeit soll sich beinahe halbieren.
Eine fantastische Idee.
Eine großartige Idee.
Eine riesige Idee.
Kurz gesagt: Genau die Art von Idee, die in Deutschland automatisch zu mindestens zwölf Arbeitskreisen, acht Gutachten und einer dreibändigen Machbarkeitsstudie führt.
Auf dänischer Seite läuft der Bau.
Auf deutscher Seite läuft die Diskussion darüber, wie der Bau irgendwann einmal laufen könnte.
Es ist wie bei einem Marathon.
Dänemark steht bereits bei Kilometer 35.
Deutschland diskutiert noch über die Laufrichtung.
Natürlich gibt es Gründe.
Es gibt immer Gründe.
Umweltprüfungen.
Nachprüfungen.
Anschlussplanungen.
Planergänzungen.
Überarbeitete Planergänzungen.
Nachträgliche Ergänzungen der überarbeiteten Planergänzungen.
Und schließlich die Prüfung, ob die Prüfung der Ergänzungen korrekt geprüft wurde.
In Deutschland nennt man das Fortschritt.
Andere Länder nennen es Dienstag.
Besonders beeindruckend ist die Kostenentwicklung.
Die Ausgaben steigen.
Wieder einmal.
Überraschend ist das ungefähr so sehr wie Regen in Hamburg.
Wenn Infrastrukturprojekte ihre ursprünglichen Kosten einhalten würden, müssten vermutlich mehrere Naturgesetze neu geschrieben werden.
Experten sprechen inzwischen von Milliarden.
Viele Milliarden.
So viele Milliarden, dass selbst Taschenrechner irgendwann sagen:
„Mach deinen Quatsch alleine.“
Die Dänen beobachten das Ganze vermutlich mit einer Mischung aus Verwunderung und wissenschaftlichem Interesse.
Man stelle sich die Gespräche vor.
Dänischer Ingenieur:
„Wie weit seid ihr?“
Deutscher Projektleiter:
„Wir haben einen Termin zur Vorbereitung der Besprechung über die Planung des nächsten Termins vereinbart.“
Dänischer Ingenieur:
„Und der Bau?“
Deutscher Projektleiter:
„Bitte keine unrealistischen Fragen.“
Besonders faszinierend ist die Vorstellung, wie der Tunnel eines Tages fertig wird.
Die Dänen eröffnen ihren Teil.
Blaskapelle.
Feuerwerk.
Königliche Gäste.
Fernsehübertragung.
Europa feiert.
Auf deutscher Seite steht ein Schild:
„Weiterfahrt in etwa sieben bis zwölf Jahren möglich.“
Vielleicht sogar mit Zusatz:
„Wir bitten um Verständnis.“
Es gibt schließlich kaum etwas Deutscheres als ein Schild mit der Bitte um Verständnis.
Inzwischen hoffen Politiker auf eine zügige Umsetzung.
Ein wunderbarer Satz.
„Zügige Umsetzung.“
Das ist in Deutschland ungefähr so wie „leichter Nieselregen“ während eines Monsuns.
Jeder sagt es.
Niemand weiß genau, was es bedeutet.
Doch ich habe recherchiert.
Und ich bin auf eine geheime Ursache gestoßen.
Eine Theorie.
Eine gewaltige Theorie.
Was, wenn Deutschland gar keinen Tunnelanschluss bauen möchte?
Was, wenn der wahre Plan darin besteht, den Tunnel als internationales Kunstprojekt zu betreiben?
Ein Denkmal der europäischen Zusammenarbeit.
Auf der einen Seite ein perfekt funktionierender Tunnel.
Auf der anderen Seite ein symbolischer Feldweg.
Ein Mahnmal für Verwaltungsprozesse.
Ein UNESCO-Weltkulturerbe der Genehmigungslogik.
Touristen würden kommen.
Schulklassen würden staunen.
Historiker würden weinen.
Professoren würden Doktorarbeiten darüber schreiben.
Und irgendwo würde ein Beamter erklären:
„Formal betrachtet läuft alles nach Plan.“
Das Beste an der Geschichte ist jedoch, dass niemand grundsätzlich gegen den Tunnel ist.
Alle finden ihn gut.
Alle wollen ihn.
Alle loben ihn.
Das Projekt besitzt vermutlich mehr Unterstützer als jede Fußballnationalmannschaft Europas.
Trotzdem dauert alles länger.
Das ist die wahre Superkraft deutscher Infrastruktur.
Nicht das Bauen.
Nicht das Planen.
Nicht das Finanzieren.
Sondern die Fähigkeit, gleichzeitig Einigkeit und Verzögerung zu erzeugen.
Eine Fähigkeit, die weltweit ihresgleichen sucht.
Vielleicht sollte Deutschland daraus sogar ein Exportprodukt machen.
Andere Länder verkaufen Autos.
Deutschland verkauft Projektverzögerungen.
„Made in Germany.“
Garantiert gründlich.
Garantiert dokumentiert.
Garantiert nicht vor dem ursprünglich geplanten Termin.
Am Ende wird der Fehmarnbelt-Tunnel sicher Realität werden.
Menschen werden durch ihn fahren.
Züge werden durch ihn rasen.
Die Verbindung zwischen Hamburg und Kopenhagen wird schneller sein als jemals zuvor.
Und irgendwo an der deutschen Zufahrt wird ein Schild stehen:
„Fertigstellung um weitere zwei Jahre verschoben.“
Nur zur Erinnerung an die Tradition.
Denn manche Dinge ändern sich nie.
Nicht die Ostsee.
Nicht der Tunnel.
Und ganz sicher nicht die deutsche Liebe zu Infrastrukturprojekten, die länger dauern als mittelalterliche Kathedralen.

