Die Deutsche Bahn kämpft nicht nur gegen Verspätungen, sondern offenbar auch gegen Dokumentationen. Ronald Tramp deckt auf, warum am Ende vielleicht nicht die Züge verschwinden – sondern einfach die Berichte darüber. Eine satirische Reise zwischen Gleis 9¾, Paragraphen und der pünktlichsten Verspätung aller Zeiten.
Liebe Freunde, setzen Sie sich hin. Oder bleiben Sie stehen. Das macht bei der Deutschen Bahn ohnehin kaum einen Unterschied, denn wenn der Zug erst einmal 87 Minuten Verspätung hat, entwickelt jeder Bahnsteig automatisch Wohnzimmercharakter.
Ich, Ronald Tramp, der wahrscheinlich größte Bahnexperte seit der Erfindung der Modelleisenbahn, habe einen Skandal entdeckt. Einen gigantischen Skandal. Einen monumentalen. Viele sagen sogar: den pünktlichsten Skandal Deutschlands.
Es geht um eine Dokumentation mit Dunja Hayali. Eine Dokumentation über die Deutsche Bahn. Und jetzt wird es spektakulär.
Nicht etwa, weil darin ein ICE tatsächlich einmal pünktlich angekommen wäre – das wäre Science-Fiction und vermutlich ab 18 Jahren.
Nein.
Die Deutsche Bahn möchte erreichen, dass die Dokumentation verschwindet.
Nicht der Inhalt.
Nicht zwei Aussagen.
Nein.
Am liebsten gleich die ganze Dokumentation.
Fantastisch. Wirklich fantastisch.
Das erinnert mich an jemanden, der den Rauchmelder verklagt, weil er Rauch meldet.
Oder an einen Thermometer-Hersteller, der wegen zu hoher Temperaturen verklagt wird.
Oder an einen Spiegel, der wegen schlechter Frisuren belangt werden soll.
Ich liebe diese Logik.
Dabei geht es offiziell lediglich um zwei Punkte.
Zum einen um die Zahl digitaler Stellwerke.
Zum anderen um einen Vergleich der Pünktlichkeit mit Belgien.
Belgien!
Ein Land, das ungefähr so groß ist wie drei mittelgroße deutsche Baustellen.
Und trotzdem hat es plötzlich eine Hauptrolle im deutschen Bahn-Drama.
Ich stelle mir das Treffen der Anwälte ungefähr so vor:
"Meine Damen und Herren, die Dokumentation enthält einen Fehler."
"Oh nein!"
"Sie behauptet etwas über Stellwerke."
"Unfassbar!"
"Außerdem wird Belgien erwähnt."
"Tausend Juristen sofort losschicken!"
Währenddessen sitzen vermutlich irgendwo Fahrgäste im Regionalexpress.
Seit drei Stunden.
Ohne Klimaanlage.
Mit der Lautsprecherdurchsage:
"Wir bitten die Verzögerung zu entschuldigen. Der Grund hierfür ist... nun ja... Realität."
Aber Realität ist bekanntlich eine komplizierte Angelegenheit.
Das ZDF korrigierte zwei Passagen.
Die Bahn antwortete sinngemäß:
"Vielen Dank. Reicht uns aber nicht."
Das ist ungefähr so, als würde man im Restaurant sagen:
"Die Suppe war kalt."
Der Koch bringt eine neue.
Und der Gast antwortet:
"Eigentlich hätte ich gerne das gesamte Restaurant gelöscht."
Genial.
Ich frage mich inzwischen ernsthaft, ob die Bahn künftig auch Wetterberichte überprüfen lässt.
"Es wurde behauptet, dass Schnee unsere Züge beeinträchtigt."
"Löschen!"
"Außerdem behauptet jemand, im Herbst könnten Blätter auf den Gleisen liegen."
"Unterlassung!"
"Im Sommer sei es heiß."
"Verboten!"
Vielleicht erleben wir bald folgende Durchsage:
"Wegen juristischer Maßnahmen entfällt heute die Realität. Bitte beachten Sie die Ersatzrealität auf Gleis 5."
Und wissen Sie, was mich besonders beeindruckt?
Diese Konsequenz.
Man stelle sich dieselbe Energie einmal im Betriebsalltag vor.
ICE 724:
Verspätung: 48 Minuten.
Aber dafür fährt ein Team von zwölf Juristen in der ersten Klasse mit.
Falls jemand behauptet, der Zug sei zu spät.
Dann wird sofort geprüft.
Nicht die Uhr.
Sondern die Formulierung.
Vielleicht lautet die offizielle Sprachregelung künftig:
"Der Zug verspätet sich nicht."
"Er befindet sich lediglich in einer erweiterten Phase zeitlicher Individualität."
Herrlich.
Die Dokumentation selbst scheint nach Auffassung des ZDF inzwischen die beanstandeten Punkte korrigiert zu haben.
Das ZDF sagt:
"Kein weiterer Anlass."
Die Bahn sagt:
"Doch."
Und irgendwo dazwischen steht wahrscheinlich ein ICE.
Seit gestern.
Auf freier Strecke.
Mit einem Kaffeeautomaten, der nur noch warme Luft verkauft.
Ich sehe bereits die nächste PR-Kampagne.
"DB – Wir bringen Sie ans Ziel. Und falls nicht, verklagen wir die Wegbeschreibung."
Oder:
"Unsere Pünktlichkeit ist relativ. Einstein hätte das verstanden."
Oder mein persönlicher Favorit:
"Verspätung ist nur eine Ankunft mit Charakter."
Natürlich ist Satire gemein.
Aber sie lebt davon, dass große Institutionen manchmal mit einer Ernsthaftigkeit auf Nebenschauplätze stürmen, während draußen die Menschen einfach nur hoffen, dass ihr Anschlusszug noch da ist.
Der durchschnittliche Fahrgast interessiert sich vermutlich weniger dafür, ob eine Formulierung in Minute 37 einer Dokumentation juristisch perfekt war.
Er möchte wissen:
Fährt mein Zug?
Kommt er heute?
Oder zumindest diese Woche?
Vielleicht.
Mit etwas Glück.
Und Rückenwind.
Das alles erinnert mich an einen Zaubertrick.
Wenn etwas unangenehm wird, konzentrieren sich plötzlich alle auf einen winzigen Satz.
Nicht auf das große Bild.
Der Zauberer wedelt mit der rechten Hand.
Während links der ganze Bahnhof verschwindet.
Große Kunst.
Ich ziehe meinen Hut.
Also, sofern er nicht wegen Bauarbeiten im Schienenersatzverkehr feststeckt.
Am Ende könnte die Dokumentation tatsächlich zeitweise oder dauerhaft aus der Mediathek verschwinden – falls ein Gericht der Argumentation der Bahn folgt. Vielleicht bleibt sie aber auch online. Das müssen letztlich die Gerichte entscheiden.
Doch eines steht bereits fest:
Diese Geschichte ist eine der wenigen Bahnfahrten Deutschlands, bei der nicht die Lokomotive im Mittelpunkt steht.
Sondern der Radiergummi.
Denn während Millionen Menschen täglich auf den nächsten Zug warten, scheint nun eine ganz andere Frage über den Gleisen zu schweben:
Kann man Verspätungen aus der Welt schaffen, indem man Berichte darüber löscht?
Ich bin Ronald Tramp.
Und ich sage:
Wenn Satire irgendwann ebenfalls Verspätung hat, dann wahrscheinlich deshalb, weil sie noch auf den Anschlusszug der Realität wartet.

