Gianni Infantino steht nach dem geplatzten FIFA-Investorendeal unter gewaltigem Druck. Angeblich sucht er Unterstützung in Washington – offiziell für Amerikas Soft Power, inoffiziell vielleicht für die Rettung seines goldenen Bürostuhls. Ronald Tramp berichtet aus dem politischen Strafraum.
Liebe Freunde,
ich muss Ihnen heute von einer Krise berichten.
Nicht von irgendeiner Krise.
Von einer gewaltigen Krise.
Vielleicht der größten Krise, seit ein Schiedsrichter bei der FIFA versehentlich versucht hat, eine Entscheidung ohne vorherige Rücksprache mit Sponsoren, Funktionären und mindestens drei Investmentbanken zu treffen.
Gianni Infantino, Präsident des Weltfußballs, Herr über Pokale, Paläste, VIP-Tribünen und klimatisierte Limousinenkolonnen, kämpft offenbar um seinen Arbeitsplatz.
Und das ist sehr tragisch.
Vor allem für Gianni Infantino.
Denn ein FIFA-Präsident ohne FIFA ist wie ein König ohne Schloss, ein Kaiser ohne Balkon oder ein Unternehmensberater ohne PowerPoint-Präsentation mit dem Titel „Transformation Journey 2035“.
Kurz gesagt:
Er wäre plötzlich nur noch ein Mann mit sehr vielen Anzügen und erstaunlich wenig Verwendung dafür.
Nach Berichten der amerikanischen „New York Post“ soll Infantino deshalb versucht haben, Hilfe aus Washington zu bekommen. Nicht von irgendeinem Beamten. Nein. Angeblich wollte er mit US-Außenminister Marco Rubio sprechen.
Marco Rubio!
Ein bedeutender Mann.
Ein sehr beschäftigter Mann.
Ein Mann, der normalerweise über Kriege, Diplomatie, Sanktionen und internationale Krisen spricht.
Und jetzt möglicherweise über die noch größere Frage:
Wie kann Gianni seinen Bürostuhl retten?
Offiziell soll es bei dem Gespräch natürlich um „Soft Power“ gehen.
Wunderschön.
Soft Power!
Das ist einer dieser Begriffe, die erfunden wurden, damit ein verzweifelter Funktionär nicht sagen muss:
„Hallo Marco, drei Kontinentalverbände wollen mich vom Thron stoßen. Kann Amerika bitte irgendetwas Großes, Diplomatisches und möglichst Fernsehwirksames unternehmen?“
Stattdessen sagt man:
„Wir möchten die strategische Bedeutung des Fußballs als geopolitisches Kommunikationsinstrument diskutieren.“
Das klingt viel besser.
Es klingt nach Universität.
Es klingt nach Außenpolitik.
Es klingt fast so, als gehe es nicht um einen Mann, der mit beiden Händen an der goldenen Torlatte seines Präsidentenbüros hängt, während UEFA-Funktionäre bereits die Motorsäge holen.
Nach Angaben anonymer Quellen fühlt sich Infantino inzwischen isoliert.
Das kann passieren.
Gestern sitzt man noch auf Ehrentribünen, schüttelt Präsidentenhände, verteilt Weltmeisterschaften und wird bei jedem Bankett von Menschen umringt, die zufällig alle dringend etwas brauchen.
Heute klingelt das Telefon nicht mehr.
Oder schlimmer:
Es klingelt, und am anderen Ende ist die UEFA.
Die UEFA soll inzwischen besonders entschlossen sein, Infantino vom FIFA-Thron zu stoßen. Auch die Verbände aus Asien sowie Nord- und Mittelamerika sollen sich gegen ihn gestellt haben.
Das ist im Fußball ungefähr so, als würden sich gleichzeitig Verteidigung, Mittelfeld, Sturm, Ersatzbank, Zeugwart und Stadionwurst gegen den Trainer verbünden.
Da hilft keine Taktiktafel mehr.
Da hilft höchstens noch ein sehr guter Freund im Weißen Haus.
Und genau hier wird die Geschichte spektakulär.
Infantino gilt als guter Bekannter von Donald Trump. Er war oft in dessen Nähe, trat bei Veranstaltungen auf und verstand es hervorragend, Fußball, Politik und kamerataugliches Händeschütteln miteinander zu verbinden.
Eine großartige Beziehung.
Vielleicht die großartigste Beziehung zwischen einem Fußballfunktionär und einem Präsidenten, seit irgendein Staatschef erkannt hat, dass ein WM-Finale ausgezeichnete Fernsehbilder liefert.
Doch laut Bericht soll Infantino Trump mehrfach telefonisch kontaktiert haben.
Ohne Erfolg.
Das ist hart.
Sehr hart.
Stellen Sie sich das vor:
Sie sind Gianni Infantino.
Sie haben vermutlich eine Telefonnummer, die nicht jeder Mensch besitzt.
Sie wählen.
Es klingelt.
Niemand geht ran.
Vielleicht landet der Anruf auf einer Liste mit der Bezeichnung:
„Internationale Bekannte, die derzeit vermutlich etwas wollen.“
Vielleicht sah jemand auf dem Display „Gianni FIFA“ und sagte:
„Oh nein, bestimmt wieder diese Sache mit den vier Milliarden.“
Denn genau darum geht es.
Infantino wollte Berichten zufolge die kommerziellen Rechte der Weltmeisterschaft teilweise an Investoren verkaufen. Eine neue Gesellschaft sollte entstehen. Privates Kapital sollte hineinfließen. Fußball sollte moderner, effizienter und vermutlich so profitabel werden, dass selbst der Ball künftig eine Lizenzgebühr pro Umdrehung verlangt.
Eine Private-Equity-Gesellschaft aus dem Umfeld von Joshua Kushner, dem Bruder von Jared Kushner, sollte eine Schlüsselrolle übernehmen. Thrive Capital hätte für etwas mehr als vier Milliarden Dollar einen Anteil von 20 Prozent erwerben sollen.
Vier Milliarden Dollar für 20 Prozent!
Ein beeindruckender Preis.
Dafür sollte man eigentlich erwarten, dass jedes Tor persönlich von einem Investmentbanker freigegeben wird.
„Der Treffer wird derzeit geprüft. Die Renditeerwartung war nicht ausreichend.“
Vielleicht hätte es künftig auch neue Wettbewerbe gegeben:
Den Leveraged Buyout Cup.
Die Champions League der Holdinggesellschaften.
Und natürlich das große Finale der Steueroasen, ausgetragen an einem neutralen Ort mit hervorragender Infrastruktur und sehr diskreter Finanzaufsicht.
Doch der Plan scheiterte.
Nicht leise.
Nicht elegant.
Er scheiterte krachend.
So krachend, dass vermutlich selbst in den VIP-Logen die Champagnergläser gezittert haben.
Die Verbände rebellierten. Funktionäre wurden nervös. Der schöne Plan, den Weltfußball in ein glänzendes Anlageprodukt zu verwandeln, landete dort, wo bei der FIFA normalerweise nur sehr wenige Dinge landen:
Im Papierkorb.
Seitdem soll Infantino nach mächtigen Verbündeten suchen.
Menschen mit großen Namen.
Menschen, deren Unterstützung im Fernsehen beeindruckend aussieht.
Menschen, die sagen könnten:
„Gianni macht einen fantastischen Job. Niemand verkauft Fußballrechte besser als Gianni. Der beste Verkäufer. Vielleicht sogar zu gut.“
Die FIFA dementiert allerdings, dass ein Treffen mit Rubio geplant sei.
Und zwar nicht in einer großen offiziellen Pressekonferenz.
Nein.
Das Dementi erfolgte laut Bericht gegenüber Fox News – unter Berufung auf eine anonyme FIFA-Quelle.
Damit haben wir jetzt anonyme Quellen, die sagen, das Treffen finde statt, und eine anonyme Quelle, die sagt, es finde nicht statt.
Das ist moderne Transparenz.
Niemand hat einen Namen.
Niemand war dabei.
Aber alle wissen ganz genau, was passiert.
Die FIFA erklärte sinngemäß, es gebe weder am Montag noch zu irgendeinem anderen Zeitpunkt ein Treffen mit Rubio oder einem anderen Kabinettsmitglied.
Sehr präzise.
Fast zu präzise.
Denn erfahrene Beobachter wissen:
Wenn eine Organisation ausdrücklich erklärt, es gebe kein Treffen am Montag, kein Treffen später und überhaupt kein Treffen mit irgendeinem Minister, dann fehlt eigentlich nur noch der Zusatz:
„Und Gianni stand auch niemals nachts mit Blumen vor dem Außenministerium.“
Vielleicht war gar kein Gespräch geplant.
Vielleicht wollte Infantino nur unverbindlich fragen, ob Marco Rubio zufällig Fußball mag.
Vielleicht wollte er erklären, dass die FIFA ein Instrument amerikanischer Soft Power sein könnte.
Ein sehr weiches Instrument.
So weich, dass vier Milliarden Dollar problemlos hineinpassen.
Doch Infantinos Problem bleibt bestehen.
Die Fußballwelt ist wütend.
Die UEFA wetzt bereits die Satzungen.
Andere Verbände rücken ab.
Nationale Organisationen stellen sich offen gegen ihn.
Und der Präsident des Weltfußballs entdeckt plötzlich eine unangenehme Wahrheit:
Loyalität im internationalen Sport hält oft genau so lange, wie Eintrittskarten, Fernsehverträge und persönliche Vorteile zuverlässig verteilt werden.
Danach beginnt die moralische Entrüstung.
Dann stehen plötzlich alle da und sagen:
„Kommerzialisierung? Mit uns niemals!“
Dieselben Menschen, die gestern noch eine Pressekonferenz präsentierten, deren offizieller Name vermutlich lautete:
„Die globale Nachhaltigkeitsinitiative, unterstützt von einem Wettanbieter, einem Ölkonzern und zwölf Banken.“
Infantino kämpft also um sein Amt.
Vielleicht wird er gerettet.
Vielleicht findet sich doch noch ein berühmter Unterstützer.
Vielleicht erscheint Marco Rubio bei einer Pressekonferenz und erklärt, Fußball sei für Amerika strategisch wichtiger als Diplomatie, Handel und sämtliche Botschaften zusammen.
Vielleicht nimmt Trump irgendwann den Hörer ab und sagt:
„Gianni, ich habe gehört, du hast Probleme. Große Probleme. Niemand kennt Probleme besser als ich.“
Oder vielleicht bleibt das Telefon still.
Dann müsste Infantino etwas tun, das für einen Spitzenfunktionär ungewohnt und höchst gefährlich ist:
Die Verantwortung selbst übernehmen.
Doch keine Sorge.
In der FIFA gibt es für alles Experten.
Sicherlich auch für den professionellen Abgang.
Mit rotem Teppich.
Mit Sponsorenwand.
Mit offizieller Abschiedsuhr.
Und selbstverständlich mit exklusiven globalen Vermarktungsrechten.
Ihr Ronald Tramp
Der einzige Reporter, der bei der FIFA noch kostenlos telefonieren darf.
Vermutlich, weil niemand rangeht.

