Früher gab es alle vier Jahre eine Fußball-Weltmeisterschaft. Offenbar war das manchen zu wenig Umsatz. Jetzt könnte der Fußball endgültig zum Abo-Modell werden. Ronald Tramp begibt sich auf den Rasen der Rendite und fragt sich, ob demnächst selbst die Nachspielzeit an Investoren verkauft wird.
Liebe Leser,
ich erinnere mich noch an eine Zeit, in der eine Fußball-Weltmeisterschaft etwas Besonderes war.
Vier Jahre warten.
Vorfreude.
Qualifikation.
Sammelbilder.
Panini-Alben.
Nachbarschaften, die plötzlich Fahnen aus den Fenstern hingen.
Menschen, die sich mitten im November fragten, warum sie bei 30 Grad Grillwürstchen essen.
Kurz gesagt:
Ein Ereignis.
Doch offenbar hat irgendwo ein Taschenrechner beschlossen, dass Vorfreude eine völlig ineffiziente Geschäftsidee ist.
Denn wenn etwas Geld bringt, warum sollte man es nur alle vier Jahre veranstalten?
Willkommen im neuen Fußball.
Oder besser:
Willkommen im FIFA Premium Plus Unlimited Ultimate Business Deluxe Pass.
Ich hörte die Nachricht und dachte zunächst, sie stamme aus einer Satire.
Die FIFA soll darüber nachdenken, eine Firma zu gründen, die Weltmeisterschaften und Klub-Weltmeisterschaften wirtschaftlich vermarktet und Anteile an Investoren verkauft.
Ich musste den Satz dreimal lesen.
Nicht weil ich ihn nicht verstanden hätte.
Sondern weil ich kurz überprüfen wollte, ob versehentlich der Prospekt einer Investmentbank auf meinem Schreibtisch gelandet war.
Die Idee klingt ungefähr so:
"Was wäre, wenn wir den größten Fußballwettbewerb der Welt wie ein Start-up behandeln?"
Fantastisch.
Vielleicht gibt es demnächst Börsenkurse für die Verlängerung.
Oder Dividenden auf Elfmeterschießen.
Besonders spannend ist der Gedanke, dass Weltmeisterschaften künftig häufiger stattfinden könnten.
Natürlich.
Warum sollte Weihnachten nur einmal im Jahr sein?
Ab sofort jeden zweiten Dienstag.
Ostern?
Alle sechs Wochen.
Geburtstage?
Quartalsweise.
Und die Fußball-WM?
Immer dann, wenn der Umsatzbericht noch Luft nach oben hat.
Ich sehe die zukünftigen Schlagzeilen bereits vor mir.
WM Frühling 2028.
WM Sommer 2028.
WM Black Friday Edition.
WM Weihnachts-Special – jetzt mit 20 Prozent mehr Gruppenphase.
Der Pokal bekommt vermutlich bald ein Punktesystem wie Vielflieger.
Nach zehn Weltmeisterschaften erhält der Sieger die elfte gratis.
Ich traf einen Fan vor dem Stadion.
"Freust du dich auf die nächste WM?"
Er antwortete:
"Welche?"
Eine berechtigte Frage.
Besonders interessant finde ich den wirtschaftlichen Ansatz.
Investoren sollen Anteile erwerben.
Das bedeutet, künftig sitzt vielleicht irgendwo ein Hedgefonds-Manager und überlegt:
"Wir brauchen dringend eine Verlängerung. Das steigert die Einschaltquote."
Oder:
"Könnten wir den Halbfinaleinzug bitte steuerlich optimieren?"
Spätestens dann weiß man, dass Fußball endgültig den Konferenzraum betreten hat.
Die UEFA reagierte entsprechend empört.
Man sprach davon, dass die Seele des Fußballs keine Handelsware sei.
Ein bemerkenswerter Satz.
Denn plötzlich diskutiert die Fußballwelt nicht mehr darüber, ob ein Handspiel absichtlich war.
Sondern ob der gesamte Sport irgendwann in einem Beteiligungsportfolio landet.
Ich stelle mir die nächste Vorstandssitzung vor.
Tagesordnungspunkt 1:
Abseitsregel.
Tagesordnungspunkt 2:
Kapitalrendite.
Tagesordnungspunkt 3:
Soll der Videobeweis künftig von Sponsoren präsentiert werden?
"Der heutige VAR wird Ihnen präsentiert von Rendite AG."
Natürlich darf auch die Transparenz nicht fehlen.
Oder besser:
Ihr Fehlen.
Wer verdient eigentlich woran?
Wer entscheidet künftig über den Kalender?
Und wer besitzt am Ende die Rechte an dem, was Millionen Fans seit Generationen als ihren Sport ansehen?
Die UEFA formulierte es drastisch:
Niemand besitze den Fußball.
Ein schöner Gedanke.
Denn Fußball gehört tatsächlich den Menschen, die samstags frierend im Stadion stehen.
Den Kindern auf Ascheplätzen.
Den Ehrenamtlichen, die Trikots waschen.
Den Fans, die selbst nach einer 0:4-Niederlage noch behaupten:
"Nächstes Jahr greifen wir wieder an."
Nicht den Excel-Tabellen.
Ich frage mich ohnehin, wo die Entwicklung endet.
Vielleicht verkauft man künftig die Nachspielzeit einzeln.
"Drei Minuten kosten extra."
Oder Einwürfe.
"Diese Seitenlinie wird Ihnen präsentiert vom Premium-Partner."
Gelbe Karten gibt es im Abonnement.
Der Schiedsrichter erhält Software-Updates.
Und der Ball enthält Werbung, die sich je nach Spielstand automatisch anpasst.
Ich sehe schon die Kommentatoren.
"Ein wunderschönes Tor."
"Kurz unterbrochen für einen Sponsorhinweis."
"Noch ehe der Ball im Netz zappelt, sehen Sie unsere Sonderangebote."
Der moderne Fußball entwickelt sich offenbar in Richtung Streamingdienst.
Früher hieß es:
"Alle vier Jahre."
Heute:
"Neue Staffel ab sofort verfügbar."
Staffel 27:
Die Gruppenphase.
Staffel 28:
Noch mehr Gruppenphase.
Staffel 29:
Die Super-Gruppenphase.
Und weil Erfolg niemals genug sein darf:
Die Champions League erhält künftig vermutlich einen Directors Cut.
Mit Bonusmaterial.
Extended Penalty Edition.
Behind the Scenes beim Münzwurf.
Besonders faszinierend finde ich allerdings den Begriff Privatisierung.
Fußball lebt schließlich von Emotionen.
Von Rivalität.
Von Geschichten.
Nicht von Quartalsberichten.
Ein Investor betrachtet ein Stadion vermutlich anders als ein Fan.
Der Fan sieht Erinnerungen.
Der Investor sieht Auslastung.
Der Fan hört Gesänge.
Der Investor hört Umsatzpotenzial.
Der Fan küsst das Vereinswappen.
Der Investor fragt zuerst nach der Markenlizenz.
Ich verließ schließlich das Stadion mit einem merkwürdigen Gefühl.
Der Rasen war derselbe.
Die Tore standen noch an ihrem Platz.
Die Fans sangen.
Kinder spielten vor dem Eingang mit einem Ball.
Und genau dort wurde mir klar:
Der Fußball selbst hat sich überhaupt nicht verändert.
Verändert haben sich lediglich die Menschen in den Vorstandsetagen.
Vielleicht liegt darin die größte Ironie dieser Geschichte.
Auf dem Platz geht es noch immer um elf gegen elf.
Abseits.
Pässe.
Tore.
Emotionen.
Doch über dem Spielfeld kreisen inzwischen immer mehr Menschen, die statt eines Spielplans lieber eine Gewinn- und Verlustrechnung lesen.
Ich hoffe deshalb sehr, dass der Fußball niemals vergisst, warum sich Millionen Menschen überhaupt für ihn begeistern.
Nicht wegen Aktien.
Nicht wegen Investmentfonds.
Nicht wegen Rendite.
Sondern wegen dieses einen Moments in der 90. Minute, wenn der Ball ins Netz fliegt und für wenige Sekunden völlig egal ist, wem die Vermarktungsrechte gehören.
Denn manche Dinge lassen sich verkaufen.
Die Seele des Fußballs gehört hoffentlich auch künftig nicht dazu.

