Ronald Tramp infiltriert die erfundene Jurassic Investment Bank. Dort wird ein seltenes Dinosaurierskelett zum Luxusobjekt – und wissenschaftliche Neugier scheitert an der Bonitätsprüfung.
Von Ronald Tramp, dem einzigen Reporter, der beim Betreten eines Dinosaurier-Showrooms nicht weiß, ob das gefährlichste Raubtier auf dem Sockel steht oder gerade seine Vermögensverwaltung anruft.
Leute, ich kenne alte Knochen. Fantastische Knochen. Die besten Knochen. Manche liegen im Museum und erklären die Erdgeschichte. Andere kommen zur Auktion und erklären die Vermögensverteilung.
Bei Sotheby’s soll ein seltenes Nanotyrannus-Skelett namens „Jodi“ versteigert werden. Nach Angaben des Auktionshauses ist es nahezu vollständig genug, um beeindruckend auszusehen, und nach dem vorliegenden Bericht zu rund siebzig Prozent erhalten.
Eine hervorragende Quote. In meiner imaginären Investmentbank wäre das bereits ein vollständig besichertes Urzeitprodukt. Der Rest ist Fantasie. Dafür haben wir Berater.
Ich habe mich deshalb für diese ausdrücklich erfundene Reportage in die Jurassic Investment Bank eingeschleust. Eine diskrete Adresse. Marmor, Champagner und ein Empfangschef, dessen Lächeln erst nach Vorlage eines Vermögensnachweises vollständig wird.
„Interessieren Sie sich für die Kreidezeit?“, fragt er.
„Sehr.“
„Privat oder institutionell?“
Ich zeige auf den Dinosaurier.
„Ist das ein wissenschaftlich bedeutender Fund?“
„Noch“, sagt er. „Wir arbeiten an der Umwandlung in ein Wohnaccessoire.“
Großartig. Früher fragte man: Wie hat dieses Tier gelebt? Heute: Passt es unter die Galeriebeleuchtung?
Der Showroom ist beeindruckend. An einer Wand hängt in meiner Fantasie die neue geologische Zeittafel: Einstiegssegment, gehobenes Segment, diskretes Gespräch mit dem Kundenberater.
Die Erdgeschichte wurde endlich verständlich gemacht. Besonders für Menschen, die bei „Schichten“ zunächst an ihre Vermögensstruktur denken.
Ein Innenarchitekt umrundet das Skelett.
„Wunderbare Präsenz. Könnte der Schädel etwas mehr Richtung Kamin schauen?“
Daneben steht ein Paläontologe und möchte wissen, welche anatomischen Merkmale sich untersuchen lassen.
„Bitte keine komplizierten Fragen“, sagt der Berater. „Der Kunde sucht etwas Zeitloses.“
Zeitlos! Das Tier ist ausgestorben. Viel zeitloser wird es kaum.
Der eigentliche Konflikt ist allerdings ernst: Fachleute warnen bei wissenschaftlich bedeutsamen Fossilien vor Verkäufen, durch die der dauerhafte Zugang für Forschung und Öffentlichkeit verloren gehen kann. Nicht jeder private Erwerb führt dazu. Aber verlässliche Zugänglichkeit ist etwas anderes als die Hoffnung auf einen großzügigen Eigentümer.
In meiner Jurassic Investment Bank gilt deshalb eine besonders innovative Besuchsordnung.
Forscher dürfen das Fossil noch kurz betrachten, solange sie dabei keine Erkenntnisse hinterlassen.
„Dürfte ich den Knochen vermessen?“
„Welche Art von Wertsteigerung erwarten Sie?“
„Wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn.“
Der Berater drückt lautlos einen Alarmknopf.
Ein Mann mit Einstecktuch erscheint.
„Hier möchte jemand den Wert öffentlich machen.“
Entsetzen im Raum.
Öffentlich! Dieses schreckliche Wort. Es bedeutet, dass Menschen etwas davon haben könnten, obwohl sie gar nicht mitgeboten haben.
Ich, Ronald Tramp, verstehe natürlich den Sammlertrieb. Manche sammeln Briefmarken. Andere sammeln ausgestorbene Spitzenprädatoren, weil ein normales Bücherregal nicht ausreichend signalisiert, dass die Gäste finanziell unterlegen sind.
Beim Abendessen ergibt das fantastische Gespräche.
„Was ist das hinter dir?“
„Erdgeschichte.“
„Kann man sie erforschen?“
„Natürlich. Aber bitte erst nach dem Dessert. Und nicht, wenn der Teppich gerade gereinigt wurde.“
Das Problem ist nicht, dass jemand einen Dinosaurier schön findet. Das Problem beginnt, wenn ein wissenschaftliches Original denselben dauerhaften Zugangsstatus bekommt wie der private Weinkeller: Besichtigung nach Laune des Hausherrn, Wiederholbarkeit nach Terminlage.
Forschung lebt davon, dass andere Ergebnisse überprüfen können. Ein Foto zwischen zwei Cocktailgläsern ersetzt kein zugängliches Original.
Mein imaginärer Bankberater sieht das gelassener.
„Wir haben das Wissen nicht abgeschafft. Wir haben ihm lediglich einen Eigentümer gegeben.“
Was für ein Satz. So elegant kann eine verschlossene Tür klingen.
Ob „Jodi“ künftig öffentlich zugänglich bleibt, entscheidet sich nicht durch meine Satire. Aber das Geschäftsmodell liefert bereits eine bemerkenswerte Pointe: Ein Tier übersteht geologische Zeitalter, wird mühsam freigelegt und landet möglicherweise dort, wo selbst eine Universität erst um Einlass bitten muss.
Der Asteroid hat die Dinosaurier ausgelöscht. Der Höchstbietende muss nur noch dafür sorgen, dass sie auch aus der Öffentlichkeit verschwinden.

