Union und SPD planen laut Bericht eine gestaffelte Zuckersteuer. Ronald Tramp besucht das erfundene Ministerium für klebrige Einnahmen – wo Limonade als flüssiger Haushaltstitel gilt.
Von Ronald Tramp, dem einzigen Reporter, dessen Berichte so süß sind, dass das Finanzamt bereits einen Messbecher bereithält.
Leute, Deutschland bekommt möglicherweise eine Zuckersteuer. Eine fantastische Steuer. Eine klebrige Steuer. Endlich muss der Staat nicht mehr warten, bis jemand Einkommen erzielt. Jetzt reicht es, wenn jemand Durst hat und dabei geschmacklich über die Stränge schlägt.
Nach dem vorgelegten Bericht sollen sich Union und SPD auf eine gestaffelte Besteuerung zuckergesüßter Getränke verständigt haben. Je süßer das Getränk, desto höher die Steuer. Noch handelt es sich um berichtete Pläne. Aber ich, Ronald Tramp, erkenne bereits die historische Dimension: Die Koalition hat einen Weg gefunden, den bitteren Nachgeschmack ihrer Politik direkt an der Supermarktkasse zu erzeugen.
In meinem ausdrücklich erfundenen Ministerium für klebrige Einnahmen herrscht deshalb Aufbruchstimmung. Ein Beamter steht vor einer Limoflasche und erklärt: „Das ist kein Getränk mehr. Das ist ein flüssiger Haushaltstitel.“
Hervorragend. Andere Regierungen sehen sprudelndes Zuckerwasser. Unsere sieht sprudelnde Einnahmen.
Auf dem Konferenztisch stehen verschiedene Limonaden. Daneben sitzt ein Steuerprüfer mit Pipette, Taschenrechner und der Gesichtshaltung eines Mannes, der einem Gummibärchen gerade die Gewerbeanmeldung verweigert hat.
„Diese Flasche fällt in die höhere Stufe“, verkündet er.
„Warum?“
„Zu viel Freude pro Schluck.“
Ich liebe diese Präzision. Deutschland kann beim Ausbau seiner Infrastruktur gelegentlich ins Grübeln geraten, aber sobald ein Getränk zu süß wird, steht sofort jemand mit einer sauber abgegrenzten Zuständigkeit daneben.
Die geplanten Stufen werden in meiner satirischen Schulungsveranstaltung anschaulich erklärt: leicht klebrig und haushaltspolitisch unwiderstehlich. Wer weniger Zucker verwendet, könnte steuerlich günstiger davonkommen. Hersteller sollen also einen Anreiz erhalten, ihre Rezepturen zu verändern.
Ein durchaus nachvollziehbarer Gedanke. Allerdings muss die Regierung dann damit leben, dass erfolgreiche Zuckerreduzierung ihre Einnahmehoffnungen dämpfen könnte.
Ein Finanzbeamter blickt erschrocken auf.
„Wie bitte? Die Leute sollen gesünder trinken?“
„Das wäre zumindest eine mögliche Wirkung.“
„Aber wir haben die Einnahmen doch schon eingeplant!“
Sofort wird eine Arbeitsgruppe eingerichtet: Wie retten wir die Bevölkerung, ohne dass sie uns finanziell enttäuscht?
Fantastisches Dilemma. Der ideale Bürger trinkt künftig weniger Zucker, aber bitte nicht so konsequent, dass irgendwo ein Haushaltsansatz traurig wird.
Für kleinere Hersteller sieht der berichtete Plan Ausnahmen vor. In meiner erfundenen Getränkefabrik löst das eine unternehmerische Renaissance aus. Der Geschäftsführer betrachtet die Produktionsgrenze und sagt: „Wir müssen nicht weniger süß werden. Wir müssen überschaubar bleiben.“
An der Abfüllanlage steht deshalb künftig ein Mitarbeiter mit Trillerpfeife. Sobald die Jahresproduktion der Ausnahmegrenze bedrohlich nahekommt, pfeift er ab.
„Alle Flaschen zurück! Wir wachsen gerade in die Verantwortung hinein!“
Ein anderer Unternehmer plant bereits eine Manufaktur für handgestreichelte Limonade. Jede Flasche erhält eine individuelle Betreuung und einen Nachweis über ihre schwierige Kindheit im Siruptank.
„Wir verkaufen keinen Softdrink“, erklärt er. „Wir begleiten kleine Flüssigkeitsbiografien.“
Sehr exklusiv. Sehr regional. Sehr steuerbewusst.
Die Politik selbst müsste unterdessen eigentlich vorsichtig werden. Wahlversprechen enthalten traditionell erstaunliche Mengen verbalen Sirups. Entlastung hier, Aufbruch dort, Wohlstand für alle – und beim Öffnen der Flasche kommt hauptsächlich heiße Luft.
Ich schlage deshalb eine Kennzeichnungspflicht vor: „Kann Spuren von Umsetzung enthalten.“
Union und SPD erklären ihre Versprechen in meinem satirischen Szenario jedoch vorsorglich für zuckerfrei. Die Süße stamme ausschließlich aus künstlichen Hoffnungsmitteln. Ein Koalitionssprecher versichert: „Unser Optimismus hat keinerlei Nährwert.“
Das glaube ich sofort. Ich habe manche Regierungserklärung gelesen. Danach war ich gleichzeitig überfüllt und unterversorgt.
Natürlich kann man über eine Zuckersteuer vernünftig diskutieren. In meiner Reportage geht es aber um die besondere Kunst, Gesundheitsvorsorge und Haushaltsfreude so eng zu umarmen, dass hinterher niemand mehr weiß, wer hier wen mästet.
Am Ende hebt der Minister sein Glas und verspricht, das Land auf einen gesünderen Weg zu führen.
Der Finanzbeamte hebt ebenfalls sein Glas. Darin ist Wasser.
Er weiß schließlich: Die Bürger sollen weniger Zucker schlucken. Die Einnahmeplanung darf dagegen weiterhin unverdünnt serviert werden.

