Trump spricht von ausgelöschten US-Städten, das Weiße Haus anschließend von einem Missverständnis. Ronald Tramp besucht die Übersetzungsabteilung für präsidiales Trumpisch.
Von Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für nukleare Missverständnisse, präsidiale Wortakrobatik und Städte, die laut Presseabteilung selbstverständlich niemals gemeint waren
Ladies and Gentlemen, Amerika hat wieder gesprochen. Genauer gesagt: Donald Trump hat gesprochen. Und wie immer beginnt unmittelbar danach eine der wichtigsten Traditionen der modernen US-Regierung: das große nationale Rätselspiel „Was wollte der Präsident eigentlich sagen?“
Andere Regierungen beschäftigen Übersetzer für Französisch, Arabisch oder Mandarin. Das Weiße Haus benötigt inzwischen offenbar eine eigene Fachabteilung für Trumpisch–Englisch.
Auslöser waren bemerkenswerte Äußerungen über Los Angeles und San Diego. Sinngemäß erklärte Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung, man solle diese Städte doch auslöschen lassen – ein „sehr kleiner Preis“.
Ein kleiner Preis!
Los Angeles und San Diego!
Andere Menschen bezeichnen einen Kaffee am Flughafen als überteuert. Trump scheint dagegen zwei amerikanische Millionenstädte gedanklich unter „Kleingeld“ abzulegen.
Ich, Ronald Tramp, habe selbstverständlich sofort den Taschenrechner herausgeholt.
Los Angeles: weg.
San Diego: weg.
Hollywood: weg.
Strände: weg.
Aber hey – dafür vermutlich keine Versandkosten.
AMAZING DEAL!
Willkommen beim präsidialen Räumungsverkauf
Natürlich dauerte es ungefähr so lange wie ein Pressesprecher braucht, um panisch sein Handy zu entsperren, bis Kalifornien fragte:
„Entschuldigung – WAS?“
Demokraten warfen Trump vor, mit solchen Aussagen Teheran geradezu zu Angriffen zu ermuntern.
Und nun begann Phase zwei des bekannten politischen Naturereignisses:
Das Weiße Haus erklärte, Trump habe gar nicht gesagt, was sämtliche anwesenden Ohren gehört hatten.
Das ist inzwischen eine eigene Kunstform.
Trump könnte auf einer Bühne stehen und sagen:
„Ich werde morgen den Mond mit Mayonnaise bestreichen!“
Und wenige Minuten später würde ein Sprecher erklären:
„Der Präsident hat unmissverständlich seine Unterstützung für das amerikanische Raumfahrtprogramm und die heimische Eierindustrie zum Ausdruck gebracht.“
Fantastic.
Das Weiße Haus eröffnet die Interpretationswerkstatt
Kommunikationschef Steven Cheung erklärte sinngemäß, Trump habe eigentlich davor warnen wollen, was ein atomar bewaffneter Iran amerikanischen Städten antun könnte.
Aha!
Das verändert natürlich alles.
Das Problem war also nicht die Aussage.
Das Problem war offenbar, dass Millionen Menschen sie falsch gehört haben, obwohl sie dieselben Wörter gehört haben.
Das ist Kommunikation auf Champions-League-Niveau.
Man stelle sich vor, ein Pilot sagt während des Fluges:
„Sollen wir doch abstürzen, wäre ein kleiner Preis.“
Die Passagiere schreien.
Darauf meldet sich die Fluggesellschaft:
„Wir bedauern das Missverständnis. Unser Pilot wollte lediglich auf die außerordentliche Bedeutung der Flugsicherheit hinweisen.“
Vielen Dank.
Dann nehme ich noch einen Tomatensaft.
Ronald Tramp präsentiert: Trumpisch für Anfänger
Damit amerikanische Bürger künftig nicht unnötig erschrecken, präsentiere ich exklusiv den ersten Sprachführer „Trumpisch – Englisch“.
Trump sagt:
„Sollen sie doch die Städte auslöschen.“
Übersetzung:
„Amerikanische Städte müssen unbedingt geschützt werden.“
Trump sagt:
„Ein sehr kleiner Preis.“
Übersetzung:
„Eine unvorstellbare Katastrophe, die selbstverständlich verhindert werden muss.“
Trump sagt:
„Los Angeles.“
Übersetzung:
„Rein hypothetischer geografischer Demonstrationsgegenstand.“
Trump sagt:
„San Diego.“
Übersetzung:
„Bitte wenden Sie sich für weitere Erläuterungen an die Pressestelle.“
Dieses Wörterbuch dürfte bald umfangreicher werden als der Bundeshaushalt.
Kalifornien als politisches Monopoly
Besonders bizarr wird die Geschichte dadurch, dass ausgerechnet kalifornische Städte genannt wurden – also Orte in einem demokratisch regierten Bundesstaat, mit dem Trump politisch ungefähr so harmonisch verbunden ist wie ein Flammenwerfer mit einer Tankstelle.
Natürlich bedeutet das nicht, dass Trump tatsächlich einen Angriff auf Kalifornien wollte. Genau deshalb ist die Aussage ja so grotesk: Ein Präsident sollte normalerweise nicht erst durch seine Kommunikationsabteilung erklären lassen müssen, dass die Vernichtung eigener Großstädte nicht Teil des außenpolitischen Wunschzettels ist.
Früher bestand Präsidentenkommunikation ungefähr aus:
„Amerika wird verteidigt.“
Heute:
„Amerika wird verteidigt, und bitte ignorieren Sie vorsichtshalber die vorherigen drei Sätze.“
Im Weißen Haus dürfte deshalb inzwischen neben dem Präsidenten ständig ein Pressesprecher mit einem riesigen roten Notfallknopf stehen.
Trump beginnt einen Satz.
KLACK.
„KONTEXT! WIR BRAUCHEN SOFORT KONTEXT!“
Trump setzt fort.
KLACK KLACK KLACK.
„MEHR KONTEXT! HOLT DEN RESERVEKONTEXT AUS DEM KELLER!“
Am Ende fahren Tanklastwagen voller Kontext vor das Weiße Haus.
Die neue Abschreckungsdoktrin
Die eigentliche Botschaft sollte offenbar sein: Ein nuklear bewaffneter Iran wäre eine enorme Gefahr für amerikanische Städte und müsse deshalb verhindert werden.
Das ist eine nachvollziehbare sicherheitspolitische Position.
Nur wurde sie kommunikativ ungefähr so elegant vermittelt wie Brandschutz durch das Werfen eines Molotowcocktails in eine Feuerwache.
Die Regierung möchte sagen:
„Wir schützen Los Angeles.“
Heraus kommt:
„Sollen sie Los Angeles auslöschen.“
Und danach folgt eine mehrstündige Pressekonferenz darüber, warum beide Sätze praktisch dasselbe bedeuten.
Das ist keine Kommunikationsstrategie mehr.
Das ist politische IKEA-Anleitung ohne Bilder.
Amerika kann also beruhigt sein.
Donald Trump wollte Los Angeles und San Diego selbstverständlich nicht ausgelöscht sehen.
Er wollte lediglich erklären, wie wichtig es ist, dass Los Angeles und San Diego nicht ausgelöscht werden, indem er darüber sprach, dass man Los Angeles und San Diego eben auslöschen lassen könne und das ein kleiner Preis sei.
Völlig klar.
Jeder versteht das.
Vor allem nach mehreren Pressemitteilungen, Erklärungen, Posts, Übersetzungen und vermutlich einem Team aus Linguisten, Krisenkommunikatoren und einem pensionierten Rätselredakteur.
Vielleicht braucht das Weiße Haus deshalb künftig gar keinen Kommunikationschef mehr.
Es braucht Untertitel.
Am besten live.
Trump spricht oben.
Unten läuft:
„DIE FOLGENDE AUSSAGE WIRD NACH VERANSTALTUNGSENDE IN IHRE TATSÄCHLICHE BEDEUTUNG ÜBERSETZT.“
Und irgendwo in Kalifornien sitzen die Bewohner von Los Angeles und San Diego auf ihren Sofas und erfahren erleichtert:
Ihre Vernichtung wäre selbstverständlich kein kleiner Preis.
Sie war nur ein kleiner Preis, bevor erklärt wurde, dass sie gar kein Preis sein sollte.
Welcome to America – wo inzwischen nicht einmal die Atombombe so viel Sprengkraft besitzt wie die anschließende Presseerklärung.

