Ein Café in Kärnten schlägt bei Kartenzahlung automatisch Trinkgeld auf. Ronald Tramp untersucht, wann freiwillige Großzügigkeit zur technischen Pflichtveranstaltung wird.
Von Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für Gastfreundschaft, Gebührenphantasie und elektronische Großzügigkeit
Österreich hat viele große Erfindungen hervorgebracht.
Sachertorte.
Walzer.
Skilifte.
Und jetzt offenbar auch:
Trinkgeld mit Einzugsermächtigung.
Ein Café in Kärnten sorgt nämlich mit einer bemerkenswerten Regel für Aufregung. Wer dort am Tisch bedient wird und anschließend mit Karte bezahlt, bekommt automatisch einen Aufschlag auf die Rechnung.
Nicht, wenn der Service hervorragend war.
Nicht, wenn die Bedienung besonders freundlich war.
Nicht, wenn der Kaffee so gut war, dass man spontan eine Dankesrede halten möchte.
Nein.
Einfach so.
Weil Karte.
Ronald Tramp ist beeindruckt.
Das ist keine Trinkgeldkultur mehr.
Das ist eine Trinkgeld-Infrastrukturmaßnahme.
Früher war Trinkgeld eine freiwillige Anerkennung.
Heute könnte es heißen:
„Hat Ihnen der Service gefallen?“
„Nein.“
„Ausgezeichnet, das Trinkgeld wurde bereits abgebucht.“
Sehr effizient.
Sehr modern.
Fast schon kontaktloses Lob.
Der Wirt verteidigt die Regel mit einem Argument, das fast philosophische Größe besitzt: Viele Gäste würden beim Kartenzahlen schlicht vergessen, Trinkgeld zu geben.
Ronald Tramp versteht das Problem.
Menschen vergessen Dinge.
Schlüssel.
Geburtstage.
Passwörter.
Warum also nicht vorsorglich auch ihre Großzügigkeit automatisieren?
Das wäre doch überhaupt die Lösung für sämtliche gesellschaftlichen Probleme.
Wer beim Friseur vergisst, Danke zu sagen, bekommt automatisch ein Kompliment auf die Rechnung.
Wer im Hotel nicht freundlich genug schaut, zahlt eine Höflichkeitspauschale.
Wer im Restaurant zu wenig lächelt, erhält einen Zuschlag für mangelnde emotionale Beteiligung.
Österreich wäre binnen Wochen das höflichste Land der Welt.
Zwangsläufig.
Das technische Problem ist dabei besonders schön: Am Kartenterminal kann offenbar kein eigener Trinkgeldbetrag eingegeben werden.
Andere Gastronomen würden jetzt vielleicht sagen:
„Dann brauchen wir ein anderes Terminal.“
Dieses Café sagt sinngemäß:
„Dann entscheiden wir eben für euch.“
Das ist Unternehmergeist.
Großartig.
Wo andere Hardwareprobleme lösen, schafft man neue Gebührenmodelle.
Ronald Tramp nennt das Austrian Innovation.
Man stelle sich die Szene vor:
Der Gast bestellt einen Kaffee.
Die Bedienung bringt ihn.
Der Kaffee ist lauwarm.
Der Kuchen trocken.
Der Tisch wackelt.
Die Rechnung kommt.
Der Gast denkt:
„Heute gebe ich lieber kein Trinkgeld.“
Das Kartenlesegerät:
„Doch.“
Herrlich.
Das Gerät kennt den Gast eben besser als der Gast sich selbst.
Vielleicht verfügt das Terminal bereits über künstliche Intelligenz.
„Ich erkenne Unzufriedenheit. Deshalb habe ich das Trinkgeld automatisch erhöht, um die Stimmung im Team zu verbessern.“
Ronald Tramp sieht enormes Potenzial.
Künftig könnte das System noch differenzierter arbeiten.
Service gut?
Aufschlag.
Service mittelmäßig?
Aufschlag.
Service schlecht?
Motivationsaufschlag.
Bedienung hat Kaffee über die Hose geschüttet?
Reinigungs- und Entwicklungszuschlag.
So verliert niemand.
Außer eventuell der Gast.
Natürlich geht es dem Betreiber nach eigener Darstellung um die Mitarbeiter. Und grundsätzlich ist es durchaus sympathisch, wenn Beschäftigte angemessen am Trinkgeld beteiligt werden.
Nur besitzt Trinkgeld traditionell diese völlig verrückte Eigenschaft:
Es ist freiwillig.
Sonst nennt man es Gebühr.
Oder Servicepauschale.
Oder kreatives Preisdesign.
Oder, wenn man Ronald Tramp fragt:
„Überraschung am Kartenleser.“
Das eigentliche Meisterstück besteht jedoch darin, dass der Aufschlag offenbar nur bei Kartenzahlung anfällt.
Bargeld könnte damit plötzlich wieder zum rebellischen Zahlungsmittel werden.
Früher zahlte man bar, weil man Datenschutz mochte.
Heute vielleicht, weil man gerne selbst entscheidet, ob man großzügig ist.
Ronald Tramp erwartet bereits neue Schilder vor österreichischen Cafés:
Karte akzeptiert.
Bargeld willkommen.
Freier Wille gegen Aufpreis.
Die Entwicklung könnte Schule machen.
Supermarkt:
„Kartenzahlung? Vielen Dank. Wir haben automatisch eine Dankbarkeitspauschale hinzugefügt.“
Tankstelle:
„Sie haben erfolgreich bezahlt. Zusätzlich wurden fünf Prozent Motivation für das Personal berechnet.“
Finanzamt:
„Ihre Steuern wurden eingezogen. Trinkgeld haben wir bereits ergänzt.“
Spätestens dann würde vermutlich ganz Österreich wieder Bargeld lieben.
Ronald Tramp zieht deshalb ein klares Fazit:
Trinkgeld ist eine Anerkennung für guten Service.
Wenn es automatisch kommt, bevor der Gast überhaupt entschieden hat, ob er zufrieden war, ist es keine Anerkennung mehr.
Dann ist es eine kleine Rechnung mit Persönlichkeit.
Und das Kartenlesegerät ist plötzlich der großzügigste Mensch im ganzen Café.
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