7, 10 oder gleich 20 Prozent? Moderne Kartenterminals machen aus dem Trinkgeld eine kleine Gewissensprüfung. Ronald Tramp kämpft für den sichtbaren Null-Prozent-Knopf.
Von Ronald Tramp – dem einzigen Reporter, der beim Bezahlen erst das Trinkgeld und dann seinen Blutdruck berechnet
Meine lieben Restaurantbesucher, Kartenzahler und Menschen, die eigentlich nur eine Pizza wollten und plötzlich in einer psychologischen Prüfung sitzen!
Es gibt eine neue Macht in deutschen Restaurants.
Nicht der Kellner.
Nicht der Koch.
Nicht einmal der Gast.
Es ist das Kartenterminal.
Früher war Trinkgeld einfach. Die Rechnung betrug 46,30 Euro, man sagte: „Machen Sie 50“, fühlte sich großzügig und ging nach Hause.
Heute hält man Ihnen ein kleines Gerät hin.
Darauf steht sinngemäß:
7 Prozent. 10 Prozent. 20 Prozent. Oder möchten Sie öffentlich erklären, warum Sie offenbar ein schlechter Mensch sind?
Fantastisch!
Das Terminal wird zum moralischen Lügendetektor.
Und natürlich steht hinter einem der Kellner.
Er schaut wahrscheinlich gar nicht hin.
Aber Sie glauben, dass er hinschaut.
Und plötzlich beginnt das große Trinkgeld-Pokerturnier.
Sie wollten eigentlich zwei Euro geben.
Das Gerät bietet aber 10 Prozent an.
Sie rechnen.
Sie schwitzen.
Sie hören innerlich bereits eine Stimme:
„Nur sieben Prozent? War der Service wirklich SO schlecht?“
Das ist kein Bezahlen mehr.
Das ist eine mündliche Prüfung mit Kreditkarte.
Wo ist eigentlich der Null-Prozent-Knopf?
Verbraucherschützer kritisieren deshalb, dass die Möglichkeit „Kein Trinkgeld“ teilweise weniger auffällig dargestellt werde als die schönen großen Prozentfelder.
Sehr clever.
20 Prozent:
RIESIGER BUTTON.
10 Prozent:
NOCH IMMER SEHR GUT SICHTBAR.
Kein Trinkgeld:
Vielleicht irgendwo unten rechts zwischen Akkustand und Seriennummer.
Man braucht praktisch einen Archäologen.
„Moment, ich weiß, dass hier irgendwo die Null sein muss.“
Dann kommt vielleicht noch:
„Benutzerdefiniert.“
Großartig.
Benutzerdefiniert klingt nicht nach Trinkgeld.
Benutzerdefiniert klingt nach einem Menüpunkt, bei dem man versehentlich die Firmware des Terminals löscht.
Niemand möchte beim Bezahlen eines Schnitzels „benutzerdefiniert“ drücken.
Das digitale schlechte Gewissen
Mehr als die Hälfte der Befragten fühlt sich laut Umfrage durch auffällig dargestellte Trinkgeldoptionen zumindest tendenziell gedrängt.
Natürlich!
Menschen sind leicht beeinflussbar.
Stellen Sie drei Knöpfe hin:
7 % – 10 % – 20 %
und irgendwo einen winzigen:
Nein danke
Dann denkt das Gehirn automatisch:
„Offenbar beginnt ein anständiger Mensch bei sieben.“
Ich kenne solche Tricks.
Sehr starke Tricks.
Man nennt sie auch Dark Patterns.
Im Internet gibt es sie überall.
„Möchten Sie unseren Newsletter?“
JA, ICH WILL GLÜCKLICH SEIN
oder
Nein, ich hasse Informationen.
Und jetzt kommt dieselbe Philosophie zum Abendessen.
„Möchten Sie Trinkgeld geben?“
20 Prozent – Ich liebe Menschen
10 Prozent – Ich bin okay
7 Prozent – Ich arbeite an mir
0 Prozent – Bitte melden Sie mich der Gesellschaft
Die Gastronomie sagt: Alles freiwillig
Die Gastronomiebranche weist völlig zu Recht darauf hin, dass Trinkgeld freiwillig bleibt.
Natürlich.
Niemand wird festgehalten.
Niemand kommt mit einem Inkassobüro an den Tisch.
Noch nicht.
Aber freiwillig kann sich sehr unterschiedlich anfühlen.
Wenn ein Kellner freundlich sagt:
„Trinkgeld ist natürlich freiwillig“,
während das Terminal leuchtet wie ein Spielautomaten-Casino in Las Vegas, ist die Situation psychologisch möglicherweise nicht ganz neutral.
Besonders lustig wird es beim Selbstbedienungsladen.
Man bestellt am Tresen.
Man trägt sein Essen selbst.
Man holt das Besteck selbst.
Man räumt eventuell sogar sein Tablett weg.
Und dann fragt das Terminal:
„20 Prozent Trinkgeld?“
Für wen?
Für mich?
Ich habe doch gerade die Hälfte der Arbeit selbst erledigt!
Vielleicht sollte das Terminal MIR Trinkgeld geben.
„Vielen Dank, Ronald. Sie haben Ihr Getränk selbst zum Tisch gebracht. Hier sind 2,40 Euro.“
Das wäre Innovation.
Ronald Tramps revolutionäres Terminal
Ich habe deshalb ein neues Bezahlsystem entwickelt.
Es hat vier gleich große Knöpfe:
0 Prozent
5 Prozent
10 Prozent
Eigener Betrag
Alle gleich groß.
Alle gleich sichtbar.
Keine Farben.
Keine psychologische Kriegsführung.
Und darunter steht:
„Entscheiden Sie selbst. Wir sind ein Restaurant, kein Verhörzentrum.“
Sehr gutes System.
Vielleicht das beste System.
Denn Trinkgeld funktioniert nur dann wirklich als Wertschätzung, wenn es freiwillig ist.
Wenn der Gast fünf Sekunden lang das Gefühl bekommt, gerade über seinen moralischen Charakter abstimmen zu müssen, ist es kein Dankeschön mehr.
Dann ist es digitales Sozialroulette.
Und irgendwann werden die Terminals noch ehrlicher.
10 Prozent – Danke
15 Prozent – Sehr großzügig
20 Prozent – Ehrenbürger
0 Prozent – Der Kellner wird sich erinnern
Ich sage:
Lasst die Menschen essen.
Lasst sie bezahlen.
Lasst sie Trinkgeld geben, wenn sie wollen.
Und vor allem:
Macht den verdammten Null-Prozent-Knopf sichtbar.

