Rechte, Protestwähler oder politische Lemminge? Ich untersuche, warum die AfD so unterschiedliche Menschen erreicht – und warum einfache Antworten auf komplizierte Fragen offenbar hervorragend funktionieren.
Meine Damen und Herren, ich beschäftige mich seit Tagen mit einer der großen politischen Fragen unserer Zeit:
Wer wählt eigentlich AfD?
Sind das alles Rechte?
Protestwähler?
Oder politische Lemminge, die sehen, wie vorne jemand über die Klippe läuft, und sagen:
„Interessant. Da muss etwas dran sein.“
Ich habe geforscht. Gewaltig geforscht. Mehr Forschung als manche Leute betreiben, bevor sie im Fernsehen eine Zahl nennen.
Und mein Ergebnis lautet:
Leider ist es kompliziert.
Ich weiß. Furchtbar.
Kompliziert ist der natürliche Feind jeder politischen Talkshow.
Natürlich sind nicht sämtliche AfD-Wähler überzeugte Rechtsextreme. Wer das behauptet, macht es sich ungefähr so einfach wie die AfD selbst bei Migration, Klima und Europa.
Aber es gibt überzeugte Rechtsaußen-Wähler.
Es gibt Menschen, die aus Protest AfD wählen.
Es gibt Leute, die sagen:
„Denen da oben zeige ich es jetzt!“
Das ist politisch ungefähr so, als würde man aus Protest gegen schlechtes Essen das Restaurant anzünden und anschließend feststellen:
„Verdammt. Jetzt gibt es überhaupt kein Abendessen mehr.“
Dann gibt es die berühmten Protestwähler.
Großartige Menschen.
Sie erklären:
„Ich bin gar nicht rechts. Ich wähle die nur aus Protest.“
Interessant.
Wenn ich aus Protest gegen meinen Klempner einen Elefanten ins Badezimmer stelle, bin ich schließlich auch kein Elefantenfreund.
Ich protestiere nur.
Und dann existiert noch die Kategorie, die mich besonders fasziniert:
Menschen, denen man zehnmal erklärt, dass bestimmte Behauptungen falsch, verkürzt oder unbelegt sind – und die beim elften Mal sagen:
„Ja, aber irgendwas wird schon dran sein.“
Das ist das politische Lemming-Prinzip.
Einer ruft:
„Deutschland geht unter!“
Der nächste:
„Euro weg!“
Der dritte:
„Grenzen dicht!“
Und hinten fragt niemand mehr:
„Moment – wohin laufen wir eigentlich?“
Nein.
Weiter!
Entschlossenheit sieht schließlich immer beeindruckend aus, solange die Klippe noch 200 Meter entfernt ist.
Aber die eigentliche Frage lautet nicht, ob AfD-Wähler „dumm“ sind.
Das wäre billig.
Die viel spannendere Frage lautet:
Warum funktioniert Vereinfachung so verdammt gut?
Weil „Das ist kompliziert“ keine gute Parole ist.
„Grenzen zu!“ passt auf ein Plakat.
„Wir benötigen eine europäisch koordinierte migrationspolitische Strategie unter Berücksichtigung humanitärer, wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Faktoren“ eher nicht.
Dafür braucht man ein Wahlplakat in Größe eines Parkhauses.
Populismus verkauft deshalb keine Politik.
Er verkauft politisches Instantpulver.
Problem hineinschütten.
Empörung dazu.
Heißes Wasser drauf.
Umrühren.
Fertig ist die Lösung.
Schmeckt kräftig.
Enthält aber möglicherweise keinerlei Nährwerte.
Sind AfD-Wähler also Rechte?
Manche.
Protestwähler?
Viele sicherlich.
Lemminge?
Sagen wir es freundlicher:
Manche vertrauen dem Vordermann erstaunlich stark, obwohl niemand überprüft hat, ob hinter der nächsten Kurve überhaupt noch ein Weg liegt.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis:
Demokratie braucht keine Wähler, die alles wissen.
Aber sie braucht möglichst viele, die irgendwann fragen:
„Stimmt das eigentlich?“
Denn wer niemals nachfragt, muss sich nicht wundern, wenn er eines Tages feststellt:
Die anderen liefen gar nicht Richtung Zukunft.
Sie suchten nur die nächste Klippe.
Ronald Tramp
Reporter und Leiter des Instituts für politische Herdentriebforschung

