Am Rio Grande stehen bereits steile Klippen. Trotzdem soll eine Mauer her – auf dem Land widerspenstiger Texaner. Ronald Tramp erklärt die Freiheit mit Grundstücksvorbehalt.
Von Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für gigantische Mauern, widerspenstige Grundstücke und die Privatisierung fremden Eigentums zugunsten staatlicher Großartigkeit.
Liebe Leserinnen und Leser, am Rio Grande stehen steile Kalksteinklippen. Gewaltige Klippen. Die Natur hat dort eine Grenze errichtet, ohne Ausschreibung, ohne Pressekonferenz und ohne einen einzigen goldenen Aufzug. Ein schwerer Fehler. Niemand wusste, wem man dafür applaudieren sollte.
Nun sollen texanische Grundstückseigentümer Land für Trumps Mauer abtreten. Auch dort, wo bereits Felswände aufragen, die kaum jemand überwindet. Manche Eigentümer verweigern die Vermessung und wollen bis zur drohenden Enteignung kämpfen. Ich verstehe das. Wer jahrzehntelang auf sein Grundstück schaut, gewöhnt sich irgendwann an den extravaganten Gedanken, dass es ihm gehört.
Aber Leute, wir brauchen diese Mauer. Die größte. Die schönste. Eine Mauer vor der natürlichen Mauer. Endlich bekommt der Kalkstein einen Vorgesetzten.
Ich würde zunächst die Klippen vermessen lassen. Vielleicht sind sie hoch genug, aber politisch unzuverlässig. Haben sie jemals öffentlich ihre Unterstützung erklärt? Eben. Sie stehen einfach herum. Seit Ewigkeiten. Kein Wahlkampfbeitrag, keine rote Kappe, keinerlei erkennbare Dankbarkeit.
In meiner Vorstellung erscheint deshalb ein Regierungsbeamter am Felsen und fragt: „Sind Sie bereit, sich in das nationale Sicherheitskonzept einzugliedern?“ Der Felsen schweigt. Sofort wird ein Vermerk angelegt: Kalkstein verweigert Kooperation. Möglicherweise radikal sedimentiert.
Die Grundstücksbesitzer sind ebenfalls schwierig. Sie lassen die Vermesser nicht aufs Gelände. Dabei wollen die doch nur ganz harmlos feststellen, welcher Teil des Eigentums anschließend nicht mehr dem Eigentümer gehören soll. Wirklich unangenehm, wenn Bürger schon beim Vorbereitungsschritt das Endergebnis erkennen.
Besonders elegant finde ich den philosophischen Teil. Privateigentum ist heilig. Absolut heilig. Bis jemand darauf eine Mauer bauen möchte, die auf Fernsehbildern hervorragend aussieht. Dann wird aus dem heiligen Privateigentum plötzlich eine bedauerliche Verzögerung im Bauablauf.
Das ist Freiheit mit Grundstücksvorbehalt.
Ich sehe die künftige Bürgerversammlung schon vor mir. Ein Texaner hebt die Hand: „Ich dachte, die Regierung soll sich aus meinem Leben heraushalten.“ Der Projektleiter lächelt beruhigend: „Tut sie auch. Wir halten uns ausschließlich in Ihrem Garten auf.“
Ein anderer fragt, weshalb hinter einer kaum überwindbaren Klippe zusätzlich eine Mauer nötig sei. Eine sehr gefährliche Frage. Technisch. Sachlich. Völlig ungeeignet für eine Veranstaltung, auf der eigentlich nur festgestellt werden sollte, wie großartig alles wird.
Natürlich könnte man erklären, dass die Mauer die Klippe vor unerlaubtem Grenzübertritt schützt. Schließlich weiß niemand, was diese Felsen nachts treiben. Heute stehen sie noch am Rio Grande. Morgen wandern sie womöglich ab und arbeiten ohne Genehmigung als Küchenarbeitsplatte.
Und denken Sie an die Sicherheit der Mauer selbst! Sobald sie fertig ist, braucht sie wahrscheinlich eine weitere Mauer. Niemand möchte, dass unbefugte Personen an die erste gelangen. Dahinter kommt ein Schutzzaun für die zweite. Dann eine Zufahrtsstraße für die Zaunkontrolle. Irgendwann ist Texas vollständig abgesichert, allerdings gibt es keinen Platz mehr für Texaner.
Die bekommen selbstverständlich Besucherausweise.
Ich würde den Betroffenen einen großartigen Kompromiss anbieten: Sie dürfen ihr Land behalten. Auf einer gerahmten Luftaufnahme. Das Original wird für die Freiheit benötigt. Dazu erhalten sie eine Urkunde, auf der steht, wie freiwillig die unfreiwillige Mitwirkung war.
Doch die Eigentümer wollen kämpfen. Bis zur Enteignung. Hartnäckige Leute. Unglaublich. Offenbar haben sie die Sache mit dem amerikanischen Traum wörtlich genommen und tatsächlich ein eigenes Stück Land erworben.
Jetzt erleben sie die aktualisierte Fassung: Du kannst in Amerika alles besitzen – bis der Präsident einen Zaun darum haben möchte.

