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Ronald Tramp
Macht Meinung wieder Gross!

Das Sitzenbleiber-Paradox: Berlin gewinnt, Bayern wiederholt

Grafik: Warum Berlin plötzlich Bildungsweltmeister sein soll

148.100 Schüler wiederholen ein Schuljahr. Doch während Bayern die Sitzenbleiber-Tabelle anführt, verblüfft Berlin mit Bestwerten. Ronald Tramp ermittelt.

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Ronald Tramp untersucht das größte Bildungsrätsel seit der Erfindung der Hausaufgaben.

Freunde, Bildungsforscher, Eltern und Menschen, die schon einmal versucht haben, einem Jugendlichen den Satz des Pythagoras zu erklären:

Deutschland steht vor einem Rätsel.

Einem gewaltigen Rätsel.

Einem Rätsel, das vermutlich sogar Sherlock Holmes, Albert Einstein und den Hausmeister einer Gesamtschule gleichzeitig überfordern würde.

Die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen:

148.100 Schülerinnen und Schüler haben im Schuljahr 2024/2025 eine Klassenstufe wiederholt.

148.100!

Das ist ungefähr die Einwohnerzahl einer mittelgroßen Stadt.

Oder die Anzahl unbeantworteter E-Mails in einer durchschnittlichen Schulverwaltung.

Oder die Zahl der Eltern, die am Abend vor der Klassenarbeit plötzlich entdecken, dass ihr Kind seit sechs Monaten keine Hausaufgaben gemacht hat.

Die Quote liegt bundesweit bei 2,2 Prozent.

Exakt wie im Vorjahr.

Eine beeindruckende Konstanz.

In einer Welt, in der sich täglich alles verändert, bleiben wenigstens die Sitzenbleiber stabil.

Verlässlichkeit hat eben noch einen Wert.

Doch dann kommt Berlin.

Und plötzlich wird alles seltsam.

Sehr seltsam.

Fast schon Akte-X-seltsam.

Denn ausgerechnet Berlin weist mit 0,8 Prozent die niedrigste Sitzenbleiberquote Deutschlands auf.

Null Komma acht!

Das ist ungefähr so überraschend, als würde man erfahren, dass der BER plötzlich fünf Jahre zu früh fertig geworden wäre.

Oder dass ein Berliner Behördenformular kürzer als ein Roman ist.

Oder dass ein Drucker beim ersten Versuch funktioniert.

Berlin!

Jenes Berlin, das regelmäßig Schlagzeilen produziert, bei denen selbst Drehbuchautoren sagen:

„Das wäre jetzt doch etwas unrealistisch.“

Ausgerechnet dort bleiben die wenigsten Schüler sitzen.

Ich begann sofort mit meinen Recherchen.

Und was ich herausfand, erschüttert die Bildungsrepublik.

Denn offenbar gibt es zwei mögliche Erklärungen.

Theorie Nummer eins:

Die Berliner Schüler sind heimlich die klügsten Menschen Deutschlands.

Während andere Kinder Vokabeln lernen, entwickeln Berliner Grundschüler bereits Quantencomputer aus alten Joghurtbechern.

Achtklässler lösen Differentialgleichungen während der Frühstückspause.

Neuntklässler diskutieren in der U-Bahn über makroökonomische Zusammenhänge.

Leistungskurse analysieren nebenbei die globale Geopolitik.

Eine faszinierende Theorie.

Die Wahrscheinlichkeit wird von Experten allerdings ungefähr auf die gleiche Höhe geschätzt wie die Entdeckung von Einhörnern auf dem Alexanderplatz.

Bleibt also Theorie Nummer zwei.

Die Regeln sind unterschiedlich.

Und plötzlich wird die Sache deutlich weniger mysteriös.

Denn die Bundesländer besitzen unterschiedliche Versetzungsregelungen.

Mit anderen Worten:

Ein Schüler kann in einem Bundesland sitzenbleiben.

Im Nachbarbundesland hingegen bekommt er möglicherweise eine zweite Chance.

Oder eine dritte.

Oder eine pädagogisch optimierte vierte.

Oder einen Motivationsbrief.

Oder ein Gespräch.

Oder einen Workshop.

Oder einen Workshop zur Vorbereitung des Workshops.

In Bayern hingegen scheint man das Thema traditioneller zu betrachten.

Dort liegt die Sitzenbleiberquote bei stolzen 3,4 Prozent.

Bayern führt damit die nationale Tabelle an.

Andere Bundesländer sammeln Fußballmeisterschaften.

Bayern sammelt Wiederholungen.

Man stelle sich die Situation vor.

Ein Schüler bekommt sein Zeugnis.

Er schaut hinein.

Dann schaut er noch einmal hinein.

Dann fragt er vorsichtig:

„Ist das schlecht?“

Die Antwort lautet:

„Wir sehen uns nächstes Jahr wieder.“

Bayern versteht offenbar noch etwas von Tradition.

Wenn Wiederholung, dann richtig.

Wenn Nachsitzen, dann mit Alpenpanorama.

Wenn Klassenstufe wiederholen, dann gründlich.

Währenddessen diskutieren Bildungsforscher darüber, ob Sitzenbleiben überhaupt sinnvoll ist.

Manche sagen:

Ja.

Andere sagen:

Nein.

Wieder andere sagen:

Kommt darauf an.

Und genau dort endet normalerweise jede deutsche Bildungsdebatte.

Denn „Kommt darauf an“ ist die offizielle Landessprache deutscher Expertengremien.

Besonders faszinierend finde ich allerdings die freiwilligen Wiederholer.

Freiwillig!

Das Wort allein klingt bereits wie Satire.

Man stelle sich vor:

„Möchtest du das Schuljahr noch einmal machen?“

„Ja bitte! Das war so schön!“

„Noch einmal dieselben Arbeiten?“

„Unbedingt!“

„Noch einmal dieselben Referate?“

„Ein Traum!“

Die Vorstellung wirkt ungefähr so glaubwürdig wie Menschen, die freiwillig die Hotline ihres Internetanbieters anrufen, weil ihnen langweilig ist.

Doch tatsächlich gibt es diese Fälle.

Wahrscheinlich handelt es sich um dieselben Menschen, die Steuererklärungen als Hobby betrachten.

Die eigentliche Erkenntnis dieser Statistik lautet jedoch:

Deutschland bleibt Deutschland.

Jedes Bundesland besitzt eigene Regeln.

Eigene Traditionen.

Eigene Bildungsphilosophien.

Und vermutlich eigene Definitionen des Wortes „Versetzung“.

In Bayern heißt es:

„Leistung zählt.“

In Berlin heißt es vielleicht:

„Wir finden eine Lösung.“

In anderen Ländern lautet die Devise:

„Mal sehen.“

Und irgendwo zwischen all diesen Konzepten sitzen 148.100 Schülerinnen und Schüler und fragen sich gerade:

„Hätte ich vielleicht doch lernen sollen?“

Die Antwort darauf kennen Lehrer, Eltern und Mathematikarbeiten seit Jahrzehnten.

Ja.

Vermutlich schon.

Doch wenigstens liefert diese Statistik eine wunderbare Erkenntnis:

Während Politiker, Experten und Ministerien über Bildung diskutieren, bleibt eine Sache konstant.

Die Schüler hoffen aufs Weiterkommen.

Die Lehrer hoffen auf Konzentration.

Und Ronald Tramp hofft weiterhin auf den Tag, an dem eine Bildungsstatistik nicht mehr überraschend ist.

Bis dahin dürfte allerdings eher der BER einen Nobelpreis gewinnen.

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