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Ronald Tramp
Macht Meinung wieder Gross!

Der große Beleidigungs-TÜV: Pinocchio erlaubt, Lügenfritz verboten

Grafik: Pinocchio erlaubt – Lügenfritz wird teuer

Ein Gericht erklärt „Lügenfritz“ für strafbar, während „Pinocchio“ noch unter Meinungsfreiheit fällt. Ronald Tramp analysiert Deutschlands kurioseste Wortkunde.

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Ronald Tramp berichtet aus dem Hochsicherheitslabor für politische Spitznamen

Liebe Freunde,

Deutschland hat wieder einmal bewiesen, dass es die wirklich wichtigen Fragen unserer Zeit nicht aus den Augen verliert.

Während anderswo Kriege, Wirtschaftskrisen, Migration, Energiepreise und künstliche Intelligenz die Schlagzeilen beherrschen, beschäftigt sich die deutsche Republik mit einer viel grundlegenderen Frage:

Ab wann darf man einen Politiker eigentlich nicht mehr "Lügenfritz" nennen?

Eine historische Debatte.

Eine gewaltige Debatte.

Vielleicht die größte Debatte seit der Erfindung des Faxgeräts.

Das zuständige Gericht hat nun offenbar entschieden: Bei "Lügenfritz" hört der Spaß auf.

"Pinocchio" hingegen geht noch.

Zumindest vorerst.

"Lackaffe" wiederum scheint sich ebenfalls in juristisch schwierigem Gelände zu bewegen.

Ich sage Ihnen: Das deutsche Rechtssystem entwickelt sich langsam zu einer Mischung aus Märchenlexikon, Grundschulpausenhof und Germanistik-Seminar.

Juristen sitzen mittlerweile vermutlich mit dicken Wörterbüchern in fensterlosen Räumen und diskutieren ernsthaft:

"Wie beleidigend ist ein Lackaffe im Vergleich zu einem Pinocchio?"

"Welche Kränkungsskala gilt für Lügenfritze?"

"Kann ein Hampelmann schwerer wiegen als ein Dummkopf?"

"Wo befindet sich der Esel auf der verfassungsrechtlichen Ehrverletzungsachse?"

Fragen über Fragen.

Die Menschheit wartet auf Antworten.

Auslöser war ein Besuch von Friedrich Merz, bei dem sich unter einem Facebook-Beitrag zahlreiche Kommentare sammelten.

Und wie immer, wenn sich Deutsche im Internet treffen, entstanden innerhalb weniger Minuten nicht etwa philosophische Debatten über die Zukunft Europas.

Nein.

Es entstand das digitale Äquivalent einer Kneipendiskussion um halb zwei nachts.

Die Staatsanwaltschaft prüfte daraufhin zahlreiche Kommentare.

Das Ergebnis liest sich heute wie die Hausordnung eines sehr seltsamen Zoos.

"Lügenfritz"?

Strafbar.

"Lackaffe"?

Möglicherweise ebenfalls.

"Pinocchio"?

Völlig in Ordnung.

Man stelle sich die zukünftige Kommunikation vor.

Politische Diskussionen könnten bald so ablaufen:

"Entschuldigen Sie bitte, Herr Politiker. Ich halte Ihre Aussagen für sachlich fragwürdig und sehe gewisse Parallelen zu einer bekannten Holzfigur aus der italienischen Kinderliteratur."

Antwort:

"Vielen Dank. Das ist von der Meinungsfreiheit gedeckt."

Oder:

"Sehr geehrter Herr Politiker, ich halte Sie für einen Lügenfritz."

Antwort:

"Sie hören von meinem Anwalt."

Die Grenze zwischen Freiheit und Strafbefehl scheint mittlerweile ungefähr dort zu verlaufen, wo die Nase von Pinocchio endet.

Jurastudenten im ganzen Land dürften begeistert sein.

Früher mussten sie sich mit langweiligen Themen wie Vertragsrecht oder Eigentum beschäftigen.

Heute können sie endlich praxisnah erforschen, welche Fantasiefiguren grundgesetzkonform sind.

Es fehlt eigentlich nur noch eine offizielle Liste.

Ein bundesweites Register politischer Spitznamen.

Grüne Kategorie – erlaubt:

  • Pinocchio
  • Märchenonkel
  • Baron Münchhausen
  • Meister der alternativen Realität

Gelbe Kategorie – Vorsicht:

  • Clown
  • Hampelmann
  • Dampfplauderer

Rote Kategorie – besser nicht:

  • Lügenfritz
  • Lackaffe
  • Alles, was nach Schulhof klingt

Vielleicht könnte das Innenministerium sogar eine Smartphone-App entwickeln.

Sie geben eine geplante Beleidigung ein.

Die App analysiert den Begriff.

Dann erscheint ein Ampelsystem.

Grün:

"Beleidigung zulässig. Viel Spaß."

Gelb:

"Bitte vorsichtig formulieren."

Rot:

"Wir empfehlen stattdessen Pinocchio."

Deutschland wäre endlich digitalisiert.

Zumindest ein bisschen.

Besonders faszinierend ist die Begründung.

Beim Begriff "Pinocchio" erkannte man eine zulässige Machtkritik.

Bei anderen Begriffen hingegen stand die Ehrverletzung im Vordergrund.

Mit anderen Worten:

Wenn man jemanden mit einer berühmten literarischen Figur vergleicht, deren Nase beim Flunkern wächst, handelt es sich um demokratische Debattenkultur.

Wenn man denselben Vorwurf in anderer Form ausdrückt, wird es kompliziert.

Man könnte meinen, die Gebrüder Grimm hätten heimlich das Strafgesetzbuch geschrieben.

Natürlich steckt hinter all dem ein ernsthafter Gedanke.

Politiker sollen geschützt werden.

Bedrohungen, Hass und gezielte Einschüchterungen haben in einer Demokratie keinen Platz.

Das ist richtig.

Aber Deutschland schafft es wieder einmal, selbst die nüchternste Rechtsfrage in eine Komödie mit Nebenrollen von Pinocchio, Lackaffen und Lügenfritzen zu verwandeln.

Irgendwo sitzt vermutlich gerade ein deutscher Kabarettist vor seinem Schreibtisch.

Vor ihm liegen das Grundgesetz, ein Märchenbuch und ein Duden.

Und er fragt sich verzweifelt:

"Darf ich jetzt noch Rotkäppchen sagen?"

Die Antwort wird vermutlich demnächst ein Amtsgericht klären.

Bis dahin bleibt Deutschland ein Land, in dem politische Debatten gelegentlich weniger an das Parlament erinnern als an einen Kindergeburtstag mit juristischer Begleitung.

Und während die Welt gespannt auf die nächste große technologische Revolution wartet, arbeitet die Bundesrepublik unbeirrt an der entscheidenden Frage des 21. Jahrhunderts:

Wann genau wird aus einem Pinocchio ein Lügenfritz?

Die Forschung läuft.

Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten.

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Tags: Deutschland Friedrich Merz Meinungsfreiheit Lügenfritz Pinocchio Lackaffe
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