Ich dachte immer, Staatsbesuche dienen der Völkerverständigung. Javier Milei scheint das Handbuch allerdings rückwärts gelesen zu haben. Statt diplomatischer Höflichkeiten gab es persönliche Beschimpfungen, beleidigte Botschafter und einen Nachbarschaftsstreit, der klang wie eine Kommentarspalte mit Staatsflaggen.
Liebe Leser,
Diplomatie galt früher einmal als hohe Kunst.
Man sprach in sorgfältig formulierten Sätzen.
Man lächelte höflich.
Man schüttelte Hände.
Und wenn man den anderen eigentlich für völlig ungeeignet hielt, formulierte man das ungefähr so:
"Wir nehmen die Position unseres geschätzten Partners mit großem Interesse zur Kenntnis."
Heute scheint das deutlich einfacher zu gehen.
Ein Mikrofon.
Ein Publikum.
Und schon verwandelt sich ein Staatsbesuch in eine Mischung aus Wahlkampfveranstaltung, Boxkampf und Familienfeier nach dem dritten Glas Rotwein.
Willkommen in Südamerika.
Genauer gesagt:
Willkommen bei Javier Milei.
Der argentinische Präsident reiste nach Brasilien.
Man hätte erwarten können, dass er über Handel spricht.
Über Wirtschaft.
Über Zusammenarbeit.
Vielleicht sogar über Fußball.
Doch offensichtlich hatte jemand versehentlich den Ordner "Diplomatie" gelöscht und stattdessen die Datei "Maximale Eskalation.zip" geöffnet.
Vor Publikum bezeichnete Milei den brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva indirekt als Dieb und Verurteilten.
Damit war der Abend allerdings noch nicht vorbei.
Als Nächstes traf es einen Richter des Obersten Gerichts.
Den beschimpfte Milei als "glatzköpfigen Abschaum".
Ich musste kurz überlegen.
Ist das inzwischen die neue außenpolitische Strategie?
Erst Staatsgäste begrüßen.
Dann sämtliche Institutionen des Gastgeberlandes in alphabetischer Reihenfolge beleidigen?
Falls ja, dürfte das Begrüßungsprotokoll künftig deutlich kürzer ausfallen.
Brasilien reagierte wenig begeistert.
Der Botschafter wurde zurückgerufen.
Der argentinische Botschafter wurde einbestellt.
Empörung wurde offiziell übermittelt.
Diplomaten liefen hektisch durch Flure.
Wahrscheinlich auf der verzweifelten Suche nach einem Wörterbuch für internationale Schadensbegrenzung.
Ich stelle mir das Gespräch ungefähr so vor.
"Warum hat Ihr Präsident das gesagt?"
"Welche Aussage genau?"
"Alle."
Selbst der Dolmetscher dürfte irgendwann Überstunden beantragt haben.
Was mich besonders fasziniert:
Früher entstanden diplomatische Krisen wegen Grenzstreitigkeiten.
Wegen Militär.
Wegen Wirtschaft.
Heute genügt offenbar ein Mikrofon und ein ausreichend impulsiver Redner.
Das spart zumindest Reisekosten.
Ich frage mich ohnehin, wann Politiker beschlossen haben, dass Staatsbesuche inzwischen wie Live-Streams funktionieren.
Je provokanter die Aussage, desto größer die Aufmerksamkeit.
Vielleicht gibt es inzwischen sogar geheime Ranglisten.
Wer schafft die meisten diplomatischen Verstimmungen innerhalb von fünf Minuten?
Goldmedaille.
Wer beleidigt gleichzeitig Regierung, Justiz und Bevölkerung?
Bonuspunkte.
Wer schafft zusätzlich eine Sondersitzung des Außenministeriums?
Jackpot.
Brasilien erklärte anschließend, es habe noch nie erlebt, dass ein ausländischer Präsident auf brasilianischem Boden gleich mehrere staatliche Institutionen derart verbal attackiert habe.
Eine bemerkenswerte Formulierung.
Denn sie bedeutet übersetzt ungefähr:
"So etwas mussten selbst wir erst einmal googeln."
Ich sehe bereits zukünftige Lehrbücher für Diplomaten.
Kapitel 1:
"Begrüßung."
Kapitel 2:
"Höfliche Formulierungen."
Kapitel 3:
"Bitte nennen Sie den Präsidenten des Gastgeberlandes nicht öffentlich einen Kriminellen."
Kapitel 4:
"Auch Richter besitzen Gefühle."
Kapitel 5:
"Warum persönliche Beleidigungen selten Handelsabkommen beschleunigen."
Natürlich stellt sich die entscheidende Frage:
Wo endet eigentlich der politische Stil und wo beginnt der politische Stand-up?
Denn manche Auftritte erinnern inzwischen weniger an internationale Gipfeltreffen als an offene Mikrofone in Comedy-Clubs.
Mit dem kleinen Unterschied, dass Comedians nach ihrem Auftritt meistens keine Botschafter zurückrufen.
Ich fragte einen erfahrenen Diplomaten, wie man auf solche Situationen vorbereitet wird.
Er antwortete:
"Gar nicht."
Das glaube ich sofort.
Keine Diplomatenschule der Welt dürfte ein Unterrichtsfach namens:
"Umgang mit Präsidenten im Beleidigungsmodus"
anbieten.
Vielleicht sollte man darüber nachdenken.
Prüfungsaufgabe Nummer eins:
Ein Staatschef bezeichnet Ihren Präsidenten vor laufenden Kameras als Verbrecher.
Wie reagieren Sie?
a) Ruhig bleiben.
b) Den Botschafter einbestellen.
c) Aspirin nehmen.
d) Alles gleichzeitig.
Die richtige Antwort lautet vermutlich:
Ja.
Besonders interessant ist, wie schnell aus einzelnen Worten internationale Schlagzeilen entstehen.
Früher brauchte es wochenlange Verhandlungen.
Heute reichen wenige Sekunden.
Das Internet verteilt den Rest.
Bevor der Redner die Bühne verlassen hat, diskutiert bereits die halbe Welt darüber.
Selbst Übersetzungsprogramme geraten ins Schwitzen.
Denn sie müssen nicht nur Sprache übertragen.
Sondern auch den passenden Empörungsgrad.
Ich frage mich manchmal, ob künstliche Intelligenz künftig diplomatische Reden schreiben sollte.
Sie würde vermutlich beginnen mit:
"Sehr geehrte Damen und Herren..."
Und spätestens beim Satz:
"Bitte verzichten Sie auf spontane persönliche Beschimpfungen"
eine Fehlermeldung ausgeben.
"Diese Funktion wird von menschlichen Politikern derzeit nicht unterstützt."
Ich verließ schließlich den diplomatischen Krisenschauplatz mit gemischten Gefühlen.
Auf der einen Seite beeindruckt mich, wie schnell Worte internationale Wirkung entfalten können.
Auf der anderen Seite frage ich mich, ob manche Staatsoberhäupter ihre Redemanuskripte inzwischen direkt aus der Kommentarspalte sozialer Netzwerke beziehen.
Denn zwischen außenpolitischer Strategie und öffentlicher Provokation liegt ein gewaltiger Unterschied.
Die erste baut Brücken.
Die zweite produziert Schlagzeilen.
Und Schlagzeilen sind zwar laut.
Sie ersetzen aber weder Vertrauen noch Zusammenarbeit.
So blieb am Ende vor allem die Erkenntnis:
Flugzeuge verbinden Länder.
Handel verbindet Volkswirtschaften.
Diplomatie verbindet Regierungen.
Aber manchmal genügt ein einziges Mikrofon, um all das innerhalb weniger Minuten in einen internationalen Härtetest zu verwandeln.
Ich stieg schließlich in meinen Flieger zurück.
Beim Start dachte ich nur:
Zum Glück müssen Piloten vor dem Abflug noch immer den Tower grüßen – und nicht zuerst das Nachbarland beleidigen.

