Deutschlands Jugend wird zur statistischen Rarität – und ein Teil denkt bereits über Auswanderung nach. Ronald Tramp sucht die letzten jungen Deutschen zwischen Rentensystem, Wohnungsmangel und dem nächsten Flug nach Valencia.
Meine Damen und Herren, liebe Rentner, zukünftige Rentner und die ungefähr zwölf Jugendlichen, die gerade noch nicht nach Spanien, Norwegen oder in die Schweiz ausgewandert sind:
Wir haben ein Problem.
Deutschland gehen die jungen Menschen aus.
Nicht das WLAN. Nicht die Fachkräfte. Nicht die Geduld beim Bürgeramt.
Die Jugend.
Nur noch rund jeder Zehnte in Deutschland gehört zur Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen. Anfang der Achtziger waren es noch 16,7 Prozent.
Ich bin Ronald Tramp, Jugendforscher, Demografieexperte und seit meiner letzten Gesichtspflege statistisch irgendwo zwischen 28 und „bitte zeigen Sie Ihren Ausweis“.
Und ich sage Ihnen:
Ten percent!
Das ist keine Altersgruppe mehr.
Das ist eine Minderheitsbeteiligung.
Wenn das so weitergeht, steht 2040 am Ortseingang:
„Deutschland – Jugend möglicherweise noch vorhanden.“
Früher gab es Jugendliche einfach überall
Die Babyboomer hatten es gut.
Jugendliche waren damals Massenware.
Bushaltestellen voll.
Schulhöfe voll.
Diskotheken voll.
Jugendzimmer voll mit Postern, Kassetten und Dingen, deren Geruch Eltern lieber nicht identifizieren wollten.
Heute entdeckt man einen 19-Jährigen in manchen deutschen Innenstädten und sofort kommt das Statistische Bundesamt angerannt:
„NICHT BEWEGEN! WIR MÜSSEN SIE ZÄHLEN!“
Der Jugendliche:
„Bro, ich wollte nur einen Döner.“
„SELTENES EXEMPLAR!“
Zwei Demografieforscher machen Fotos.
Ein Mitarbeiter des Rentenversicherungssystems flüstert:
„Bitte geh nicht weg. Wir brauchen dich.“
Deutschland wird zum Seniorenresort mit Autobahnanschluss
Die demografische Entwicklung eröffnet völlig neue Möglichkeiten.
Deutschland könnte sich neu vermarkten.
Nicht mehr:
Land der Dichter und Denker.
Sondern:
Land der Dichter, Denker und orthopädischen Sitzkissen.
Fußgängerzonen bekommen flächendeckend Sitzbänke.
Ampelphasen werden verlängert.
Techno-Clubs öffnen um 15 Uhr und schließen um 20:30 Uhr.
Statt Happy Hour gibt es:
Early-Bird-Kaffee mit Apfelkuchen.
Und wenn tatsächlich einmal Jugendliche auftauchen, bleiben alle stehen.
„Schau mal, Herbert!“
„Was denn?“
„TikTok-Menschen!“
„In freier Wildbahn?“
„Ja!“
Fantastisch.
Das Rentensystem bekommt leichte Nervosität
Besonders begeistert dürfte natürlich die Rentenversicherung sein.
Unser System funktioniert vereinfacht nach einem wunderbaren Konzept:
Die Jungen bezahlen für die Alten.
Wenn aber immer weniger Junge immer mehr Ältere finanzieren sollen, entwickelt sich irgendwann ein interessantes mathematisches Experiment.
Rentner:
„Meine Rente ist sicher?“
Jugendlicher:
„Moment, ich rechne.“
Rentner:
„Und?“
Jugendlicher:
„Ich wandere nach Valencia aus.“
Das ist schlecht.
Sehr schlecht.
Nicht für Valencia.
Valencia sagt:
Bienvenido!
Deutschland sagt:
„Moment! Du solltest doch unsere Sozialversicherung stabilisieren!“
Die Jugend hat offenbar einen Fluchtplan
Besonders interessant: Ein Teil der jungen Befragten denkt über Auswanderung nach, manche offenbar bereits ziemlich konkret.
Und die Wunschziele klingen wie das Reiseprogramm eines sehr ambitionierten Busunternehmens:
Schweiz.
Spanien.
Norwegen.
Andere Länder.
Deutschland hat also nicht nur wenig Jugend.
Ein Teil dieser Jugend steht möglicherweise schon am Gate.
Das ist demografisch ungefähr so günstig, als hätte man nur noch zehn Bier im Kühlschrank und acht davon sagen:
„Wir ziehen nach Barcelona.“
Die Schweiz: Deutschland mit funktionierender Luxusuhr
Ein genanntes Ziel ist die Schweiz.
Ruhiger.
Sicher.
Hoher Lebensstandard.
Gute Bildung.
Natürlich teuer.
Sehr teuer.
In der Schweiz kostet vermutlich schon der Blick auf eine Wohnung 14 Franken.
Aber dafür funktioniert vieles.
Deutsche Jugendliche kommen dort an und erleben einen Kulturschock:
Der Zug fährt.
Pünktlich.
Der Deutsche steht am Bahnsteig:
„Entschuldigung, wann kommt die Ersatzgarnitur?“
Schweizer:
„Welche Ersatzgarnitur?“
„Na, wegen der Verspätung.“
„Welche Verspätung?“
Und plötzlich versteht der Deutsche die Welt nicht mehr.
Spanien: Meer statt Mietspiegel
Dann Spanien.
Valencia.
Sonne.
Meer.
Lockerere Atmosphäre.
Für einen jungen Deutschen klingt das natürlich attraktiv.
Deutschland:
„Hier ist deine Zukunft.“
Jugendlicher:
„Cool.“
Deutschland:
„Zuerst Ausbildung, Studium oder beides.“
„Okay.“
„Dann 47 Formulare.“
„Okay.“
„Wohnung kostet 1.400 Euro.“
„Was?“
„Aber ohne Küche.“
„Warum?“
„Deutschland.“
Valencia:
„Meer?“
Jugendlicher:
„Wann geht der Flug?“
So verliert man Generationen.
Nicht durch feindliche Propaganda.
Durch Immobilienportale.
Norwegen: glücklich, kalt, aber offenbar freundlich
Auch Norwegen wird genannt.
Ein glückliches Land.
Positive Menschen.
Viel Natur.
Fantastische Landschaft.
Allerdings dunkel.
Sehr dunkel.
Im Winter geht morgens die Sonne auf und ungefähr beim zweiten Kaffee wieder unter.
Aber möglicherweise sagt sich die deutsche Jugend:
„Lieber sechs Monate Dunkelheit als sechs Monate Wohnungssuche.“
Kann man argumentieren.
Und dann ist da dieser unglaubliche Druck
Hinter den Auswanderungsgedanken steckt allerdings mehr als Sonne und günstigeres Wohnen.
Viele junge Menschen erleben Zukunftsängste, berufliche Unsicherheit, hohe Lebenshaltungskosten und starken Leistungsdruck.
Das ist der Teil, bei dem Ronald kurz seine goldene Satirebrille absetzt.
Denn wenn eine Generation den Eindruck gewinnt, dass trotz Ausbildung, Studium und Arbeit ein eigenständiges Leben immer schwerer erreichbar wird, sollte man das ernst nehmen.
Eine Gesellschaft kann jungen Menschen nicht permanent sagen:
„Ihr seid unsere Zukunft!“
… und anschließend ergänzen:
„Eine eigene Wohnung allerdings eher nicht.“
Das passt nicht.
Deutschland sucht Fachkräfte – und übersieht die eigenen
Besonders komisch wird es beim Fachkräftemangel.
Deutschland:
„WIR BRAUCHEN DRINGEND JUNGE FACHKRÄFTE!“
Jugendliche:
„Hallo.“
Deutschland:
„Nicht jetzt, wir diskutieren gerade über den Fachkräftemangel.“
„Aber wir wären—“
„Ruhe! Das ist ein ernstes Problem.“
Dann wandern einige aus.
Deutschland:
„Wo sind denn plötzlich alle hin?“
Das ist strategische Personalpolitik wie in einem Restaurant, das Gäste ignoriert und anschließend über leere Tische klagt.
Ronalds Jugend-Rückholprogramm
Ich habe deshalb einen Plan.
MAKE GERMANY YOUNG AGAIN.
Punkt eins:
Bezahlbare Wohnungen.
Radikal, ich weiß.
Punkt zwei:
Ausbildungs- und Studienwege, bei denen junge Menschen nicht das Gefühl haben, sie müssten mit 19 bereits einen vollständigen Lebenslauf bis zur Rente geplant haben.
Punkt drei:
Digitalisierung.
Ein 18-Jähriger sollte einen Behördengang erledigen können, ohne vorher einen Drucker kaufen zu müssen.
Punkt vier:
Mehr Optimismus.
Deutschland ist hervorragend darin, jungen Menschen Zukunft zu erklären.
Leider meistens so:
„Klimakrise.“
„Rentensystem.“
„Wohnungsmangel.“
„Fachkräftemangel.“
„Geopolitische Krise.“
„Und jetzt viel Spaß beim Berufsstart!“
Vielleicht sollten wir gelegentlich hinzufügen:
„Es könnte trotzdem ziemlich gut werden.“
Nur eine Idee.
Der letzte Jugendliche Deutschlands
Wenn wir nichts ändern, sehe ich bereits die Zukunft.
Im Jahr 2065 berichtet die Tagesschau:
„Heute wurde in Nordrhein-Westfalen ein 22-Jähriger gesichtet.“
Sofort beginnt eine Großoperation.
Statistiker rücken an.
Unternehmen schicken Recruiter.
Die Rentenversicherung entsendet einen Hubschrauber.
Ein Vermieter bietet ihm ein zwölf Quadratmeter großes Apartment für 2.300 Euro kalt an.
Der junge Mann schaut sich um.
Dann zieht er sein Smartphone heraus.
„Flüge Valencia.“
Und Deutschland ruft:
„NEEEEEIN!“
Zu spät.
Ronalds demografisches Schlusswort
Die Zahl junger Menschen ist kein kurioses statistisches Detail.
Sie entscheidet darüber, wie Deutschland in Zukunft arbeitet, wirtschaftet, Innovation hervorbringt und sein Sozialsystem finanziert.
Wenn junge Menschen gleichzeitig das Gefühl bekommen, anderswo bessere Chancen zu haben, sollte man deshalb nicht beleidigt reagieren.
Man sollte fragen:
Warum?
Vielleicht wollen sie nicht weg von Deutschland.
Vielleicht wollen sie nur irgendwohin, wo Zukunft weniger wie eine Verwaltungsaufgabe klingt.
Ich bin Ronald Tramp und sage:
Wir brauchen unsere Jugend.
Alle zehn Prozent.
Wir sollten sie behandeln wie einen nationalen Schatz.
Nicht wie eine Ressource, die automatisch vorhanden ist.
Denn irgendwann steht Deutschland sonst da:
hervorragende Autobahnen,
wunderschöne Rentenbescheide,
perfekt gepflegte Vorgärten,
aber niemand unter 30 weit und breit.
Und aus Valencia kommt eine Postkarte:
„Viele Grüße. Wohnung bezahlbar. Meer fantastisch.“
Deutschland dreht die Karte um.
Seufzt.
Und fragt:
„Kann der vielleicht wenigstens unsere Rentenbeiträge überweisen?“

