Immer mehr Lehrkräfte sehen das Verhalten ihrer Schülerinnen und Schüler als größte Belastung. Ronald Tramp hat die Lage im Klassenzimmer untersucht – mit erschütternden Ergebnissen.
Ronald Tramp deckt auf, warum Kreide heute weniger gefährlich ist als ein gelangweilter Achtklässler.
Freunde, Pädagogen, Eltern und Menschen, die jemals versucht haben, einem Teenager länger als sieben Sekunden zuzuhören:
Deutschland hat ein Problem.
Ein großes Problem.
Ein sehr großes Problem.
Und nein, diesmal geht es nicht um marode Schulgebäude, kaputte Toiletten oder WLAN-Verbindungen, die langsamer sind als ein Faxgerät auf Klassenfahrt.
Es geht um etwas viel Gefährlicheres.
Schüler.
Zumindest wenn man die neuesten Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers liest.
Fast die Hälfte aller Lehrkräfte sagt inzwischen, dass das Verhalten ihrer Schülerinnen und Schüler die größte Belastung ihres Berufs sei.
46 Prozent!
Vor zwei Jahren waren es noch 35 Prozent.
Das bedeutet mathematisch betrachtet, dass die Schüler entweder deutlich anstrengender geworden sind oder die Lehrer inzwischen mehr Ehrlichkeit im Umgang mit Umfragen entwickelt haben.
Beides ist möglich.
Als investigativer Spitzenreporter habe ich mich sofort auf die Suche nach den Ursachen gemacht.
Und ich kann berichten:
Die Lage ist dramatisch.
In deutschen Klassenzimmern findet inzwischen ein täglicher Überlebenskampf statt.
Nicht zwischen Schülern und Prüfungen.
Nicht zwischen Lehrern und Bürokratie.
Sondern zwischen Aufmerksamkeit und TikTok.
Eine Schlacht, die ungefähr so ausgeglichen ist wie ein Armdrücken zwischen einem Bodybuilder und einer gekochten Spaghetti.
Lehrer betreten morgens den Klassenraum voller Hoffnung.
Sie haben Unterricht vorbereitet.
Arbeitsblätter erstellt.
Lernziele formuliert.
Kompetenzen definiert.
Pädagogische Konzepte entwickelt.
Dann betreten die Schüler den Raum.
Und fragen:
„Kommt das in der Arbeit dran?“
„Wann ist Pause?“
„Warum müssen wir das lernen?“
„Kann ich aufs Klo?“
„Kann ich mein Handy laden?“
„Kann ich wieder aufs Klo?“
Spätestens an diesem Punkt beginnt die mentale Belastung.
Die Umfrage zeigt, dass das Verhalten der Schülerinnen und Schüler mittlerweile auf Platz eins der Belastungsskala steht.
Und das überrascht mich überhaupt nicht.
Denn moderne Schüler besitzen eine bemerkenswerte Fähigkeit.
Sie können gleichzeitig:
- gelangweilt sein,
- überfordert wirken,
- laut sein,
- nichts machen,
- und behaupten, sie hätten viel zu viel Stress.
Das schaffen nicht einmal Spitzenmanager.
Auf Platz zwei der Belastungen landet die sogenannte Heterogenität.
Ein wunderschönes pädagogisches Wort.
Übersetzt bedeutet es:
Ein Schüler löst Gleichungen mit drei Variablen.
Der Nachbar versucht herauszufinden, warum sein Taschenrechner keine Pommes ausdruckt.
Beide sitzen in derselben Klasse.
Beide sollen denselben Unterricht erhalten.
Und beide sind anschließend überzeugt, dass die Lehrkraft schuld ist.
Manche Klassen ähneln inzwischen einer Mischung aus Eliteuniversität, Survival-Show und Zoo-Führung.
Vorne sitzt die zukünftige Nobelpreisträgerin.
Hinten diskutiert jemand mit einem Radiergummi.
Dazwischen versucht eine Lehrkraft verzweifelt, den Lehrplan einzuhalten.
Ein wahres Wunder moderner Pädagogik.
Doch damit nicht genug.
Auf Platz drei folgt die hohe Arbeitsbelastung.
Und hier beginnt die eigentliche Tragödie.
Denn viele Menschen glauben noch immer, Lehrer würden mittags nach Hause fahren und bis zum nächsten Morgen gemütlich Tee trinken.
Diese Menschen glauben vermutlich auch, dass Drucker zuverlässig funktionieren und Behördenformulare freiwillig kurz gehalten werden.
Die Realität sieht anders aus.
Lehrer korrigieren Arbeiten.
Erstellen Unterrichtsmaterial.
Führen Elterngespräche.
Schreiben Berichte.
Dokumentieren alles.
Dokumentieren die Dokumentation.
Und dokumentieren anschließend, dass dokumentiert wurde.
Manche Aktenordner haben inzwischen mehr Bildungsnachweise als die Schülerinnen und Schüler selbst.
Besonders spannend wird es bei Elternabenden.
Dort trifft die Lehrkraft auf Menschen, die fest davon überzeugt sind, dass ihr Kind ein missverstandenes Genie sei.
Selbst wenn es im Unterricht versucht hat, einen Klebestift zu essen.
„Mein Kevin macht so etwas normalerweise nicht.“
Ein Satz, der vermutlich häufiger fällt als das Wort „Hausaufgaben“.
Doch die wahre Revolution findet woanders statt.
Früher wollten Schüler den Unterricht möglichst schnell verlassen.
Heute verlassen viele Schüler ihn mental bereits fünf Minuten nach Unterrichtsbeginn.
Der Körper sitzt noch auf dem Stuhl.
Der Geist befindet sich längst in einem Videospiel, auf TikTok oder irgendwo zwischen Dubai-Schokolade und Katzenvideos.
Lehrkräfte konkurrieren inzwischen nicht mehr mit Langeweile.
Sie konkurrieren mit Algorithmen.
Und Algorithmen haben einen unfairen Vorteil.
Sie geben sofort Belohnungen.
Der Satz „Bitte schlagt Seite 47 auf“ hat dagegen auf Social Media erstaunlich schlechte Klickraten.
Trotzdem leisten die meisten Lehrkräfte jeden Tag Erstaunliches.
Sie vermitteln Wissen.
Sie lösen Konflikte.
Sie motivieren.
Sie trösten.
Sie organisieren.
Und gelegentlich verhindern sie vermutlich auch kleinere Bürgerkriege auf dem Schulhof.
Vielleicht sollte man deshalb künftig die Berufsbezeichnung ändern.
Nicht mehr Lehrkraft.
Sondern:
Pädagogischer Krisenmanager mit Schwerpunkt spontane Schadensbegrenzung.
Denn wer täglich 30 Jugendliche durch Mathematik, Grammatik und Pubertät navigiert, verdient eigentlich eine eigene Gefahrenzulage.
Oder wenigstens einen Orden.
Oder ein unbegrenztes Kaffeekontingent.
Am Ende bleibt festzuhalten:
Die größte Belastung deutscher Lehrer sind laut Umfrage nicht Lehrpläne.
Nicht Prüfungen.
Nicht Bürokratie.
Nicht einmal die Kaffeemaschine im Lehrerzimmer.
Es sind die Schülerinnen und Schüler selbst.
Und irgendwo im Land sitzt gerade ein Achtklässler, liest diese Schlagzeile und fragt:
„Müssen wir das wissen?“
Ja.
Genau deshalb.

