17 von 52 Schülern rasseln durchs Abitur – und eine Abiturientin hält eine Wutrede, die das Internet in Brand setzt. Ronald Tramp reist gedanklich nach Hagenow und deckt auf, warum das deutsche Bildungssystem inzwischen offenbar mit Overheadprojektoren, Fossilien und Kaffeemaschinen aus der Kreidezeit betrieben wird.
Freunde, ich habe in meinem Leben viele Katastrophen gesehen. Ich habe Wahlkämpfe gesehen. Ich habe Pressekonferenzen gesehen. Ich habe Donald Trump dabei beobachtet, wie er erklärte, Windräder würden Wale verwirren. Aber das, was sich in Hagenow abgespielt hat, ist eine ganz neue Kategorie.
Man stelle sich Folgendes vor: Die feierliche Abiturverleihung. Eltern geschniegelt. Lehrer geschniegelt. Der Hausmeister geschniegelt – zumindest so geschniegelt, wie ein Hausmeister eben geschniegelt sein kann. Die Blaskapelle spielt tapfer gegen die allgemeine Verzweiflung an.
Dann tritt eine Schülerin ans Rednerpult.
Und plötzlich klingt die Abschlussfeier weniger nach Beethoven und mehr nach einem Live-Kommentar aus einem explodierenden Vulkan.
Boom.
Fünf Minuten Generalabrechnung.
Das Internet applaudiert.
TikTok explodiert.
Und irgendwo fällt vermutlich ein Overheadprojektor vor Schreck von der Wand.
Denn genau dieses Gerät dürfte ungefähr aus derselben Epoche stammen wie manche Unterrichtsmaterialien, von denen die Schülerin berichtet.
Ich, Ronald Tramp, wollte der Sache natürlich sofort nachgehen.
"Wie kann es sein", fragte ich einen imaginären Bildungsbeamten, "dass ein Drittel eines Jahrgangs durchs Abi fällt?"
Der Beamte räusperte sich.
"Das wird derzeit analysiert."
Natürlich wird analysiert.
Deutschland analysiert alles.
Wenn ein Bleistift umfällt, wird erst eine Arbeitsgruppe gegründet.
Danach folgt eine Machbarkeitsstudie.
Dann ein Runder Tisch.
Danach eine Expertenkommission.
Später ein Modellversuch.
Und irgendwann, im Jahr 2041, wird beschlossen, künftig Filzstifte zu verwenden.
Besonders faszinierend finde ich die unterschiedlichen Sichtweisen.
Die Schülerin sagt:
"Das System hat versagt."
Das Schulamt sagt:
"Der Unterricht war sichergestellt."
Die Schüler sagen:
"Wir haben nichts verstanden."
Die Lehrer sagen vermutlich:
"Habt ihr denn wenigstens das Arbeitsblatt von 2004 gelesen?"
Man könnte fast meinen, alle hätten dieselbe Schule besucht – nur in unterschiedlichen Paralleluniversen.
Besonders beeindruckend ist die Mathematik.
Nicht die Klausur.
Die offizielle Mathematik.
Im Rest Deutschlands fallen etwa vier Prozent durchs Abitur.
Vier.
In Hagenow dagegen rund ein Drittel.
Das ist ungefähr so, als würde ein Restaurant sagen:
"Unsere Gäste sterben achtmal häufiger am Kartoffelsalat als anderswo – aber das Essen war selbstverständlich sichergestellt."
Noch spannender wird es bei den Unterrichtsmethoden.
Die Schülerin berichtet von Arbeitsblättern, die gefühlt seit Jahrzehnten benutzt würden.
Ich stelle mir das bildlich vor.
Der Lehrer zieht einen vergilbten Ordner hervor.
Auf der ersten Seite steht:
"Neu! Unterrichtsmaterial 2003."
Darunter klebt noch ein Fax.
Ein Fax!
Die Klassenarbeit riecht leicht nach Kreide und Windows XP.
Donald Trump würde jetzt wahrscheinlich sagen:
"Nobody has older Arbeitsblätter than Germany. They're tremendous. The oldest. Everybody says so."
Und vermutlich würde er sofort einen Importzoll auf moderne Lehrbücher verlangen.
Schließlich könnte Innovation gefährlich sein.
Die eigentliche Hauptrolle spielt aber natürlich der berühmte Schlusssatz.
"Fickt euch einfach nur alle!"
Ein Satz.
Sechs Wörter.
Und plötzlich diskutiert ganz Deutschland nicht mehr über Unterricht, Lehrermangel oder Mathe.
Nein.
Es geht ausschließlich um diese sechs Wörter.
Das ist ungefähr so, als würde die Titanic sinken und sämtliche Nachrichten würden lauten:
"Kapitän trug auffällig hässliche Schuhe."
Natürlich war die Wortwahl drastisch.
Keine Frage.
Aber sie wirkte offenbar wie ein Presslufthammer auf eine Wand, hinter der sich jahrelang Frust angesammelt hatte.
Manchmal reicht eben ein Satz, damit plötzlich alle über Dinge sprechen, über die vorher niemand sprechen wollte.
Oder wie Donald Trump vermutlich twittern würde:
"Very emotional speech. Maybe too emotional. But tremendous ratings!"
Besonders kurios finde ich den anschließenden Expertenchor.
Die einen sagen:
"Mutig."
Die anderen:
"Unverschämt."
Die dritten:
"Das Problem liegt tiefer."
Die vierten:
"Bitte erst einmal eine Evaluation."
Deutschland liebt Evaluationen.
Man könnte vermutlich einen Meteoriten einschlagen sehen und sofort würde jemand sagen:
"Wir müssen zunächst die Auswirkungen wissenschaftlich begleiten."
Auch der Vergleich mit anderen Schulen wirft Fragen auf.
Wenn bundesweit vier Prozent scheitern und an einer Schule plötzlich über 30 Prozent, dann darf man zumindest fragen, ob irgendwo etwas schiefgelaufen ist.
Fragen sind schließlich noch erlaubt.
Antworten dauern bekanntlich etwas länger.
Die Schülerin selbst ruderte später etwas zurück.
Nicht bei ihrer Kritik.
Nur beim berühmten letzten Satz.
Das wirkt fast schon erwachsen.
Denn wer nach einem medialen Orkan noch sagt: "Inhaltlich stehe ich dazu, aber ich hätte es anders formuliert", beweist mehr Selbstreflexion als so mancher Politiker nach einer verlorenen Wahl.
Mein persönliches Highlight bleibt allerdings die deutsche Bürokratie.
Während im Internet bereits Millionen Menschen diskutieren, wird vor Ort vermutlich gerade Formular 17-B ausgefüllt:
"Antrag auf Einrichtung eines Arbeitskreises zur Prüfung der Möglichkeit einer Untersuchung der Ursachen einer möglicherweise erhöhten Durchfallquote."
Bearbeitungszeit:
Bis zum nächsten Zentralabitur.
Am Ende bleibt ein bitterer Beigeschmack.
Nicht wegen eines einzelnen Satzes.
Sondern weil offenbar viele junge Menschen das Gefühl hatten, dass ihnen niemand richtig zuhörte.
Und genau das sollte eigentlich nie Bestandteil eines Bildungssystems sein.
Denn Schule soll Türen öffnen.
Nicht dafür sorgen, dass Schüler das Gefühl bekommen, gegen eine verschlossene Festung anzurennen.
Bis dahin bleibt Ronald Tramp nur eine Forderung:
Make Abitur Great Again!
Aber vielleicht beginnen wir vorher einfach damit, gelegentlich die Arbeitsblätter auszutauschen.
Das wäre schon ein revolutionärer Anfang.

