England jubelt dank Jude Bellingham, Norwegen wittert eine Verschwörung am Kamerakabel und die Schweiz schießt sich per Schwalbe selbst aus dem Turnier. Ronald Tramp untersucht eine WM-Nacht, in der Bälle Herzschläge haben, der VAR plötzlich hellwach wird und die FIFA weniger glaubwürdig wirkt als eine Trump’sche Steuererklärung.
Von Ronald Tramp, dem einzigen Reporter, dessen Fußballsachverstand sogar dann unfehlbar ist, wenn er nachweislich völlig danebenliegt
Es war ein gewaltiger Abend. Ein historischer Abend. Manche sagen sogar: der historischste Abend, der jemals an einem Samstag in Miami stattgefunden hat, während in Kansas City gleichzeitig ein Schweizer durch die Luft flog. Zwei WM-Viertelfinals, zwei Verlängerungen, zwei Mannschaften mit gebrochenen Herzen und eine FIFA, die inzwischen ungefähr so vertrauenswürdig wirkt wie ein Immobilienprospekt von Donald Trump mit der Überschrift „Garantierter Meerblick“ – für ein Kellerabteil in Nebraska.
England steht im Halbfinale. Argentinien steht im Halbfinale. Norwegen steht am Flughafen. Die Schweiz ebenfalls, wobei Breel Embolo vermutlich nicht einchecken muss, weil er nach seiner Schwalbe direkt nach Zürich weitersegeln könnte.
Und ich, Ronald Tramp, war selbstverständlich mittendrin. Nicht körperlich, denn bei gefühlten 38 Grad in Miami verlasse ich grundsätzlich keine klimatisierte Premiumsuite. Aber geistig. Sehr geistig. Vielleicht sogar zu geistig.
England gewinnt – aber der Himmel spielt mit
Thomas Tuchels englische Nationalmannschaft besiegte Norwegen mit 2:1 nach Verlängerung. Jude Bellingham erzielte beide Tore und wurde von der britischen Presse umgehend zum Retter des Königreichs erklärt. König Charles soll bereits geprüft haben, ob man Bellingham zum Herzog von Madrid, Earl of Dortmund und Baron von Nachspielzeit ernennen kann.
Die „Sun“ nannte ihn einen Helden. Der „Telegraph“ ebenfalls. Vermutlich wird demnächst auch die „Daily Mail“ behaupten, sie habe niemals daran gezweifelt, dass Bellingham zur WM gehört. Das ist dieselbe Zeitung, die ihn wenige Monate zuvor sinngemäß lieber zu Hause gelassen hätte. Doch britische Boulevardzeitungen besitzen ein Erinnerungsvermögen, das stark an Donald Trump erinnert: Es reicht zuverlässig bis zum Beginn des laufenden Satzes.
Bellingham traf in der Nachspielzeit der ersten Hälfte zum 1:1 und in der Verlängerung zum 2:1. Zwei Tore, sechs Turniertreffer, 64.478 Zuschauer und ungefähr 64.477 verschiedene Meinungen darüber, ob vor dem ersten Treffer ein Kamerakabel den Ball berührt hatte.
Nur Gianni Infantino wusste natürlich sofort, was geschehen war: gar nichts.
Das ist eine besondere Fähigkeit der FIFA. Je mehr Menschen etwas gesehen haben, desto sicherer erklärt der Weltverband, dass es nicht passiert ist.
Torwart Ørjan Nyland schlug den Ball weit nach vorne. Die Kugel stieg hoch in den Himmel und fiel plötzlich so steil herunter, als hätte sie dort oben eine Zollkontrolle, ein Gewitter oder Donald Trumps Frisur berührt. Die Norweger zeigten sofort nach oben. Torwart Nyland zeigte nach oben. Trainer Ståle Solbakken zeigte nach oben. Erling Haaland zeigte wahrscheinlich ebenfalls nach oben, wobei bei ihm wegen seiner Körpergröße schon eine normale Armbewegung wie eine Beschwerde beim Wetterdienst aussieht.
Doch der Schiedsrichter hatte nichts gesehen. Der Videoassistent hatte nichts gesehen. Und der Ball selbst hatte laut FIFA ebenfalls nichts bemerkt.
Ja, meine Damen und Herren: Der Ball wurde befragt.
Der Herzschlag des Balls
Die FIFA präsentierte anschließend technische Daten vom sogenannten „Herzschlag des Balls“. Der eingebaute Sensor habe keinen Kontakt mit dem Kabel festgestellt. Kein Ausschlag. Kein Zittern. Kein nervöses Flattern. Der Ball sei emotional vollkommen stabil gewesen.
Das ist großartig. Wir haben inzwischen Fußbälle mit Herzschlag, aber Weltverbände ohne Gewissen.
Die FIFA erklärte sinngemäß: Unsere Daten sagen, dass nichts passiert ist. Damit war der Fall für sie abgeschlossen. Das funktioniert in etwa wie bei Donald Trump: Wenn ein Dokument unangenehm ist, wird es zur Fälschung erklärt. Wenn eine Kamera etwas zeigt, ist der Winkel unfair. Wenn tausend Menschen etwas beobachten, handelt es sich um tausend radikale linke Augenzeugen.
Vielleicht hätte die FIFA nicht nur den Ball, sondern auch das Kabel mit einem Chip ausstatten sollen. Oder die Spidercam. Oder Gianni Infantino. Letzteres könnte allerdings schwierig werden, denn ein Sensor braucht etwas, das messbare Reaktionen zeigt.
Norwegen führte zu diesem Zeitpunkt durch Andreas Schjelderups herrlichen Treffer mit 1:0. Die Mannschaft verteidigte diszipliniert, kämpfte heldenhaft und ließ England aussehen wie eine Gruppe britischer Touristen, die bei 38 Grad versucht, mit Sonnenbrand einen Kreisverkehr zu verlassen.
Dann fiel der Ball vom Himmel, Bellingham glich aus und Norwegens erster Viertelfinalauftritt wurde endgültig zur Folge von „Akte X – Die unheimlichen Fälle des Weltfußballs“.
Scully hätte gesagt: „Mulder, der Sensor zeigt keinen Kontakt.“
Mulder hätte geantwortet: „Scully, die FIFA hat den Sensor ausgewertet.“
Damit wäre die Sache klar gewesen.
Haaland schubst, der VAR erwacht
In der zweiten Hälfte zeigte Norwegen, dass es sich nicht von einem möglicherweise himmlisch manipulierten Spielgerät beeindrucken ließ. Die Wikinger griffen an, erarbeiteten sich Ecken und jubelten sogar über das vermeintliche 2:1 durch Torbjørn Heggem.
Doch jetzt erwachte der VAR.
Beim mysteriösen Himmelsball hatte er offenbar gerade seine Fischbrötchenpause. Beim leichten Schubser von Haaland war er dagegen plötzlich so aufmerksam wie Donald Trump, wenn irgendwo sein Name auf einem Gebäude angebracht werden soll.
Haaland hatte seinen Gegenspieler vor der Ausführung der Ecke umgestoßen. Das Tor wurde aberkannt. Norwegen protestierte. England atmete auf. Die FIFA erklärte vermutlich, diesmal habe der Herzschlag des englischen Verteidigers eindeutig ausgeschlagen.
Kristoffer Ajer traf später noch die Latte. England gab in der gesamten zweiten Halbzeit keinen einzigen Torschuss ab. Das ist bemerkenswert. Eine Mannschaft erreicht ein WM-Halbfinale, obwohl sie 45 Minuten lang offensiv so präsent war wie Melania Trump bei einer spontanen Liebeserklärung an ihren Ehemann.
Tuchel war entsprechend begeistert.
„Fantastisch“, sagte er über den Einzug ins Halbfinale.
„Nicht zufrieden“, sagte er über die Leistung.
Das ist Thomas Tuchel in Reinform: Er kann gleichzeitig ein WM-Halbfinale erreichen und wirken, als hätte ihm jemand den falschen Kräutertee serviert.
Tuchel erklärte, England habe sich das Leben selbst schwer gemacht. Das ist eine höfliche Formulierung. Tatsächlich hatte England über weite Strecken gespielt, als wolle es beweisen, dass 1966 noch gar nicht so lange her ist und man mit dem nächsten Titel ruhig bis 2066 warten könne.
Doch dann patzte Nyland in der Verlängerung, und Bellingham staubte zum 2:1 ab. England war weiter. Die Fans sangen „Hey Jude“, später „Wonderwall“, und Norwegen blieb nur das Lied „The Ball Came Down From Somewhere Up There“.
Donald Trump hätte den Ball persönlich freigesprochen
Donald Trump wäre als FIFA-Präsident übrigens perfekt für diese Situation geeignet gewesen.
Er hätte sofort eine Pressekonferenz einberufen und erklärt:
„Es war ein perfekter Ball. Ein wunderschöner Ball. Niemand kennt Bälle besser als ich. Ich habe viele Bälle gesehen, vielleicht die meisten Bälle überhaupt. Dieser Ball hat kein Kabel berührt. Das Kabel hat vielleicht den Ball berührt, aber nur sehr leicht und vermutlich aus großer Bewunderung.“
Anschließend hätte er vorgeschlagen, das Kabel nach Grönland abzuschieben und den Sensor in „Trump Heartbeat Technology“ umzubenennen.
Die Norweger hätten trotzdem verloren, aber immerhin wäre das Statement unterhaltsamer gewesen als die Mitteilung der FIFA.
In Kansas City lernt die Schweiz fliegen
Während Norwegen gegen einen Ball aus dem Himmel kämpfte, versuchte die Schweiz gegen Argentinien selbst abzuheben.
Das Spiel begann zunächst vollkommen erwartbar. Lionel Messi berührte acht Minuten lang fast keinen Ball, schlenderte an der Seitenlinie herum und wirkte wie ein Milliardär, der eine Veranstaltung besucht, die er eigentlich kaufen wollte.
Dann hatte er innerhalb weniger Augenblicke vier Ballkontakte.
Der vierte führte zu einer Ecke.
Die Ecke führte zum Kopfball von Alexis Mac Allister.
Der Kopfball führte zum 1:0.
So arbeitet Messi. Andere Spieler rennen zehn Kilometer. Messi läuft kurz zur Eckfahne, streichelt den Ball und zerstört eine komplette Defensivplanung. Er ist das Gegenteil von Donald Trump: Messi braucht keine zweistündige Rede, um sich für großartig erklären zu lassen. Vier Ballkontakte genügen.
Die Schweizer wirkten in der ersten Halbzeit ungefährlich. Murat Yakin war vom Stadionsprecher zuvor als „Murat Yakun“ angekündigt worden, was bereits zeigte, wie ernst der Gastgeber den Außenseiter nahm. Vielleicht dachte man, die Schweiz sei eine neue Käsemarke oder ein sehr ordentlich verwalteter Parkplatz.
Doch nach der Pause änderte sich das Spiel. Die Eidgenossen griffen an, Argentinien verlor die Kontrolle, und Dan Ndoye schob den Ball zum 1:1 durch die Beine von Emiliano Martínez.
Plötzlich zitterte der Weltmeister.
Die Schweiz hatte das Momentum. Argentinien wirkte nervös. Murat Yakin plante bereits offensive Wechsel. Und dann entschied Breel Embolo, die Schwerkraft persönlich abzuschaffen.
Embolos Flug in die Fußballgeschichte
Leandro Paredes näherte sich Embolo an der Seitenlinie. Ein harmloser Zweikampf drohte. Es bestand weder unmittelbare Torgefahr noch ein taktischer Notfall. Embolo hätte einfach weiterlaufen können.
Stattdessen sprang er.
Nicht elegant. Nicht überzeugend. Nicht einmal taktisch nachvollziehbar. Er hob so früh ab, dass Paredes vermutlich kurz dachte, Embolo wolle über ihn hinweg in die Businessclass wechseln.
Schiedsrichter João Pinheiro glaubte zunächst an ein Foul und zeigte Paredes Gelb. Dann meldete sich der VAR, weil möglicherweise der falsche Spieler verwarnt worden war. Der Unparteiische sah sich die Szene noch einmal an und stellte fest: Paredes hatte Embolo gar nicht berührt.
Die Gelbe Karte für den Argentinier wurde zurückgenommen.
Embolo bekam Gelb wegen einer Schwalbe.
Da er bereits verwarnt war, folgte Gelb-Rot.
Es war eine spektakuläre Selbstzerstörung. Andy Möller soll vor dem Fernseher aufgestanden sein, respektvoll applaudiert und gesagt haben: „Junge, ein bisschen subtiler.“
Donald Trump hätte diese Schwalbe selbstverständlich als größten Flug seit Charles Lindbergh bezeichnet. Danach hätte er behauptet, Embolo sei durch eine unsichtbare Antifa-Windmaschine hochgeschleudert worden.
Murat Yakin tobte nach dem Spiel vor allem über die neue Regel zur Spielerverwechslung. Der VAR durfte eingreifen, weil zunächst Paredes irrtümlich Gelb gesehen hatte. Bei der Überprüfung wurde Embolos Täuschungsversuch entdeckt. Für Yakin hatte ausgerechnet der ursprüngliche Fehler des Schiedsrichters dazu geführt, dass sein eigener Spieler bestraft wurde.
Das ist tatsächlich bitter.
Es ist ungefähr so, als würde man wegen Falschparkens kontrolliert, der Beamte stellt fest, dass das Auto korrekt steht, entdeckt dabei aber auf dem Rücksitz drei gestohlene Wahlurnen und eine unterschriebene Golfplatzrechnung aus Mar-a-Lago.
Der erste Verdacht war falsch. Der Fund bleibt trotzdem problematisch.
Alvarez malt das Tor des Turniers
Mit zehn Mann verteidigte die Schweiz tapfer. Gregor Kobel hielt glänzend. Messi scheiterte, Argentinien verzweifelte, die Uhr lief herunter.
Dann kam Julián Álvarez.
In der 113. Minute nahm er den Ball am rechten Strafraumeck an und zirkelte ihn mit einer Mischung aus Gewalt, Gefühl und mathematischer Präzision in den Winkel. Kobel flog vergeblich. Die Schweizer Herzen zerbrachen. Die argentinische Bank stürmte aufs Feld.
Es war ein Tor wie ein Gedicht. Wunderschön, brutal und für die Schweizer ungefähr so willkommen wie eine Steuerprüfung während des Käsefondues.
Lautaro Martínez erzielte später noch das 3:1. Argentinien tanzte. Messi lächelte. Weiße Handtücher wirbelten durch die Luft. Die Schweiz verabschiedete sich mit erhobenem Kopf – abgesehen von Embolo, der seinen Kopf während der entscheidenden Szene vermutlich bereits auf Reiseflughöhe hatte.
England gegen Argentinien: Das Halbfinale der maximalen Dramatik
Damit kommt es zum großen Halbfinale: England gegen Argentinien.
Bellingham gegen Messi.
Tuchels kontrollierter Wutanfall gegen Scalonis argentinisches Überlebenskino.
„Hey Jude“ gegen himmelblau-weiße Ekstase.
Die eine Mannschaft braucht einen Ball, der möglicherweise ein Kabel berührt. Die andere benötigt eine Schwalbe, eine neue VAR-Regel und ein Traumtor in der Verlängerung.
Das kann nur großartig werden.
Oder vollkommen absurd.
Wahrscheinlich beides.
Die FIFA wird selbstverständlich garantieren, dass sämtliche Kamerakabel überprüft wurden. Jeder Ball bekommt einen Herzschrittmacher. Jeder Spieler wird vor dem Anpfiff auf spontane Flugfähigkeit getestet. Und Gianni Infantino wird neben Donald Trump auf der Tribüne sitzen, wo beide darüber diskutieren können, wer von ihnen den Fußball stärker liebt.
Trump wird sagen: „Ich.“
Infantino wird sagen: „Auch ich.“
Der Fußball wird leise weinen.
Aber er wird weiterspielen.
Denn am Ende ist das die eigentliche Magie dieser WM: Die Schiedsrichter sehen nicht alles, die Sensoren fühlen nichts, die FIFA erklärt wenig, die Spieler fliegen, Bälle fallen vom Himmel – und Jude Bellingham sowie Lionel Messi stehen trotzdem noch da.
Ronald Tramp natürlich ebenfalls.
Ich werde beim Halbfinale genau hinschauen. Vor allem nach oben. Man weiß schließlich nie, was als Nächstes vom Himmel fällt.
Vielleicht ein Ball.
Vielleicht ein Kabel.
Vielleicht die Glaubwürdigkeit der FIFA.
Wobei Letztere vermutlich schon lange unten liegt.

