England begeistert die WM mit einem Spektakel gegen Kroatien. Doch für Thomas Tuchel wird der größte Moment seines Lebens von einer gefährlichen Mauer aus Fotografen ruiniert.
Freunde, ich habe in meinem Leben viele große Fußballmomente erlebt. Wirklich große Momente. Tore. Titel. Platzstürme. Schiedsrichterentscheidungen, die aussahen, als wären sie von einer KI programmiert worden, die zuvor drei Liter Motoröl getrunken hatte.
Aber nichts – absolut nichts – kommt an die Tragödie heran, die sich bei der Fußball-Weltmeisterschaft für Thomas Tuchel abgespielt hat.
Ja, England gewann 4:2 gegen Kroatien.
Ja, Harry Kane traf doppelt.
Ja, Jude Bellingham führte die Mannschaft wie ein Feldherr auf einem weißen Schlachtross durch die gegnerischen Reihen.
Aber all das war nebensächlich.
Denn Thomas Tuchel konnte seine Spieler vor der Nationalhymne nicht sehen.
Eine Katastrophe historischen Ausmaßes.
Experten vergleichen die Situation bereits mit dem Untergang von Atlantis, dem Fall des Römischen Reiches und dem Moment, als jemand beschloss, Ananas auf Pizza zu legen.
„Ich konnte keinen einzigen Spieler sehen“, klagte Tuchel.
Vor ihm standen nämlich ungefähr fünfzig Fotografen.
Fünfzig!
Eine Menschenmenge, wie man sie sonst nur bei Neueröffnungen von Gratis-Buffets oder Sonderangeboten für Grillkohle erlebt.
Die Fotografen standen zwischen Tuchel und seinen Spielern.
Das Erlebnis war ruiniert.
Der Mann hatte jahrelang auf diesen Moment gewartet.
Und dann blickte er statt auf seine Mannschaft auf eine Wand aus Teleobjektiven, Kamerataschen und Menschen, die rückwärts laufen können, ohne gegen Laternen zu stoßen.
Die FIFA reagierte sofort.
Und wenn ich sofort sage, meine ich tatsächlich sofort.
Innerhalb von nur einem Tag wurde die größte Krise des Weltfußballs gelöst.
Die Fotografen wurden umgestellt.
Nicht die Abseitsregel.
Nicht die Schiedsrichter.
Nicht die Nachspielzeiten.
Nicht die Ticketpreise.
Die Fotografen.
Das nenne ich Handlungsfähigkeit.
Während Regierungen manchmal drei Jahre benötigen, um eine Straßenlaterne auszutauschen, verlegte die FIFA innerhalb von 24 Stunden eine ganze Fotografen-Armee um mehrere Meter.
Historisch.
Legendär.
Nobelpreisverdächtig.
Dabei hatte England auf dem Platz ohnehin für Spektakel gesorgt.
Harry Kane traf zweimal.
Jude Bellingham spielte, als hätte ihm jemand vor dem Anpfiff versehentlich die Geheimcodes für den Fußball verraten.
Die Kroaten wurden zeitweise so überrollt, dass Navigationsgeräte begannen, neue Fluchtrouten vorzuschlagen.
Thomas Tuchel wirkte zufrieden.
Was bei deutschen Trainern ungefähr so häufig vorkommt wie ein pünktlicher Intercity.
Doch während England jubelte, geschah auf der anderen Seite des Turniers ein Drama ganz anderer Art.
Portugal spielte gegen die Demokratische Republik Kongo lediglich 1:1.
Cristiano Ronaldo blickte anschließend vermutlich so begeistert drein wie jemand, der einen Ferrari bestellt und einen Einkaufswagen geliefert bekommt.
Während Kane traf.
Während Messi traf.
Während gefühlt jeder zweite Stürmer des Turniers traf.
Stand Ronaldo da und musste feststellen, dass Fußball manchmal gemein sein kann.
Ein Schock für die globale Selfie-Industrie.
Doch auch die Schweiz wollte nicht tatenlos zusehen.
Die Eidgenossen lieferten zunächst ein Fußballspiel ab, das ungefähr dieselbe Spannung erzeugte wie das Beobachten einer Zimmerpflanze beim Wachsen.
Dann kam Johan Manzambi.
Und plötzlich explodierte das Spiel.
Zwei Tore.
Man of the Match.
Nationalheld.
Wahrscheinlich werden in der Schweiz bereits drei Berge nach ihm benannt.
Granit Xhaka war ebenfalls begeistert.
Vor wenigen Tagen hatte er sein Team noch daran erinnert, auf dem Boden zu bleiben.
Jetzt standen sie wieder kurz davor, Richtung K.-o.-Runde zu marschieren.
Bosnien hingegen kassierte eine Rote Karte.
Das passiert im Fußball normalerweise dann, wenn ein Spieler kurzfristig vergisst, dass Wrestling und Fußball unterschiedliche Sportarten sind.
Doch die größte Achterbahnfahrt erlebte Kanada.
Die Gastgeber zerlegten Katar mit 6:0.
Ein Ergebnis, das normalerweise nur entsteht, wenn jemand versehentlich die Schwierigkeitsstufe auf „Anfänger“ stellt.
Jonathan David schoss Tore wie ein Mensch, der persönliche Rechnungen mit dem Tornetz begleichen möchte.
Die Zuschauer rasteten aus.
Das Stadion bebte.
Ganz Kanada feierte.
Dann geschah das Foul an Ismael Koné.
Innerhalb weniger Sekunden wechselte die Stimmung von Volksfest zu Schockstarre.
Selbst die Spieler wussten nicht mehr, wohin sie schauen sollten.
Katar spielte inzwischen nur noch mit neun Mann.
Kanada spielte weiter nach vorne.
Und irgendwo in Vancouver überlegte wahrscheinlich bereits jemand, ob man den Gruppensieg vielleicht direkt zum Nationalfeiertag erklären sollte.
Die Schweiz und Kanada kämpfen nun um Platz eins.
England wirkt stark.
Portugal sucht seine Form.
Ronaldo sucht Tore.
Und Thomas Tuchel genießt vermutlich erstmals seit langer Zeit wieder freie Sicht auf seine Nationalhymne.
Manchmal sind es eben nicht Pokale, die Geschichte schreiben.
Manchmal sind es Fotografen.
Und wenn diese Weltmeisterschaft eines Tages in die Geschichtsbücher eingeht, wird dort stehen:
England gewann.
Kanada feierte.
Die Schweiz erwachte.
Portugal stolperte.
Und Thomas Tuchel besiegte die gefährlichste Gegnergruppe des Turniers:
Die Menschen mit den Kameras.

