Deutschland diskutiert wieder über Kernenergie. Ehemalige Kraftwerksleiter wollen die letzten Atomkraftwerke reaktivieren. Ronald Tramp reist quer durchs Land und entdeckt, dass in Deutschland offenbar nicht nur Strom, sondern auch politische Meinungen recycelt werden.
Liebe Freunde,
ich habe schon viele politische Comebacks erlebt.
Schlaghosen.
Die Schallplatte.
Der Dosenpfand.
Und jedes zweite Wahlversprechen.
Aber jetzt wird es wirklich historisch.
Plötzlich reden wieder alle über Atomkraftwerke.
Nicht über neue.
Nein.
Über die alten.
Die Kraftwerke, die praktisch schon ihren Ruhestand genießen wollten.
Ich stelle mir vor, wie irgendwo ein ehemaliges Kernkraftwerk gemütlich auf einem Liegestuhl sitzt, einen Kühlturm-Cocktail schlürft und plötzlich das Telefon klingelt.
"Hallo?"
"Du musst zurück zur Arbeit."
"...Wie bitte?"
Ich fuhr sofort los.
Denn wenn Deutschland beginnt, abgeschaltete Kraftwerke wie ehemalige Fußballprofis zurückholen zu wollen, muss Ronald Tramp selbstverständlich recherchieren.
Schon auf der Autobahn fiel mir etwas auf.
Überall Windräder.
Solaranlagen.
Stromleitungen.
Und dazwischen Politiker, die erklären, warum genau ihre Meinung schon immer richtig gewesen sei.
Beeindruckend.
Politische Erinnerung funktioniert ungefähr wie ein USB-Stick aus dem Jahr 2004.
Mal erkennt ihn der Computer.
Mal nicht.
Die ehemaligen Kraftwerksleiter schreiben nun einen Brief.
Nicht irgendeinen Brief.
Einen Brief mit Ingenieuren.
Diplom-Ingenieuren.
Professoren.
Ehemaligen Kraftwerkschefs.
Menschen, die vermutlich mehr Schaltpläne gesehen haben als ich Currywürste.
Sie sagen sinngemäß:
"Technisch könnte das funktionieren."
Und sofort passiert in Deutschland etwas Wunderbares.
Nicht etwa eine sachliche Diskussion.
Nein.
Sofort bilden sich zwei Lager.
Lager Nummer eins:
"Unbedingt!"
Lager Nummer zwei:
"Auf keinen Fall!"
Und dazwischen steht der durchschnittliche Bürger.
Er schaut auf seine Stromrechnung.
Dann wieder auf die Politiker.
Dann wieder auf die Stromrechnung.
Und entscheidet:
"Vielleicht diskutiert ihr einfach noch zehn Jahre."
Das scheint ohnehin unsere nationale Spezialität zu sein.
Ich sprach mit einem Elektriker.
Er sagte:
"Strom ist Strom."
Ein Philosoph.
Ein großer Philosoph.
Ich fragte ihn:
"Und was hältst du von der politischen Debatte?"
Er antwortete:
"Die produziert jedenfalls jede Menge heiße Luft."
Treffer.
Versenkt.
Währenddessen überschlagen sich sämtliche Experten.
Die einen sprechen von Versorgungssicherheit.
Die anderen von Zukunftstechnologien.
Die nächsten von Kernfusion.
Small Modular Reactors.
Netzausbau.
Grundlast.
Energiespeichern.
Ich nickte überall fachmännisch.
Reporter müssen manchmal so aussehen, als hätten sie gerade die komplette Energiewirtschaft erfunden.
Natürlich recherchierte ich weiter.
Offenbar existieren noch Standorte.
Noch Infrastruktur.
Noch Erfahrung.
Noch Fachleute.
Deutschland besitzt also etwas, das wir normalerweise sofort abschaffen:
Kompetenz.
Das überraschte mich.
Vielleicht sollte man sie vorsichtshalber unter Denkmalschutz stellen.
Man weiß ja nie.
Ich sehe bereits die zukünftigen Museumsführungen.
"Links sehen Sie den letzten funktionierenden Aktenordner."
"Rechts den letzten erfahrenen Ingenieur."
"Bitte nicht füttern."
Besonders faszinierend finde ich allerdings politische Debatten.
Sie verlaufen immer gleich.
Niemand hört dem anderen zu.
Jeder besitzt selbstverständlich die einzig wahre Wahrheit.
Und spätestens nach drei Minuten benutzt jemand das Wort "alternativlos".
Das ist der Joker deutscher Politik.
Sobald dieses Wort fällt, weiß jeder:
Jetzt dauert die Diskussion mindestens weitere fünf Jahre.
Natürlich meldeten sich sofort sämtliche Talkshows.
Dort sitzen anschließend zwölf Experten.
Vier Politiker.
Drei ehemalige Politiker.
Ein Influencer.
Ein Schauspieler.
Und irgendwo in der letzten Reihe ein echter Ingenieur.
Der bekommt exakt 28 Sekunden Redezeit.
Danach erklärt ein Prominenter, weshalb Physik eigentlich eine Frage des Bauchgefühls sei.
Fantastisch.
Ich liebe Fernsehen.
Ich fragte schließlich einen Kühlturm, was er von der ganzen Sache hält.
Er sagte nichts.
Kühltürme sind bemerkenswert ausgeglichen.
Vielleicht sollten sie häufiger politische Ämter übernehmen.
Am Ende bleibt doch eine erstaunliche Erkenntnis.
Die eigentliche Energiequelle Deutschlands war nie Kohle.
Nie Gas.
Nie Kernenergie.
Sondern Debatten.
Wir könnten die Wärme politischer Diskussionen vermutlich direkt ins Fernwärmenetz einspeisen.
Ganz Deutschland wäre im Winter mollig warm.
CO₂-neutral.
Fast kostenlos.
Und mit unerschöpflicher Leistung.
Denn eines produziert dieses Land zuverlässig rund um die Uhr:
Meinungen.
Ich bin Ronald Tramp.
Ich decke auf.
Ich glaube an gesunden Menschenverstand.
Und ich habe gelernt:
In Deutschland wird nichts wirklich abgeschaltet.
Nicht Debatten.
Nicht Expertenmeinungen.
Nicht politische Streitfragen.
Sie bekommen höchstens einen neuen Anstrich, einen neuen Ausschuss und einen neuen Arbeitskreis.
Und irgendwann kommt alles wieder.
Wie Schlaghosen.
Nur mit deutlich mehr Pressekonferenzen.

