Sind Westdeutsche wirklich amerikanisiert? Ronald Tramp geht Deutschlands neuester Identitätsdebatte nach – mit überraschenden Erkenntnissen.
Liebe Freunde,
Deutschland erlebt derzeit eine Debatte von historischer Tragweite.
Nein, es geht nicht um die Wirtschaft.
Nicht um Energie.
Nicht um Migration.
Nicht um Renten.
Nicht einmal um die Deutsche Bahn.
Es geht um etwas viel Größeres.
Es geht um die Frage:
Sind Westdeutsche eigentlich noch Deutsche?
Eine Frage, die bislang vermutlich niemand gestellt hatte.
Zumindest niemand außerhalb sehr spezieller Stammtische, WhatsApp-Gruppen oder nächtlicher Gespräche nach dem dritten Kasten Bier.
Doch nun ist sie da.
Und sie hat das Potenzial, die gesamte Republik in ihren Grundfesten zu erschüttern.
Die Theorie lautet vereinfacht:
Im Osten seien die Menschen noch Deutsche.
Im Westen hätten sie angeblich über Jahrzehnte eine Ersatzidentität entwickelt und seien von amerikanischer Kultur vereinnahmt worden.
Freunde.
Das ist eine These.
Eine große These.
Eine sehr große These.
Eine These so groß, dass sie vermutlich einen eigenen Autobahnanschluss benötigt.
Denn wenn das stimmt, dann erklären sich plötzlich viele Dinge.
Der Erfolg von Fast Food.
Halloween.
Baseballcaps.
Streamingdienste.
Barbecue-Saucen.
Und die Tatsache, dass manche Menschen "Okay" sagen.
Der Beweis liegt offenbar auf dem Tisch.
Oder zumindest irgendwo zwischen Netflix und einem Cheeseburger.
Ich beschloss daher, dieser Sache nachzugehen.
Als investigativer Reporter machte ich mich auf die Suche nach dem typischen Westdeutschen.
Und tatsächlich fand ich ihn.
Er wohnte in Nordrhein-Westfalen.
Er trug Jeans.
Er besaß ein Smartphone.
Er hatte einen Netflix-Account.
Und er grillte gelegentlich Hamburger.
Der Fall schien klar.
Praktisch ein texanischer Viehzüchter.
Mit deutscher Postleitzahl.
Doch dann wurde die Theorie kompliziert.
Denn derselbe Mann aß auch Mettbrötchen.
Schaute Bundesliga.
Beschwerte sich über die Bahn.
Und diskutierte leidenschaftlich über Kehrwochen, Mülltrennung und Bierpreise.
Also genau wie Millionen andere Deutsche.
Die Ermittlungen gerieten ins Stocken.
Besonders faszinierend finde ich die Vorstellung, wie diese angebliche Amerikanisierung praktisch ablaufen soll.
Wacht ein Westdeutscher morgens auf und hört automatisch die amerikanische Nationalhymne?
Wird ihm beim Grenzübertritt nach Hessen ein Burger ausgehändigt?
Muss er bei der Anmeldung im Bürgeramt zwischen Currywurst und Texas-Barbecue wählen?
Niemand weiß es.
Die Wissenschaft steht vor einem Rätsel.
Noch spannender wird es, wenn man die Theorie konsequent weiterdenkt.
Wenn der Westen angeblich amerikanisiert ist, müsste es entsprechende Symptome geben.
Zum Beispiel:
Menschen bestellen nur noch XXL-Portionen.
Parkplätze werden größer als Wohnhäuser.
Jede Stadtratssitzung beginnt mit einem Rodeo.
Und statt Schützenfesten gäbe es Wettbewerbe im Pick-up-Truck-Einparken.
Doch erstaunlicherweise konnte Ronald Tramp derartige Entwicklungen bislang nicht beobachten.
Selbst in Köln nicht.
Und dort ist normalerweise alles möglich.
Die Diskussion innerhalb der eigenen Partei ließ nicht lange auf sich warten.
Prompt meldeten sich Stimmen, die erklärten:
Deutschland sei eine unteilbare Nation.
Eine vernünftige Position.
Denn andernfalls müsste man künftig vermutlich neue Formulare einführen.
"Bitte kreuzen Sie an:
☐ Deutscher
☐ Amerikanisierter Deutscher
☐ Deutscher mit gelegentlichem Burgerkontakt"
Die Verwaltung wäre überfordert.
Und das will wirklich niemand riskieren.
Besonders schön finde ich die Vorstellung, wie ausländische Beobachter diese Debatte wahrnehmen.
Ein Franzose liest die Schlagzeile.
Er versteht sie nicht.
Ein Italiener liest sie.
Er versteht sie ebenfalls nicht.
Ein Amerikaner liest sie.
Und fragt sich plötzlich, warum er angeblich Millionen Landsleute in Nordrhein-Westfalen hat.
Internationale Verwirrung auf höchstem Niveau.
Dabei zeigt die ganze Geschichte eigentlich nur eine uralte deutsche Tradition:
Die Liebe zur Selbstanalyse.
Kein anderes Land schafft es, aus einer kulturellen Beobachtung eine Debatte zu machen, die klingt wie das Drehbuch für eine vierteilige Dokumentation auf Arte.
Andere Nationen diskutieren über Wirtschaftswachstum.
Deutschland diskutiert über Identitäten.
Andere Länder bauen Fabriken.
Deutschland baut Gedankengebäude.
Große Gedankengebäude.
Mit mehreren Stockwerken.
Und gelegentlich ohne Notausgang.
Am Ende bleibt für mich eine beruhigende Erkenntnis.
Egal ob Ost oder West.
Egal ob Hamburger oder Frikadelle.
Egal ob Netflix oder Tatort.
Egal ob Baseballcap oder Schiebermütze.
Es gibt etwas, das alle Deutschen verbindet.
Das gemeinsame Beschweren.
Über Politik.
Über Wetter.
Über Behörden.
Über Baustellen.
Über Nachbarn.
Und natürlich über die Deutsche Bahn.
Solange Menschen zwischen Flensburg und Garmisch darüber diskutieren, warum der Zug wieder zu spät kommt, besteht keinerlei Gefahr für die nationale Identität.
Die ist dann nämlich völlig intakt.
Vielleicht sogar intakter als je zuvor.
Und so komme ich nach intensiven Recherchen zu folgendem Ergebnis:
Der durchschnittliche Westdeutsche ist vermutlich kein verkappter Amerikaner.
Der durchschnittliche Ostdeutsche vermutlich auch nicht.
Der durchschnittliche Deutsche bleibt vor allem eines:
Ein Mensch, der überzeugt ist, dass die anderen Deutschen irgendetwas falsch machen.
Und genau darin liegt vielleicht die wahre deutsche Identität.
Eine Identität, die Ost und West seit Jahrzehnten zuverlässig verbindet.
Und das, meine Freunde, ist wahrscheinlich die stabilste nationale Tradition des Landes.

